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Nach Carlsens Betrugsvorwürfen Und plötzlich interessiert sich alle Welt für Schach

Der Schachsport steht wegen der Betrugsvorwürfe von Weltmeister Magnus Carlsen gegen das amerikanische Wunderkind Hans Niemann im Fokus wie noch nie.

Magnus Carlsen
Legende: Hat den Stein gegen Hans Niemann ins Rollen gebracht Magnus Carlsen. REUTERS/Anton Vaganov

Selbst Leute, die bei «sizilianischer Verteidigung» an die Familie Corleone und die Mafia denken und nicht an Schach, interessieren sich derzeit für das Brettspiel. Seit das 19-jährige Wunderkind Hans Niemann Anfang Monat mit den schwarzen Figuren Weltmeister Magnus Carlsen (31) an einem Turnier in den USA ausgespielt hat.

Zum Eklat kam es anschliessend, weil sich Carlsen kommentarlos aus dem Turnier zurückzog und nur sagte, dass er nichts sagen dürfe, weil er sich sonst in Schwierigkeiten bringe. Letzte Woche traf Carlsen wieder auf Niemann – und gab nach einem Zug auf. Der Norweger will nicht mehr gegen Niemann spielen.

«Öfter betrogen als zugegeben»

Am Montag äusserte sich Carlsen erstmals öffentlich – und bekräftigte die Betrugsvorwürfe, die er mit seinen Handlungen angedeutet hatte. «Ich bin frustriert», sagte Carlsen. «Ich glaube, dass Betrug im Schach weit verbreitet und ein existenzielles Problem für den Sport ist. Es muss alles unternommen werden, um ‹Cheating› zu verhindern. Als Niemann Anfang September im letzten Moment eingeladen wurde, zog ich schon vor Turnierbeginn in Erwägung auszusteigen. Ich habe mich entschieden, trotzdem mitzumachen. Aber ich bin der Meinung, Niemann hat öfter betrogen, als er öffentlich zugegeben hat – auch in jüngerer Vergangenheit.»

Beweise präsentierte Carlsen keine. Bestärkt wurde das norwegische Schach-Genie primär durch den Eindruck, dass «Niemann in der Partie gegen mich in kritischsten Momenten weder richtig angespannt noch voll konzentriert war». Trotzdem habe ihn Niemann mit Schwarz ausgespielt, wie das seiner Meinung nach bestenfalls eine Handvoll Leute könnten.

Was denkt die Schachwelt? Die Meinungen sind geteilt. Die Mehrheit steht hinter Carlsen. Schliesslich ist der Norweger so etwas wie der Poster-Boy des Schachsports. Sein Gegenüber, Hans Niemann, ähnelt derweil einem der schlimmsten Bösewichte von «Game of Thrones» (Ramsay Bolton). Ausserdem gab Niemann nach dem ersten Eklat zu, vor Jahren in Online-Spielen betrogen zu haben.

Doch auch Niemann verfügt über Fans. Diese wiederum bezichtigen Carlsen, ein schlechter Verlierer zu sein und mit den Anschuldigungen den Rivalen der Zukunft diskreditieren zu wollen.

Dieser Fall zeigt die Problematiken für den aktuellen Fall auf. Wie soll Betrug bewiesen werden, wenn sich die Referees des Internationalen Schachverbands FIDE in den letzten Wochen mit der Partie Carlsen – Niemann bis ins Detail beschäftigten und nichts Auffälliges fanden? Niemann, so ihr Eindruck, habe in dieser Partie nicht betrogen.

Immer mehr Betrüger

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Klar ist: Betrug im Schach wird mit den immer grösseren technischen Möglichkeiten zum Problem. Der Verband veröffentlichte im Zug der Affäre Zahlen: Seit Beginn der Corona-Pandemie, als die Leute zu Hause bleiben mussten und neue Beschäftigungen suchten, boomt der Schachsport.

In den Monaten seither verdoppelten sich die Zulaufzahlen nahezu. Und die aufgedeckten Betrügereien nahmen in der gleichen Spanne um mehr als das Dreifache zu.

Hochstapler und Manipulationen gab es im Schach immer schon: Ums Jahr 700 soll der Araber Sa‘id bin Jubair der beste Blindspieler ohne Augenbinde mit abgewandter Sicht gewesen sein – dank eines kleinen Spiegels.Vor einem Vierteljahrhundert gewann ein deutscher Amateur ein Turnier in Böblingen und 1600 Mark Preisgeld. Ihm sollen die Züge mittels Mini-Hörgerät übermittelt worden sein. Er überführte sich selber, als er in der letzten Runde einem russischen Grossmeister ein für Menschen kaum voraussehbares «Matt in acht Zügen» ankündigte. Die Staatsanwaltschaft ermittelte. Das Verfahren wurde ergebnislos eingestellt, der Amateur dennoch aus dem Schachverband ausgeschlossen.

Eine andere (ebenfalls höchst umstrittene) Meinung präsentierte diese Woche der populäre Youtube-Kanal von FIDE-Meister Yosha Iglesias. Die Analyse einiger Partien Niemanns habe ergeben, dass der Amerikaner gleich in mehreren Partien mit einer Genauigkeit von 100 Prozent gespielt habe – also genau so, wie es Computer getan hätten.

Das gleiche Analyse-Modell spuckte für Carlsen und Garry Kasparow, zwei der besten Spieler aller Zeiten, Standard-Werte von rund 70 Prozent aus. Der einzige Spieler, der ähnlich hohe Werte wie Niemann erreichte, der Franzose Sébastien Feller vor elf Jahren, wurde später des Betrugs überführt.

Nach Carlsens Statement ist weiter nichts klar. Für die Affäre heisst das: Fortsetzung folgt. Und der uralte Schachsport bleibt im medialen Fokus wie noch nie.

Video
Archiv: Die letzten Züge bei Carlsen vs. Erigaisi am «Julius Bär Generation Cup» (ohne Ton)
Aus Sport-Clip vom 25.09.2022.
abspielen. Laufzeit 1 Minute 53 Sekunden.

Radio SRF 3, Morgenbulletin von 06:20 Uhr, 26.09.22;

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Co Ca  (Coca)
    Stichwort "Schachmatt via Analkugeln"? SRF könnte hier vielleicht schon etwas proaktiver recherchieren als bisher.
  • Kommentar von Franz Heeb  (fheeb)
    Vielleicht müssten beide Spieler in abgeschirmten Boxen sitzen. Kein Kontakt zur Umgebung und keine Möglichkeit elektronisch Signale zu übermitteln.

    100%-ig zu spielen wie die besten Schachcomputer grenzt schon an Lotto 6er.
  • Kommentar von Markus Gasser  (Markus Gasser)
    Wie geschieht der Betrug, technisch ? Elektronisches Hörgerät im Innenohr ?
    Chip im Gehirn. Externe Uebermittler (menschlich, elektronisch) ?
    1. Antwort von Francis Waeber  (der sich 'nen Wolf lacht)
      Bei Online-Turnieren relativ einfach: auf einem Compi spielen Sie die Partie, auf dem anderen füttern Sie die Schachsoftware mit den Zügen des Gegners und lassen die eigenen berechnen....;-))