Mit einem breiten Grinsen holte sich Ismael Saibari im Spalier auf dem Trainingsplatz die Glückwünsche seiner Teamkollegen ab. Und während Marokkos Fussballer den Wechsel ihres WM-Stars zu Bayern München feierten, ging bei Jesse Marsch die Angst um. Wie ein «blutiger, grauenvoller Albtraum» sei die Vorbereitung auf den Achtelfinal-Gegner gewesen, beklagte der kanadische Trainer. Der Respekt ist riesengross.
Marokko sei auch dank Saibari «einfach zu gut» und «angesichts der jüngsten Erfolge ein moderner Gigant», betonte Marsch vor dem Achtelfinal am Samstag im texanischen Houston. «Jeder», so der 52-Jährige, werde seine «Helden» abschreiben: «Aber genau darin liegt unsere Chance.»
Mit Gretzky-Unterstützung und «der Leistung unseres Lebens»
Das 1:0 gegen Südafrika zum Auftakt der K.o.-Runde hatte die neue «Soccer»-Nation endgültig in einen Rausch versetzt, sogar Eishockey-Legende Wayne Gretzky ist im Fussballfieber. «Die Tatsache, dass Wayne mir täglich eine SMS schickt, ist für mich noch unglaublicher als der Einzug in den Achtelfinal», schwärmte Eishockey-Fan Marsch.
Und pünktlich zur ganz heissen Turnierphase ist auch noch Hoffnungsträger Alphonso Davies zurück. «Jetzt können wir uns gegen einige der ganz grossen Gegner eine echte Chance ausrechnen», sagte Marsch.
Auch gegen Marokko, das nach dem Halbfinal bei der WM 2022 und dem Afrika-Cup-Triumph im Februar längst vom nächsten ganz grossen Coup träumt? Natürlich. Gretzky habe gefragt, «ob wir eine Chance haben. Und ich antwortete: ‹Ja›», sagte Marsch. «Wir werden alles daran setzen, einen Weg zum Sieg zu finden», dafür müsse sein Team «unser bestes Spiel und die Leistung unseres Lebens abrufen».
Saibari will Titel sammeln
In der Form seines Lebens spielt bei Marokko derzeit vor allem Saibari. Im Bayern-Headquarter im Rockefeller Center mitten in Manhattan setzte «einer der spannendsten Offensivspieler der WM» (Bayern-Sportvorstand Max Eberl) am Mittwoch stolz die Unterschrift unter seinen Vertrag bis 2031, anschliessend lag der volle Fokus des 50-Millionen-Manns wieder auf dem grossen WM-Traum.
«Es ist uns egal, gegen wen wir antreten. Uns geht es nur darum zu gewinnen», sagte Saibari, der im Sechzehntelfinal gegen die Niederlande den entscheidenden Elfmeter verwandelt hatte und mit drei Turniertreffern vorangeht. Er wolle «so viele Titel wie möglich gewinnen» – erst mit Marokko, dann mit den Bayern.
Kein Kanada-Heimvorteil mehr
Marokko ist am amerikanischen Nationalfeiertag der klare Favorit. Auch, weil Kanada seit der Vorrunde (nach der Niederlage gegen die Schweiz) seines Heimvorteils beraubt wurde. Für den Viertelfinal hält der Turnierbaum dann unter Umständen schon den Topfavoriten Frankreich bereit, anschliessend könnte Spanien warten.
Sollte sich am Samstag entgegen allen Erwartungen doch Kanada durchsetzen, dürfte sich Marsch wohl auch mit seinen «blutigen, grausamen Albträumen» abfinden.