Natur gegen Stress

Schon ein kurzer Aufenthalt in der Natur senkt den Stress, hebt das Selbstbewusstsein und stärkt sogar messbar das Immunsystem. Umweltpsychologen haben verschiedenste Studien untersucht und publizierten die positiven Auswirkungen der Natur auf den Körper.

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Kurze Natur-Pausen wirken

0:50 min, aus Puls vom 2.5.2016

Renate Cervinka, Umweltpsychologin an der Universität Wien, hat zusammen mit ihren Kollegen herausgefunden, dass der Wald die physische und psychische Gesundheit von Menschen stärkt. Spazierengehen im Wald lässt das Herz messbar ruhiger schlagen senkt den Blutdruck und entspannt die Muskeln. Gleichzeitig werden Angespanntheit, Stress und Erschöpfung vertrieben, und positive Gefühle erscheinen gewichtiger als zermürbende.

Dafür muss man nicht unbedingt eine ganze Stunde durch den Wald wandern. Denn der Entspannungseffekt tritt ziemlich schnell ein. Eine Studie, die sie in ihren Bericht einbezogen hatten, ist die Analyse von Forscher um Jo Barton von der University of Essex. Nur fünf Minuten beim Gärtnern, Spazierengehen oder Angeln braucht es, bis die Stimmung deutlich besser und das Selbstwertgefühl erhöht wird – am meisten bei jenen, die chronisch unter Stress stehen. Am stärksten ist der entspannende Effekt, wenn die Zeit im Grünen in der Nähe von Wasser verbracht wird.

Bäume in der Umgebung helfen bei Heilungsprozessen

Grüne Bäume stärken aber nicht nur die seelische Widerstandskraft, sondern auch die körperliche: Sie haben einen direkten Einfluss auf das Immunsystem. Schon im Jahr 1984 hatte der Gesundheitswissenschaftler Roger Ulrich in einer Studie beobachtet, dass bei Patienten, die nach einer Gallenblasenoperation einen Baum vor ihrem Krankenhausfenster stehen hatten, Wunden schneller heilten und sie früher nach Hause entlassen werden konnten. Auch brauchten sie im Schnitt weniger Schmerzmittel als die Patienten, die keinen Baum vor dem Fenster hatten. In einer späteren Studie zeigte der Mediziner Qing Li nach einer Analyse von Gesundheitsdaten der gesamten japanischen Bevölkerung, dass in Waldgebieten deutlich weniger Menschen an einer Krebserkrankung sterben als in unbewaldeten Gebieten – und das, nachdem viele andere mögliche Einflussfaktoren auf das Sterberisiko herausgerechnet worden waren.

Fernab der Reizüberflutung

Killerzellen sind Zellen des Immunsystems, die kranke oder infizierte Körperzellen erkennen und zerstören. Die Wissenschaftler sahen in Laborversuchen auch, dass die Killerzellen durch sogenannte Phytonzyden angeregt wurden: Substanzen, die Bäume bilden, um sich selbst vor Krankheitserregern zu schützen. Wer im Wald herumspaziert, profitiert also davon.

Warum psychologisch gesehen aber nicht nur der Wald, sondern jede natürliche Umgebung eine entspannende Wirkung hat, erklären die Psychologen Rachel und Stephen Kaplan mit der sogenannten «Attention Restoration Theory». Sie glauben, dass die vielen Reize, denen Menschen vor allem in der Stadt ständig ausgesetzt sind – Sirenen, Baustellenfahrzeuge und ein lärmender Nachbar – zum grossen Teil abgewehrt werden müssen, weil sie nicht wichtig für die eigene derzeitige Situation sind.

Diese unaufhörliche Reizabwehr ermüdet aber auf Dauer. In der Natur hingegen wird die Aufmerksamkeit ohne Anstrengung auf nur wenige Reize gelenkt. Wer gedankenverloren den dahinziehenden Wolken nachsieht oder singenden Vögeln lauscht, kuriert den Forschern zufolge die mentale Erschöpfung, die aus der ständigen Reizüberflutung im Alltag verursacht wird.

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