Die aktuelle WM sorgt nicht nur sportlich für Gesprächsstoff. Das erstmals mit 48 Teams ausgetragene Turnier bringt neue Geschichten, neue Gesichter – aber auch Diskussionen über die Qualität des Wettbewerbs. Für die SRF-Experten Mladen Petric und Marc Schneider überwiegen dabei trotz unterschiedlicher Sichtweisen die positiven Aspekte.
- Hat die WM mit neu 48 Teams an Qualität eingebüsst?
Petric ist überzeugt, dass die Aufstockung auf 48 Teams der Qualität geschadet hat. «Es gab Spiele, bei denen einem fast das Gesicht eingeschlafen ist», sagt er und nennt den Sechzehntelfinal zwischen Kanada und Südafrika dabei als Beispiel. Gleichzeitig erkennt der 45-fache kroatische Nationalspieler aber auch die romantische Seite des neuen Formats: Kleine Nationen wie Kap Verde erhalten die Chance, sich auf der grossen Bühne zu präsentieren und über sich hinauszuwachsen.
Genau darin sieht auch Schneider den grossen Gewinn. Für ihn hat die WM nicht an Qualität verloren. Im Gegenteil: Mannschaften wie Curaçao, Haiti oder Kap Verde hätten Erlebnisse sammeln dürfen, die ihnen im bisherigen Modus verwehrt geblieben wären. Und diese Chance teils hervorragend genutzt.
- Gibt es neue Entwicklungen im Spiel, in der Taktik, in der Physis, die sich an dieser WM herauskristallisiert haben?
Petric stellt fest, dass das Spiel von Jahr zu Jahr physischer, härter und schneller wird. Taktisch hat ihn die WM hingegen bisher überrascht. Während im Klubfussball zuletzt auch kleine Teams eher offensiv nach vorne spielten, sei die Devise bei der WM nun oft: hinten dichtmachen. «Weil sie merken, dass der Gegner spielerisch besser ist», begründet der ehemalige FCB-Stürmer. Diese Herangehensweise mache gewisse Spiele erst nach dem 1. Tor attraktiv.
Vaduz-Trainer Schneider beobachtet dieselbe Entwicklung bezüglich der Physis. Auffällig sei für ihn aber, dass Standardsituationen inzwischen weniger zu Toren führen.
- Gibt es bei den Spielern die Entdeckung?
Für Schneider kommt da nur einer infrage: Johan Manzambi. «Auch wenn ich hier wohl durch die Schweizer Brille schaue.» Hierzulande sei man sich schon länger des Talents des 20-jährigen Nati-Juwels bewusst. «Aber weltweit hatte man ihn wohl nicht so auf dem Radar.»
Petric hingegen setzt auf den kapverdischen Goalie Vozinha. Mit seinen starken Leistungen gegen Spanien (0:0) und Argentinien (2:3 n.V.) löste der 40-Jährige, der eigentlich vor der WM aufhören wollte, weltweit Begeisterung aus. «Seine Geschichte ist unglaublich. Vor dem Turnier hatte er noch 46'000 Follower auf Instagram, mittlerweile sind es weit über 20 Millionen.»
- Wer ist der heisseste Titelkandidat?
Für einmal sind sich die beiden Experten schnell einig: An Frankreich führt kein Weg vorbei. Petric schwärmt von der offensiven Qualität um Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé und Michael Olise sowie den zusätzlichen Optionen von der Bank. Zusammen mit einem starken Mittelfeld und einer stabilen Defensive seien die Franzosen das kompletteste Team des Turniers.
Zusätzlich hebt Schneider die Reife des Teams hervor. Selbst Spiele – wie der Achtelfinal gegen Paraguay –, in denen mehr Kampf als Glanz gefragt gewesen sei, hätten sie mit Bravour bestritten. «Solche Siege sind unglaublich wichtig auf dem Weg zum Titel», so Schneider.
- Was war für dich bisher der Moment dieser WM – das Spiel, die Szene oder die Geschichte, die am meisten hängen geblieben ist?
Als ehemaliger kroatischer Nationalspieler muss Petric nicht lange überlegen: Für ihn bleibt die viel diskutierte VAR-Szene beim vermeintlichen kroatischen Last-Second-Ausgleich im Sechzehntelfinal gegen Portugal der prägendste Moment des Turniers. «Für mich ist der Entscheid immer noch sehr fraglich, aber man muss es hinnehmen.»
Schneider hingegen denkt bei dieser Frage an Vozinha. Ebenso begeistert ihn das Ruder-Ritual der Norweger. «Ob nach dem Spiel im Stadion oder auf dem Times Square – für mich ist es das Bild des Turniers.»