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WG der Religionen Das Judentum in der Schweiz

Die Fassade der Synagoge von Aussen.
Legende: Die jüdische Synagoge in Endingen. SRF/Stefan Ulrich

Heute leben in der Schweiz rund 18'000 Juden. Das entspricht 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die jüdische Bevölkerung organisiert sich schweizweit in 21 Gemeinden. Ihre Anerkennung wird kantonal geregelt.

Je nach Grösse der Gemeinden gibt es verschiedene Institutionen, die ein jüdisches Leben ermöglichen sollen: Schulen, Synagogen, Jugendverbände, einen Ambulanzdienst, Altersheime, einen Friedhof.

Eine koschere Metzgerei verkauft geschächtetes Fleisch, das wegen des Schächtverbots von 1893 importiert werden muss. Die grösste jüdische Religionsgemeinde der Schweiz ist die Israelitische Cultusgemeinde in Zürich.

Der Mittelgang der Synagoge mit Holzbänken links und rechts davon.
Legende: Das Innere der Synagoge Lengnau. SRF/Bruno von Däniken

Seit 1866 haben die Juden die vollen Bürgerrechte, und mit der rechtlichen Gleichstellung von 1874 dürfen sie sich schweizweit niederlassen.

Bis dahin war es ihnen nur erlaubt, in Endingen oder Lengnau, zwei Dörfern im Kanton Aargau, zu leben.

Die jüdische Bevölkerung ist sehr divers: Es gibt alteingesessene Schweizer Juden und solche, die aus verschiedensten Ländern zugewandert sind, z.B. weil sie in die Schweiz heiraten oder als Expats temporär in der Schweiz leben.

Der Höhepunkt der jüdischen Einwanderung war von 1911 und 1917. Damals kamen rund 8000 Juden aus dem Zarenreich. Diese Zuwanderung brachte neue Bräuche des ostjüdischen Lebens in die Schweiz, und es kam zu neuen Gemeindegründungen.

Glossar

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Kaschrut: jüdische Speisegesetze regeln, was als koscher gilt und gegessen werden darf. Tiere müssen durch rituelles Schlachten und Ausbluten geschächtet werden. Fleisch- und Milchprodukte dürfen nicht kombiniert werden.

Orthodoxe: leben gesetzestreu nach den Schriften, essen koscher, besuchen regelmässig die Synagoge, tragen häufig Kippa und Perücke.

Liberale: die Mehrheit der Juden in der Schweiz, häufig nicht Gemeindemitglieder, passen die Religionsgesetze dem 21. Jahrhundert an.

Matrilinearität: Eine jüdische Mutter gibt ihren Kindern die jüdische Identität mit. Deshalb spielt es keine Rolle, ob diese die Religion aktiv ausüben oder nicht, hinsichtlich des Erbrechts sind sie jüdisch.

Einheitsgemeinde: steht allen Juden offen, ob religiös oder nicht, orthodox oder liberal und unabhängig davon, ob und wie häufig sie den Gottesdienst besuchen.

Jiddisch: Muttersprache von einigen meist orthodoxen Juden, hat Wurzeln im Mittelhochdeutschen (12. Jahrhundert), wird in hebräischer Schriftgeschrieben.

Jüdische Kultur: Das Judentum hat über Jahrhunderte hinweg eine reichhaltige und vielseitige Kultur aufgebaut, die nur stellenweise etwas mit der Religion zu tun hat. Die jüdische Klezmer-Musik, beispielsweise vom Klarinettisten Giora Feidman, ist über die Religionsgrenze hinweg beliebt. Gerade aus der deutschen Literatur sind jüdische Autoren nicht mehr wegzudenken: Heinrich Heine, Franz Kafka, Else Lasker-Schüler, Elias Canetti und viele weitere haben die deutsche Literatur stark geprägt.

Die wenigsten Jüdinnen und Juden sind an ihrer Kleidung oder Kopfbedeckung erkennbar. Stereotypen wie Schläfenlocken oder Perücke betreffen eine kleine, orthodoxe Minderheit.

«Ein» einziges Schweizer Judentum gibt es nicht, es finden sich viele kulturelle und nationale Einflüsse, die «das» Judentum von Menschen unterschiedlicher Herkunft prägen.

So sprechen beispielsweise viele Jüdinnen und Juden neben Schweizerdeutsch auch Modernhebräisch, Französisch, Englisch und Niederländisch, manche auch Jiddisch.

Ein nach wie vor aktuelles Thema ist der Antisemitismus: die Ablehnung, Diskriminierung und Anfeindung von Juden, weil sie Juden sind.

Antisemitismus basiert auf stereotypen Vorurteilen und Verschwörungstheorien: Juden würden Nichtjuden grundsätzlich verachten, die eigene Gruppe über alles stellen, nur in die eigene Tasche wirtschaften, ungebührlich grossen Einfluss auf die Politik nehmen.

Antisemitismus ist heute immer häufiger auch im Internet zu beobachten. Er geht häufig mit Antizionismus einher, der dem Staat Israel grundsätzlich die Existenzberechtigung abspricht.

Kritik an der israelischen Politik ist als solche aber nicht grundsätzlich antisemitisch, sondern genauso legitim wie die Kritik an der Politik anderer Staaten. Schweizer Juden vertreten sehr unterschiedliche Haltungen gegenüber Israel.

«WG der Religionen»

Ein Christ, eine Muslimin, ein Jude, eine Buddhistin und ein Atheist erproben das interreligiöse Zusammenleben.

4 Folgen jeweils donnerstags. Ab 29.11.2018, 21:05 Uhr, SRF 1 und nach Ausstrahlung bei Play SRF.

Begleitmaterialien zur Reihe «WG der Religionen» wurden von einem Team des Religionswissenschaftlichen Seminars der Universität Zürich erarbeitet:

  • Margherita Brodbeck Roth, Fabienne Iff, Nora Luisa Kaiser, David Kobelt, Alice Küng, Prof. Dorothea Lüddeckens, Jill Marxer, Prof. Dr. Christoph Uehlinger

5 Kommentare

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  • Kommentar von Wendy Müller (WendyMüller)
    Antizionismus ist Antisemitismus. Das ist nur ein neues Wort um sich so zu schützen. Das hat auch vor Jahren ein deutscher Journalist gesagt. Das sagt auch eine Freundin die im Innenministerium in Israel arbeitet. Israel ist das schönste Land dass es auf erden gibt und es ist sicherer als die Schweiz.
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    1. Antwort von David Kobelt (David Kobelt)
      Wie meinen Sie das? Es ergibt durchaus Sinn, diese Unterscheidung zu machen. Von fehlender Sicherheit oder Schönheit ist im Text aber keine Rede. «Kritik an der israelischen Politik ist als solche aber nicht grundsätzlich antisemitisch, sondern genauso legitim wie die Kritik an der Politik anderer Staaten. Schweizer Juden vertreten sehr unterschiedliche Haltungen gegenüber Israel.»
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  • Kommentar von jean-claude albert heusser (jeani)
    Die Religion wird in der Gesellschaft viel zu stark "gewichtet" und bewirkt meist das Gegenteil, nämlich "Hass und Intoleranz"!
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    1. Antwort von Nora Kaiser (Nora Luisa Kaiser)
      Inwiefern meinen Sie, dass die Religion gewichtet wird? Hinsichtlich Medienpräsenz? Natürlich machen die jüdischen Gemeinden in der Schweiz eine sehr geringe Anzahl hinsichtlich der Gesamtbevölkerung aus. Der jüdischen Religion aber gar keine Beachtung zu schenken, scheint mir nicht der richtige Weg gegen Antisemitismus zu sein. Viel eher sollte auf die Qualität von Beiträgen hinsichtlich des Judentums und auch anderen religiösen Gemeinscahften geachtet werden.
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    2. Antwort von David Kobelt (David Kobelt)
      Ich bin mir nicht sicher, ob die Erklärung wirklich so einfach ist. Man könnte sicher auch Beispiele für das exakte Gegenteil nennen. Ihren Punkt verstehe ich aber durchaus. Es gibt viele traurige Belege für Hass und Intoleranz. Als Religionswissenschaftler ist es mir aber wichtig, darauf hinzuweisen, dass es weder "die Religion" noch "die Gesellschaft" in der Einzahl gibt. Deren Bestandteile sind viel zu unterschiedlich.
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