Es ist ein Mauro Lustrinelli aus einer Art Zwischenwelt, der am Sonntag dem «Sportpanorama» seine Aufwartung macht. Hinter ihm liegt der sensationelle Meistertitel mit Thun, vor ihm der Start in die Bundesligasaison mit Union Berlin. Was den 50-Jährigen so weit gebracht hat, da sind er selbst und seine Wegbegleiter sich einig: die Kombination aus eisernem Willen sowie der Fähigkeit und Begeisterung dafür, andere Menschen weiterzuentwickeln.
Das fängt schon früh an. Lustrinellis damalige Kindergärtnerin in Bellinzona erzählt: «Wenn es Probleme gab, löste er sie mit Gelassenheit. Als hätte ich mit ihm einen kleinen Assistenten.» Diese Gelassenheit kann er in der Gegenwart gut gebrauchen. Zuletzt ging es für den früheren Nati-Stürmer nur in eine Richtung, und das in schwindelerregendem Tempo: Aufstieg, Meistertitel, Engagement in der Bundesliga.
Lustrinelli: «Ein Chef führt, ein Leader inspiriert»
Lustrinellis Credo: «Ein Chef führt, ein Leader inspiriert.» Er wolle immer «nur zu 20 bis 30 Prozent» führen, viel zentraler sei, «die Spieler auf den Weg führen, sie auf der Reise begleiten». Während viele seiner Branchenkollegen längere Aufenthalte in der Kabine als heiliges Refugium der Spieler meiden, hat der Tessiner den gegenteiligen Ansatz: «Ich bin gerne dort, will die Energie spüren.»
Früher oder später werde ich Schweizer Nati-Trainer.
Es ist ein Grundpfeiler seiner Philosophie: «Hinter jedem Fussballer gibt’s einen Menschen. Ich kann nicht dem Fussballer helfen, wenn ich den Menschen nicht kenne, nicht weiss, wie er funktioniert.»
Gross geträumt hat Lustrinelli schon lange. Als er seine Trainerlaufbahn im Thuner Nachwuchs lanciert, erzählt er Freunden nachts in der Disco: «Früher oder später werde ich Schweizer Nati-Trainer.» Zumindest als U21-Übungsleiter ist dieser Plan bereits Realität geworden. Seine Freunde trauen ihm dereinst auch die A-Nati zu.
Union: Der etwas andere Verein
Zunächst geht es indes vom beschaulichen Thun in die Hauptstadt Deutschlands. Bei Union Berlin ist alles eine Nummer grösser, doch die DNA des Vereins scheint perfekt zu Lustrinelli zu passen. Im Gegensatz zum Lokalrivalen, dem «Big City Club» Hertha, geriert sich Union als äusserst familiärer Klub. Drei Viertel der «Alten Försterei» bestehen aus Stehplätzen – von Fans mitaufgebaut. Wöchentlich wird Essen an Bedürftige abgegeben.
Fussballautor Christoph Biermann nennt das «Gesamtlebensangebot». Die Vorfreude auf Lustrinelli ist in Köpenick jedenfalls riesig. Grossen Anteil daran hat «Trainergott» Urs Fischer. Biermann meint: «Der beste Trainer der Vereinsgeschichte war ein Schweizer. Und Lustrinelli war mal sein Assistent, das öffnet ihm die Tore himmelweit.» Die wichtigste Aufgabe für Unions Neo-Trainer laute, den Fans mit ansehnlicherem Fussball den Spass zurückzubringen.
Der Mann mit dem eisernen Willen und «Eisern Union» – es scheint das perfekte Match zu sein. «Ich habe auch das Gefühl», lacht Lustrinelli. Darauf konnte er sich schon einmal verlassen: als er sich bei der Unterschrift beim Challenge-League-Klub Thun eine Meisterprämie in den Vertrag schreiben liess.