Schweizer Frauenpower: «Kein Problem, sondern eine Freude»

In der Schweizer Leichtathletik haben die Frauen vor 4 Jahren die Männer überholt und diese inzwischen sogar abgehängt. 14 WM-Starterinnen steht ein Männer-Duo gegenüber. Leistungssportchef Peter Haas versucht dieses Phänomen zu ergründen.

Peter Haas und Tadesse Abraham beim Handschlag. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jetzt erst recht Zu Zeiten der Frauendominanz müssen die Männer zusammenhalten: Missionschef Haas (links) mit Marathonläufer Abraham. EQ Images

Peter Haas, was würde die Schweizer Spitzenleichtathletik ohne die Frauen machen?

Peter Haas: Dann wären wir ein sehr kleines Team an der WM. Doch Gott sei Dank gibt es auf dieser Erde zwei Geschlechter. Und wir profitieren aktuell gerne von den aufstrebenden Frauen.

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Zur Person

Zur Person

Als Langhürdler und Staffelläufer nahm Peter Haas 1978 an der EM in Prag, 1980 an den Olympischen Spielen in Moskau sowie an 2 Hallen-EM teil. Bereits im Alter von 26 trat er zurück. Seit 1992 wirkt der Baselbieter im nationalen Verband als ehrenamtlicher Trainer und nunmehr seit 11 Jahren als vollamtlicher Chef Leistungssport.

Zum 3. Mal stellt das weibliche Geschlecht die grössere Vertretung an einer WM. Mit 14 Frauen gegenüber 2 Männern hat sich das Missverhältnis verstärkt.

Die Entwicklung ist nicht überraschend, denn diese Dynamik bei den Frauen zeichnete sich in den letzten Jahren ab. Schon in unseren Nachwuchsprojekten wie dem UBS Kids Cup mit über 12'000 Teilnehmern letzte Saison machen mehr Mädchen mit.

Steckt ein strukturelles Problem dahinter?

Nein. Denn es werden beide Geschlechter nach exakt gleichen Richtlinien gefördert. Wir werden in der strukturierten Sportförderung in der Armee gut unterstützt. In den Spitzensport Rekrutenschulen sind die Frauen noch in der Minderheit, entsprechend müsste sich die Entwicklung eigentlich umgekehrt verhalten.

«  Man kann auch sagen, es ist gerade für Frauen «sexy», Leichtathletik zu betreiben. »

Wie erklären Sie sich folglich die Frauen-Dominanz?

Eine schlüssige Antwort darauf habe ich nicht. Auffallend ist, dass die Aushängeschilder – wie anfänglich Lisa Urech und aktuell Mujinga Kambundji oder Selina Büchel – als Vorbilder enorm Zugkraft haben. Generell stellen wir fest, dass die Leichtathletik als attraktive Sportart das weibliche Geschlecht eher anspricht als Spielsportarten (insbesondere Fussball). Man kann auch sagen, es ist gerade für junge Frauen «sexy», Leichtathletik zu betreiben.

Bei der Heim-EM 2014 war das Verhältnis mit 27 Frauen und 26 Männern aber noch ausgeglichen.

In Zürich waren wir bei den Team-Events (Staffel- und Marathon) bei den Männern stärker vertreten als bei den Frauen. Dazu kommt, dass an der WM das Niveau und mit ihm die Anforderungen höher sind. Offenbar packen bei uns die Frauen den schwierigen Sprung vom Nachwuchsbereich in den Altersbereich der Elite besser.

«  Wir sehen uns nicht veranlasst, die Männer nun stärker zu pushen.  »

Sprechen wir von einem Luxusproblem?

Diese Bezeichnung ist wohl treffend. Wobei ich gar kein Problem orte. Vielmehr kann man sich doch an dieser Tatsache erfreuen. Zudem ist es toll, dass die Leichtathletik in der Jugend so stark verankert ist.

Besteht Handlungsbedarf?

Nein, wir sehen uns nicht veranlasst, die Männer nun stärker zu pushen. Aber natürlich streben wir an, künftig wieder mehr Männer ins Team zu bringen. Doch hätte sich die Sprintstaffel für Peking qualifiziert, wäre schon jetzt der Unterschied nicht so frappant.

Sendebezug: SRF zwei, «sportaktuell», 18.08.2015 22:20 Uhr

Die Schweizer WM-Teamgrössen – Frauen zum 3. Mal in der Überzahl

Jahr
Total Schweizer Starter
Männer / Frauen
2015162 / 14
2013
184 / 14
2011176 / 11
2009138 / 5
2007127 / 5
200596 / 3
200386 / 2
200164 / 2
199986 / 2
199796 / 3
19951611 / 5
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Caroline Agnou: Jung, aufstrebend und weiblich

2:30 min, aus sportaktuell vom 18.8.2015