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Selbstverletzung Ritzen – Aus innerer Not und zum Druckabbau

Nicht wenige Jugendliche verletzen sich im Laufe der Adoleszenz selber: Mädchen ritzen sich meistens die Arme oder Beine, Jungs verbrennen sich häufiger mit Zigaretten oder schlagen so lange ihre Faust gegen die Wand, bis sie blutet. Oft hängt dies mit einer psychischen Störung zusammen.

Legende: Video Ritzen – Warum verletzen sich Jugendliche selbst? abspielen. Laufzeit 10:46 Minuten.
Aus Puls vom 12.03.2018.

Jugendliche im adoleszenten Alter, die sich selber Verletzungen zufügen, befinden sich in einer starken emotionalen Anspannung, aus der sie keinen Ausweg finden.

Die Selbstverletzung ist gleichsam ein Ventil, durch das der grosse innere Druck abgelassen wird; der physische Schmerz lenkt zudem vom inneren Schmerz ab, die Gedanken werden wieder frei – wenigstens für einen Moment.

Schuldgefühle

Doch diese Erleichterung ist nur von kurzer Dauer, hält oft nur wenige Minuten an. Dann folgen Schuldgefühle, Scham und schlechtes Gewissen sowie die Angst, entdeckt zu werden. Entgegen der verbreiteten Meinung, Jugendliche, die sich selber Schnitte oder Verbrennungen zufügen, würden damit nur Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, möchten viele, dass ihre Taten unbedingt unentdeckt bleiben.

Trotz der kurzen Zeit der Erleichterung, und obwohl die Betroffenen durchaus wissen, dass ihre Probleme nicht durch Selbstverletzung gelöst werden, tun sie es immer wieder. Die Schnitte ins eigene Fleisch werden zu einer Sucht.

Häufig nehmen Eltern und Lehrer nicht wahr, was da abläuft. Oder sie erkennen es zwar, wissen aber nicht, wie sie adäquat darauf reagieren sollen. Und tun sie es doch, ist ihre Reaktion leider oft von Unverständnis geprägt.

Echtes Interesse zeigen

Michael Kaess, Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie KJP Bern, Link öffnet in einem neuen Fenster, der auf dem Gebiet der selbstverletzenden Jugendlichen forscht, bedauert die Zurückhaltung der Erwachsenen, «weil Ansprechen und Thematisieren in der Regel hilft und oft als entlastend empfunden wird.»

Voraussetzung aber sei, dass dies «nicht wertend und schon gar nicht entwertend» geschehe, sondern aus echtem Interesse heraus gefragt werde: «Warum machst Du das?» Damit sich Jugendliche, die sich selber verletzen, verstanden fühlen und somit bereit sind, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Vor allem für die Jugendlichen, die nicht mehr von der Selbstverletzung ablassen, ist professionelle Hilfe notwendig.

Tipps von Michael Kaess

  • Wenn Jugendliche plötzlich und selbst im Sommer nur noch langärmlige Kleidungsstücke tragen...
  • Wenn Jugendliche sich vermehrt vom Familienleben zurückziehen und sich in ihrem Zimmer einsperren...
  • Wenn im Hausmüll plötzlich blutige Taschentücher oder Tupfer liegen...

...dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen und nachzufragen.

Je früher dies geschieht, desto besser. Denn obwohl selbstverletzendes Verhalten nicht zwingend zum Suizid führt, kann es doch ein wesentlicher Risikomarker für das Auftreten von akuter Suizidalität in der Adoleszenz sein. Zudem besteht ein Zusammenhang zwischen selbstverletzendem Verhalten und psychischer Störungen wie Depression oder Angststörung im Jugendalter.