Für Marlen Reusser gäbe es eigentlich gute Gründe, die Tour de Suisse auszulassen. Nach zahlreichen gesundheitlichen Rückschlägen und einem kräftezehrenden Giro d'Italia wäre eine längere Erholungsphase naheliegend.
Doch für Reusser ist die Schweizer Landesrundfahrt eine Herzensangelegenheit. Und dieses Jahr ist sie erst recht speziell, zumal sie in neuem Gewand daherkommt. Für die Frauen gibt es neu fünf statt wie bisher vier Etappen zu bewältigen – und die Rennen finden am gleichen Ort und am gleichen Tag wie die der Männer statt.
«Wenn es nicht die Tour de Suisse wäre, würde ich wohl nicht sofort wieder Rennen fahren, sondern zuerst alles ganz in Ordnung bringen und mich dann auf die Tour de France konzentrieren.»
Die Frankreich-Rundfahrt mit dem Start in Lausanne am 1. August ist seit Monaten das grosse Ziel der Bernerin. Entsprechend vorsichtig beurteilt sie ihre Chancen auf den Gesamtsieg in ihrer Heimat. «Ich bin sicher nicht die Topfavoritin», sagt Reusser.
Vom Pech verfolgt
Die Saison nach ihrem Gold-Coup im WM-Zeitfahren im letzten Herbst verlief bislang alles andere als nach Plan. Bereits im Februar wurde sie bei der UAE Tour in einen Massensturz verwickelt und zog sich Verletzungen an Knie und Schulter zu. Fast zwei Monate lang fiel sie aus. Mitte April folgte der nächste Rückschlag: Bei der Flandern-Rundfahrt erlitt sie einen Wirbelbruch, der konservativ behandelt werden musste.
Trotz dieser Vorgeschichte kehrte Reusser beim Giro ins Renngeschehen zurück. Dort liess sie trotz fehlender Trainings- und Rennkilometer phasenweise ihr grosses Potenzial aufblitzen. Im Zeitfahren mischte sie vorne mit, im Gesamtklassement lag sie zwischenzeitlich auf Podestkurs. Doch dann übernahm sie sich und musste feststellen: «Ich bin noch nicht so weit.» Am Ende musste sich die letztjährige Gesamtzweite mit Rang 13 begnügen.
Noch nicht bei 100 Prozent
Auch Reussers Vorbereitung auf die Heimrundfahrt verlief aufgrund der Sturzfolgen alles andere als ideal. Vor allem der Rücken und das eine Bein machen ihr weiterhin zu schaffen. In der Woche nach dem Giro stand deshalb vor allem Therapie auf dem Programm. «Ich versuche, das alles wieder in den Griff zu bekommen», so die Bernerin.
Und doch blickt Reusser einigermassen zuversichtlich auf die anstehende Aufgabe. «Meine Form ist tatsächlich recht gut. Vielleicht nicht die allerbeste, aber sie ist wirklich gut.» Dass sie trotz der schwierigen Vorbereitung konkurrenzfähig sein kann, hat sie in der Vergangenheit mehrfach bewiesen.
Favoritenrolle liegt bei Vollering
Dennoch erwartet sie bei der Tour de Suisse eine anspruchsvolle Aufgabe. Der Parcours dürfte kaum Raum für taktische Spielchen lassen. «Abgesehen von der Sprintetappe am Freitag sind das alles sehr knackige Etappen. Wahrscheinlich wird vieles über die Physis entschieden», sagt Reusser.
Wer nicht in absoluter Topform sei, habe es auf einem solchen Kurs entsprechend schwer. Als klare Favoritin gilt deshalb Giro-Siegerin Demi Vollering.