«Was würdest du bereuen, wenn du heute stirbst?» Diese Frage überrumpelt mich. Es ist die Einstiegsfrage, die mir Kihoo Kim, der das Sterbeseminar leitet, gleich zu Beginn stellt. Sie erscheint mir zu gross und irgendwie auch zu anstrengend. Muss ich wirklich schon über den Tod nachdenken als noch nicht mal 30-Jährige?
Wir sterben alle. Wann und wie, ist den meisten von uns nicht bekannt. Aber mit dem Gedanken, dass das eigene Leben irgendwann endet, müssen wir uns alle anfreunden. In Namyangju in Südkorea setze ich mich mit dieser Frage intensiv auseinander.
Darum boomt die Frage nach dem Tod
Vielleicht ist es aber gar nicht schlecht, dass ich mich mit dieser Frage beschäftige. Das denkt sich wahrscheinlich auch die andere junge Touristin, die gemeinsam mit ihren Eltern teilnimmt. Alle weiteren Teilnehmenden sind Menschen aus Südkorea. Dort boome diese Art von Auseinandersetzung mit dem Tod. Seine Seminare seien regelmässig ausgebucht, erklärt Kihoo Kim.
-
Bild 1 von 4. Bei der Ankunft im Tempel Bongin erklärt der Seminarleiter Kihoo Kim, dass es mein letzter Tag sei, und fragt, wie es mir dabei geht. Bildquelle: SRF.
-
Bild 2 von 4. Ein paar Minuten später muss ich schon die Inschrift meines Grabsteins formulieren und einen Abschiedsbrief schreiben. Bildquelle: SRF.
-
Bild 3 von 4. Der Seminarleiter schliesst den Sarg. Als ich merke, dass ich wirklich eine halbe Stunde da drin sein werde, muss ich mich kurz aufs Atmen konzentrieren. Bildquelle: SRF.
-
Bild 4 von 4. Ein schmaler Spalt bei den Füssen bleibt offen. Bildquelle: SRF.
Léa Burger von der SRF-Fachredaktion Religion ordnet ein: «Die Corona-Pandemie hat uns die Verletzlichkeit des Lebens nochmals stärker vor Augen geführt. Dadurch hat die Auseinandersetzung mit dem Tod sicher zugenommen. Meine Beobachtung ist auch, dass das urmenschliche Thema Sterben und Tod schon länger en vogue ist in Form von Sterbetagebüchern, in Podcasts, in Büchern und auf Festivals.»
Die eigene Grabinschrift formulieren
Im Sterbeseminar erlebe ich skurrile Momente, die ich fast zum Lachen komisch finde. Vielleicht liegt es an meinem Hang zum Galgenhumor. Oder es spielen auch kulturelle Unterschiede eine Rolle. Als der Seminarleiter zum Beispiel eine Reihe von Videos abspielt, in denen man sich schlimme Katastrophen und tragische Schicksale in schneller Abfolge, untermalt von dramatischer Musik, anschaut: Hier habe ich Mühe, mich vollständig auf dieses Experiment einzulassen.
Das Nachdenken über den Tod lehrt uns, dass das Leben endlich ist und darum bewusst gelebt werden soll.
Darum ist es umso eindrücklicher, was nur wenige Minuten später mit meiner Stimmung passiert: Ich komme mächtig ins Grübeln. Und zwar beim Formulieren der Inschrift meines eigenen Grabsteins. Wie fasst man zusammen, was einem im Leben wichtig war und wofür man in Erinnerung bleiben möchte? «Die, die geliebt hat», schreibe ich schlussendlich auf dieses Stück Papier.
Wirklich emotional werde ich dann beim Verfassen meines eigenen Abschiedsbriefs. Er ist der Kern des Sterbeseminars: An wen würdest du zum Abschied noch einige Worte richten wollen?
Zwischen Tränen und Dankbarkeit
Welche Worte wählt man, wenn man weiss, dass es die letzten sind? Ganz automatisch sprudeln die Worte auf Schweizerdeutsch aus mir raus, irgendwie fühlt sich das natürlicher an. Ich bedanke mich bei meiner Familie und füge an, dass sie nicht zu viel Zeit mit dem Trauern verbringen sollen. Dabei kommen mir die Tränen. Die Erkenntnis, dass heute tatsächlich mein letzter Tag sein könnte, wird in diesem Augenblick sehr real.
Beim Vorlesen meines Abschiedsbriefs kann ich das Weinen nicht mehr zurückhalten. Jetzt verstehe ich, warum es einen Hype um solche Sterbeseminare gibt. Die Eindrücke führen mir vor Augen, wie dankbar ich für mein Leben bin.
Das bestärkt auch Léa Burger: «Das Nachdenken über den Tod lehrt uns, dass das Leben endlich ist und gerade darum bewusst und möglichst gut gelebt werden soll. Daran erinnert auch der lateinische Spruch ‹memento mori›, sinngemäss: Bedenke, dass du eines Tages sterben wirst. Durch dieses Bewusstsein kann sich eine gewisse Dringlichkeit für das Leben ergeben, weil es eben nicht unendlich weitergeht und manche Dinge jetzt getan werden sollen.»
Was würde ich bereuen, wenn ich heute sterbe?
Nun müssen wir uns in einen Sarg legen. Beim Einsteigen konzentrierte ich mich vor allem auf meine Atmung. Eingeengt in einer dunklen Box zu liegen, ist nicht sonderlich angenehm. Ich brauche Zeit, um mich darauf einzulassen. Ich gewöhne mich langsam daran und kann mich auf diese sogenannte «Todesmeditation» einlassen. Als ich danach zum Abschluss symbolisch an meinem eigenen Grab stehe, werde ich gedanklich nochmals zurück zur Einstiegsfrage geführt: «Was würdest du bereuen, wenn du heute stirbst?»
Und komme für mich zum Schluss: Viel zu oft habe ich mich um das Wohlbefinden und die Stimmung anderer gekümmert, anstatt meine eigenen Bedürfnisse zu priorisieren. Ich schwöre mir an diesem Tag, genau das in Zukunft anders zu machen: Das nächste Mal schaue ich zuerst zu mir.
Vielleicht würde es auch anderen Menschen guttun, sich dieser Frage möglichst schonungslos und ehrlich auszusetzen. Das geht bestimmt auch ohne Einsteigen in einen echten Sarg. Wären Sie bereit dafür?