Der Fussballgott, der VAR, die Fans im Stadion und an vorderster Front seine Teamkameraden: An der WM schien auf allen Ebenen grosse Panik vor dem (wahrscheinlichen) Ende der Karriere Lionel Messis auf diesem Niveau zu herrschen. Doch auch der Captain, ein Jahr nach Diego Maradonas verrücktem Doppelpack 1986 im Viertelfinal gegen England (einmal per Hand, einmal nach Dribbling über das halbe Feld) geboren, stemmte sich dagegen. Mit zwei Assists stand er erneut am Ursprung einer beachtlichen Wende – und hielt den Traum vom 2. persönlichen WM-Titel am Leben.
Schon im Achtelfinal waren Messi und Co. gegen Ägypten quasi bereits im Flieger nach Hause gesessen. Doch mit dem Messer am Hals drehte die «Albiceleste» auf, wendete die Partie mit 3 späten Toren noch. Gegen Kap Verde und die dezimierte Schweiz musste Argentinien in die Verlängerung. Von 11 erzielten argentinischen Treffern in der K.o.-Phase fielen nur gerade deren 2 vor der 79. Minute.
«Diese Gruppe überrascht mich immer wieder aufs Neue», sagte Argentiniens Trainer Lionel Scaloni nach der jüngsten Volte gegen England: «Es ist schwierig zu erklären. Schaut euch diese Fans an. Wir sind einzigartig, das ist keine Arroganz. Dieses Trikot gibt alles bis zum Ende, lässt alle Kräfte auf dem Platz.» «Ich habe immer davon geträumt», jubelte Siegtorschütze Lautaro Martinez unter Tränen. Die Zeitung La Nacion titelte kurz nach dem Schlusspfiff: «Ein Sieg für die Ewigkeit.»
Die Südamerikaner blieben ihrem Spielstil treu. Jeder Zweikampf wurde in Sachen Härte bis an die Grenze ausgelotet – und mitunter darüber hinaus. Jede Einladung zu einer Rudelbildung nahm man dankbar an. Die von Meteorologen befürchteten Unwetter entluden sich im heissen, lauten Atlanta-Stadion nur auf dem Feld.
Spaziergänger oder Zauberer?
Wie schon dem Schweizer Nationalteam wurden den «Three Lions» taktische Anpassungen zur verstärkten Konzentration auf die Defensive zum Verhängnis. Der zuletzt gelegentlich als «Spaziergänger» verspottete Messi nahm das Zepter in die Hand, liess sich zurückfallen, bot sich in Halbräumen an – und war einmal mehr bei beiden Toren involviert.
Der Zauberer Messi – er befreite sich und seine Equipe einmal mehr in Houdini-Manier. Das dürfte dem Fussballgott gefallen. Und den vielen aus Argentinien angereisten Fans ohnehin.