Wenn Ayyoub Bouaddi mal vom WM-Stress abschalten will, flüchtet er sich in die Welt der fortgeschrittenen Arithmetik. «Es ist eine Möglichkeit», so der 18-Jährige, «mich vom Fussball zu lösen, mich nicht darauf zu versteifen und mich für andere Dinge zu öffnen.» Sein Superhirn hilft Marokkos Wunderkind, das neben der Profikarriere Mathematik studiert, aber auch auf dem Rasen.
Nach dem 1:1 gegen Brasilien zum WM-Start staunte die gesamte Fussball-Welt über den blutjungen Sechser, der die Bälle im Mittelfeld mit der Präzision eines Hochleistungscomputers verteilte – 60 seiner 66 Zuspiele kamen an. Bouaddi, einige Kumpels sollen ihn früher aus offensichtlichen Gründen «Einstein» genannt haben, war einfach überall.
Natürlich rufen solche Auftritte sofort die grossen Klubs auf den Plan. Der FC Chelsea, der FC Arsenal und der FC Liverpool sollen interessiert sein, aber auch Real Madrid sei auf ihn aufmerksam geworden. Sein Klub, der OSC Lille, soll aber 70 Millionen Euro verlangen. Und je länger die WM dauert, desto teurer könnte Bouaddi werden.
Was zeigt Bouaddi gegen Haiti?
Dem Teenager selbst scheint der Hype um seine Person leicht unangenehm zu sein. «Ich freue mich sehr, dass einige Vereine Interesse an mir zeigen, aber im Moment konzentriere ich mich voll und ganz auf die Weltmeisterschaft», sagte Bouaddi nach der Partie gegen Brasilien. In der Nacht auf Donnerstag könnte im dritten Gruppenspiel gegen Haiti seine nächste Gala folgen, wenn Marokko in Atlanta in die K.o.-Runde einziehen will.
Dass Bouaddi, im französischen Senlis als Sohn marokkanischstämmiger Eltern geboren, ein besonderer Junge ist, zeigte sich früh. «Wenn ich heute mit Eltern spreche, zeige ich immer eine PowerPoint-Präsentation mit Ayyoubs Zeugnis. Sie sind sprachlos, so aussergewöhnlich war er in allen Fächern», erinnerte sich Olivier Omont, ehemaliger Sportlehrer Bouaddis, im Gespräch mit L'Equipe. Im Alter von 15 Jahren gewann er einen Redekunstwettbewerb im Élysée-Palast, den Preis überreichte ihm Präsidentengattin Brigitte Macron.
Deschamps' Telefon blieb aus
Mit 16 Jahren schloss er die Schule mit Auszeichnung ab und debütierte für Lille. Und doch sollten die Franzosen ihn letztlich verschmähen, dabei war Bouaddi vor nicht einmal drei Monaten Kapitän ihrer U21-Nationalmannschaft. Weil sich Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps vor der WM aber nicht meldete und Marokko ihn gleichzeitig unbedingt wollte, wechselte das Megatalent den Verband. Nach nur vier Länderspielen ist Bouaddi aus der Mannschaft des zweifachen Afrikameisters bereits nicht mehr wegzudenken.
Übersicht