Eine Warnung an die Konkurrenz hatte Tadej Pogacar vor dem ersten Ruhetag der Tour de France noch parat. Ob er denn mit seinem grossen Vorsprung den Rest der Rundfahrt nun etwas defensiver bestreiten würde, wurde der Slowene gefragt. «Das Hauptziel ist es doch, das Gelbe Trikot zu behalten, oder? Aber manchmal ist Angriff die beste Verteidigung», sagte der 27-Jährige aus dem UAE Team Emirates.
Dass Pogacar sich bei den noch kommenden Bergprüfungen im Zentralmassiv, den Vogesen und den Alpen nur noch hinten dranhängt, wird keiner seiner Konkurrenten ernsthaft glauben.
Der Slowene dominiert das Rennen bisher nach Belieben. Nach einer knappen Niederlage im Teamzeitfahren holte er selbst zwei Etappensiege und verschenkte einen an Edelhelfer Isaac del Toro. Mit dem beeindruckenden Soloritt über den Tourmalet in den Pyrenäen holte er sich das Gelbe Trikot zurück und demoralisierte seine Kontrahenten. Sein Vorsprung ist jetzt schon gross (2:42 Minuten und mehr). Nur ein krasser Einbruch, ein Sturz oder eine Krankheit können den fünften Toursieg des Weltmeisters wohl noch verhindern.
Vingegaard «best of the rest»
Wie schon in den Vorjahren ist Jonas Vingegaard (Visma-Lease a bike) der zweitstärkste Fahrer im Feld, kann Pogacar aber offensichtlich auch nicht ernsthaft gefährden. Die Hoffnungen darauf nach dem Mannschaftszeitfahren hielten nur kurz. Auf der Tourmalet-Etappe verlor der Däne viel Zeit auf den Slowenen und wurde selbst fast noch von den restlichen Klassement-Fahrern eingeholt.
Immerhin liegen dem 29-Jährigen die langen und gleichmässig steilen Anstiege in den Alpen. Vingegaard hat nicht nur bei seinen Tour-Siegen 2022 und 2023 gezeigt, dass er sich in der dritten Woche einer Rundfahrt noch steigern kann. Aber Pogacar noch abfangen? Das scheint utopisch.
Kommen sich Evenepoel und Lipowitz in die Quere?
Remco Evenepoel belegt derzeit den 4. Gesamtrang, nur 3 Sekunden hinter dem Mexikaner Del Toro. Der Belgier (Red Bull-Bora-hansgrohe) sorgte für einen Aufreger, als er seinen Teamkollegen Florian Lipowitz nach der Pyrenäen-Etappe am vergangenen Donnerstag verbal angegangen war. Lipowitz habe ihm die Hilfe verweigert, mäkelte Evenepoel. Das Team probierte die Wogen zu glätten, aber die Dynamik zwischen den Co-Kapitänen bleibt spannend.
Im Zeitfahren am 21. Juli hofft der Olympiasieger auf einen Etappensieg. Ob er auf den schwierigen Hochgebirgsetappen mit den Allerbesten mithalten kann, scheint allerdings fraglich. Der Deutsche Lipowitz war im Vorjahr Gesamtdritter geworden und hegt entsprechend eigene Podest-Ambitionen. Als 7. liegt er exakt 4 Minuten hinter Pogacar, aber nur 30 Sekunden hinter Teamkollege Evenepoel.
Möglicherweise löst sich die Kapitänsfrage bei Red Bull auch von alleine. Am Tourmalet hängte Lipowitz Evenepoel zumindest schon einmal ab.
Seixas hält sich bedeckt
Eine eher unauffällige erste Tour fährt bislang Paul Seixas (Decathlon-CMA CGM). Das 19-jährige französische Wunderkind ist als Gesamtsechster aber hervorragend positioniert. Grosse Attacken gab es von Seixas, der im Frühjahr mit seinen Auftritten für Furore gesorgt hatte, noch nicht. Spannend wird sein, wie der grosse Hoffnungsträger der Grande Nation die Strapazen seiner ersten dreiwöchigen Rundfahrt kompensieren kann.