Walter Steiner: Der «Vogelmensch» ist gelandet

Er war der beste Skiflieger seiner Zeit. Er schaffte es zum (Dokumentar-)Filmstar. In Falun verbringt Walter Steiner aber ein unauffälliges und bescheidenes Leben.

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Walter Steiners Leben in Falun

5:54 min, vom 21.2.2015

Er müsse sich unbedingt kürzer fassen, sagt Walter Steiner entschuldigend, nachdem er die ersten Fragen beantwortet hat. Er schüttelt energisch den Kopf und geht weiter die enge Treppe hoch im Turm der Kristinenkirche in Falun, einem seiner Arbeitsorte. Wenn der 64-Jährige ins Erzählen kommt, ist er kaum zu bremsen.

Dabei spielt es keine Rolle, ob er über seine Weltmeistertitel im Skifliegen erzählt, über Fliegenfischen in Patagonien oder über die Mechanik der tonnenschweren Eisenglocke, für deren Betrieb er jetzt verantwortlich ist: «Diese alten Bauwerke, die handgefertigten Maschinen, sie faszinieren mich». Steiner ist Angestellter der Kirchengemeinschaft Faluns. Er ist ein Alleskönner, repariert Hausdächer ebenso sorgfältig wie er Grabsteine und Sitzbänke restauriert.

Oben auf dem Kirchenturm angekommen fällt der Blick auf die Sprungschanzen Faluns. Dort verpasste Steiner 1974 zwar eine WM-Medaille. Doch während dieses Aufenthalts lernte er Gunilla kennen, mit der er sich später in Falun niederlassen sollte.

«Sie hörten nie auf mich»

Zwei Jahre zuvor hatte er in Sapporo «nur» eine Olympia-Silbermedaille auf der Grosschance gewonnen und die Goldmedaille an der Skiflug-WM in Planica erobert. Der «Vogelmensch» war der Konkurrenz dermassen überlegen, dass er zuweilen freiwillig mit weniger Anlauf sprang, um nicht in den flachen Auslauf hinunterzusegeln: «Ich erklärte den Organisatoren immer wieder, dass die Sprünge zu weit gehen, aber sie hörten nicht auf mich».

Steiner stürzte immer wieder schwer, verletzte sich, kam wieder zurück, stellte neue Schanzenrekorde auf. Der Deutsche Werner Herzog widmete dem Schweizer den Film «Die grosse Ekstase des Bildschnitzers Steiner» (zum Youtube-Video). 1977 gewann der Toggenburger an der Skiflug-WM in Vikersund seinen letzten grossen Titel.

Und jetzt? Langlauf-Weltmeister!

Nach Steiners Karriereende hatte die FIS schliesslich ein Einsehen und liess die Schanzen endlich anders gestalten, mit flacheren Hängen. Damit die guten Springer nicht immer weiter weg vom Hang flogen wie Walter Steiner zu seinen besten Zeiten.

Er selbst hat beruflich nichts mehr mit dem Skispringen zu tun. Von seiner schwedischen Frau hat er sich vor einigen Jahren getrennt. In Falun geblieben ist er trotzdem. Die vielseitige Arbeit fülle ihn aus. Und mit dem Langlaufen hat er eine neue Passion entdeckt. Vor zwei Jahren wurde er Weltmeister in der Kategorie über 60 Jahre. «So ist das», resümiert er seine fast unglaubliche Leistung achselzuckend.

«Du musst es fliegen lassen»

Skispringen verfolgt er meist nur noch aus der Distanz. Ausser in diesen Tagen. Das Comeback von Simon Ammann beobachtet er mit glänzenden Augen im Zielraum. Und als sie sich treffen, da muss er auf die Zunge beissen: «Ich hätte ihm so gerne einige Tipps zur Landung gegeben, aber er hat dafür ja eigene Trainer. Und ich will ihn jetzt nicht zum Nachdenken bringen.»

Aber natürlich hofft er, dass es Simon Ammann wieder an die Spitze schaffen wird. Auf der kleinen Schanze hat das noch nicht wunschgemäss geklappt, aber auf der grossen Anlage wartet die nächste Chance. «Du musst es einfach fliegen lassen», sagt er noch und klopft Ammann zum Abschied auf die Schulter. Walter Steiner selber ist dagegen längst gelandet.

Sendebezug: SRF zwei, «sportlive», 21.02.2015, 16:20 Uhr.