Die künftige Rolle von Russland und Belarus im Weltsport beschäftigt nach wie vor. Anfang Juli wurde bekannt, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Sanktionen gegen Russland aufgrund des (noch immer laufenden) russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine aufhebt.
Wie ist dieser Schritt zu erklären? «Aus rechtlicher Sicht ist es schwierig, die Sanktionen gegen Russland und Belarus im Sport langfristig durchzusetzen», erläutert Sportjurist Stephan Netzle im Gespräch mit SRF. Der 68-jährige, langjährige Richter am internationalen Sportgerichtshof (TAS) hebt dafür 3 Gründe hervor:
- «Die Sportlerinnen und Sportler sollen nicht für die politischen Entscheidungen ihres Landes gebüsst werden. Deshalb waren sie in der Vergangenheit, unter neutraler Flagge, auch für die Olympischen Spiele zugelassen.»
- «Es geht auch um Menschenrechte: Die Sportlerinnen und Sportler haben ein Recht darauf, an internationalen Veranstaltungen teilzunehmen.»
- «Es besteht ein grosses Problem der Gleichberechtigung. Die Kritik nahm diesbezüglich zuletzt stark zu. Es geht um die Frage, wie man darüber entscheidet, wer wann sportlich sanktioniert wird. Warum sollen nur Russland und Belarus bestraft werden, wenn rund um den Irankrieg auch Nationen wie Israel, die USA und der Iran in Kriegsgeschehen verwickelt sind?»
Entsprechend geht Netzle davon aus, dass Russland und Belarus bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 2028 wieder am Start stehen werden. «Das ist ziemlich absehbar. Der Wille des IOC ist klar. In den nächsten zwei Jahren werden die Sanktionen so weit gelockert, dass Russland und Belarus teilnehmen können – allenfalls noch mit symbolischen Einschränkungen, wie zum Beispiel der Flagge.»
Im Unterschied zu den letzten Olympischen (Winter-)Spielen in Paris 2024 sowie Mailand und Cortina d'Ampezzo 2026 werden laut Netzle auch russische und belarussische Teams wieder teilnehmen dürfen. Zudem werde es keine Überprüfungen, wie die Athletinnen und Athleten zum Krieg stehen, mehr geben.
Mächtige Leichtathletik macht Druck
Eine noch offene Situation besteht ausgerechnet rund um die Leichtathletik, dem Herzstück der Olympischen Spiele. Der Weltverband World Athletics besteht weiter auf dem Ausschluss russischer und belarussischer Sportlerinnen und Sportler bei internationalen Wettbewerben. Deswegen zog der russische Leichtathletik-Verband, der sich benachteiligt fühlt, kürzlich vor den TAS.
«Man hat ein Recht auf die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen. Entsprechend kann es sein, dass der TAS der Meinung ist, die Athletinnen und Athleten hätten einen Anspruch darauf», wagt Netzle eine Prognose zum Entscheid des internationalen Sportgerichtshofs.
Die Lage ist verzwickt, denn World Athletics besitze eine «starke Position», sagt der frühere Ruder-Profi. «Die Leichtathletik geniesst eine Sonderstellung. Ohne sie wären die Olympischen Spiele nicht dasselbe.» Eigentlich müsse das IOC Leichtathletinnen und Leichtathleten die Teilnahme an Olympia 2028 verbieten, wenn World Athletics an der Sperre Russlands und Belarus' festhält, erklärt Netzle. «So weit wird es aber nicht kommen.»