Die Krise nach dem Herzinfarkt

Traumatische Erlebnisse wie Krieg, sexuelle Übergriffe oder Naturkatastrophen können zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen. Doch auch Krankheiten können traumatisieren – etwa Krebs, schlimme Verbrennungen oder Herzkreislauferkrankungen.

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Nach dem Herzinfarkt auch den Geist heilen

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Traumatische Erlebnisse

  • «Man-Made»: Gewalttaten durch andere Menschen (z.B. Folter, Vergewaltigung, Kriege, Unfälle)
  • «Non-Man-Made»: Naturkatastrophen (z.B. Erbeben, Tsunami, Lawinen)
  • «Disease-Made»: Körperliche Krankheiten (z.B. Überleben einer Krankheit, Mitteilung einer Diagnose, Durchleben von therapeutischen Prozeduren)

Bei Patientinnen und Patienten mit einem Hirnschlag oder einer Streifung erleidet nicht weniger als einer von vier eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Das zeigt eine neue Übersichtsstudie im Fachmagazin «Plos one». Bei Überlebenden eines Herzinfarkts zeigte eine Studie derselben Forscher vor einem Jahr ebenfalls häufig PTBS.

«Das ist nicht erstaunlich», findet Roland von Känel, Chefarzt Psychosomatik am Inselspital und Professor an der Universität Bern. Eine lebensbedrohende Krankheit könne nun mal sehr traumatisierend sein. «Und wenn man davon ausgeht, dass etwa 15 Prozent der Menschen einmal in ihrem Leben einen Herzinfarkt erleiden, und davon dann eben ein Viertel an einer posttraumatischen Belastungsstörung erkrankt, dann betrifft das sehr viele Menschen».

«Flashbacks»

Eine posttraumatische Belastungsstörung nach einem Herzinfarkt oder einem Hirnschlag kann sich darin äussern, dass die Patientinnen und Patienten den Herzinfarkt innerlich immer wieder erleben, wie in einem Film. Sie haben sogenannte «Flashbacks». «Ich erinnere mich an eine Patientin, die beim Abendessen am Tisch in der Stube plötzlich diesen Film vor sich sah, wie sie in der Ambulanz mit Blaulicht auf die Notfallstation gebracht wurde», erzählt der Psychosomatik-Spezialist Roland von Känel.

Ein zweites Symptom einer PTBS ist das Vermeidungsverhalten. Patientinnen und Patienten wollen mit ihren Angehörigen z.B. nicht über den Infarkt sprechen. Sie gehen auch nur unwillig zum Arzt oder nehmen ihre Medikamente nur unregelmässig ein. «Jedes Mal, wenn sie ein Aspirin nehmen müssen, werden sie ja daran erinnert, weshalb sie dieses Aspirin einnehmen müssen», sagt Roland von Känel. Zudem sind Menschen mit einer PTBS oft übererregt und können nicht mehr gut schlafen.

Ein Teufelskreis

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PTBS-Symptome

  • Trauma
  • Wiedererleben (z.B. Flashbacks oder Albträume)
  • Vermeidungsverhalten / emotionale Abflachung
  • Übererregbarkeit

Als Folge der PTBS erhöhen Herzinfarkt- oder Hirnschlagpatienten zudem ihr Risiko, körperlich noch kränker zu werden «Mit PTBS ist das Risiko eines erneuten Herzkreislaufereignisses tatsächlich erhöht. Man sieht zum Beispiel, dass mit PTBS Diabetes oder Entzündungen einhergehen». Das habe damit zu tun, dass gewisse Stresshormone im Blut durch die PTBS erhöht seien.

Zudem würden die Patientinnen und Patienten die Empfehlungen für einen gesunden Lebensstil – mehr Bewegung, weniger Essen, nicht mehr rauchen – schlechter umsetzten. Dieser Teufelskreis ist schwierig zu durchbrechen. Immerhin scheinen psychotherapeutische Verfahren vielversprechend.

Schneller reagieren

Roland von Känel testet in einem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojekt eine Intervention, die ansetzt, bevor Herzinfarktpatienten eine PTBS entwickeln – d.h. innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Infarkt. Mit Resultaten ist in rund zwei Jahren zu rechen.

Nicht vergessen sollte man, dass auch das medizinische Personal zu einer PTBS beitragen kann, indem es die Patienten zum Beispiel nicht sehr engmaschig betreut. «Wir gehen davon aus, dass eine übervolle Notfallstation, wo sich die Patienten hilflos und alleingelassen fühlen, ein Risikofaktor für PTBS sein kann». Auch zu viel Dramatik sei zu vermeiden, sagt Roland von Känel – etwa die Fahrt ins Spital mit Blaulicht. Da gilt es also abzuwägen zwischen schneller und sicherer Hilfe und der Gefahr der Traumatisierung.

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