Die Riesenslalom-Olympiasiegerin von 2006 im Interview über Lindsey Vonn, olympische Erinnerungen und ein verpasstes Comeback.
SRF Sport: Julia Mancuso, 2002 standen Sie und Lindsey Vonn – damals noch Kildow – in Salt Lake City erstmals gemeinsam bei Olympischen Spielen am Start. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Julia Mancuso: Die Spiele in Salt Lake City sind wahrscheinlich meine schönste Olympia-Erinnerung. Ich war damals noch ein Teenager, keine 18 Jahre alt – es war surreal. Zuhause bei der Eröffnungsfeier vor 40'000 Fans als letztes Team zu «USA! USA!»-Sprechchören einzulaufen, war unglaublich.
24 Jahre später fährt Lindsey Vonn immer noch. Waren Sie überrascht, als sie im November 2024 ihre Rückkehr in den Weltcup verkündete?
Ich war schon überrascht, als ich hörte, dass Lindsey zurückkommen würde, aber ich war definitiv nicht überrascht von ihrem Niveau. Ich gehörte nicht zu den Zweiflerinnen. Ich war überzeugt davon, dass sie mit allen mithalten kann. Es liegt nicht in meiner Natur, jemals an jemandem oder an etwas zu zweifeln oder zu denken, dass man zu alt für etwas ist.
Wie haben Sie reagiert, als Sie von Vonns Kreuzbandriss erfahren haben?
Ich war ehrlich gesagt wirklich traurig für Lindsey, es ist ja nicht das erste Mal, dass sie mit Verletzungen zu kämpfen hat. Ich habe mich darauf gefreut, sie bei diesen Spielen in Topform zu sehen. Es wirkt fast so, als ob sie das Drama anzieht, aber es ist einfach wirklich Pech.
Was trauen Sie ihr unter diesen Umständen zu?
Ich möchte nicht negativ klingen, aber ich glaube nicht, dass sie eine Medaille gewinnen kann. Ich wäre total überrascht und begeistert, wenn sie es schaffen würde, aber leider ist Skirennfahren ein sehr anspruchsvoller Sport, und ich wäre sehr, sehr überrascht, wenn sie es schaffen würde.
Es ist jetzt genau 20 Jahre her, als Sie in Turin im Riesenslalom Olympiagold gewannen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Ich kann einerseits kaum glauben, dass es schon 20 Jahre her ist, aber es kommt mir gleichzeitig wie eine Ewigkeit vor. Ich war bereits vor den Olympischen Spielen in Form und habe mich nicht nur im Riesenslalom, sondern auch in den Speed-Disziplinen gut gefühlt. Doch dann kam vieles zusammen.
Wie meinen Sie das?
Die Abfahrtsstrecke in Turin war eine Gleiterstrecke, was mir nicht entgegenkam. In den Trainings war ich noch gut, doch dann änderten sich die Bedingungen. Es wurde warm und meine Ski liefen nicht. Ich wurde schliesslich 7. und war sehr enttäuscht. Und dann war da ja noch die Sache mit Lindseys Sturz …
Was war da genau?
Sie stürzte im Training und es war unklar, ob sie würde starten können. Die ganze Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf sie. Auch im Super-G lief es mir nicht nach Wunsch. Ich war aufgrund der gesamten Situation niedergeschlagen.
Im Riesenslalom trumpften Sie schliesslich gross auf und gewannen Gold. Wie schafften Sie diese Wende?
Als ich am Morgen aufwachte, schneite es. Alle gingen davon aus, dass das Rennen verschoben oder gar abgesagt wird. Ich wollte einfach nur dieses Rennen fahren und das Turin-Kapitel abschliessen. Ich war dann schon überrascht, als ich im 1. Lauf Bestzeit fuhr. Als ich dann auch nach dem 2. Lauf das grüne Licht sah, war das wirklich ein Traum, der wahr wurde. Ich war noch jung, es war einfach magisch.
Sie gewannen noch drei weitere olympische Medaillen. Welche Bedeutung hat Olympia für Sie?
Die Olympischen Spiele waren für mich etwas ganz Besonderes, weil ich in Kalifornien aufgewachsen bin. Wir hatten zwar 1960 die Olympischen Spiele in Squaw Valley, aber Skifahren ist dort kein Nationalsport. Es war daher immer mein grosser Traum, einmal bei Olympia dabei zu sein. Ich wusste damals zum Beispiel nicht, dass es auch einen Weltcup gibt.
Auch bei Weltmeisterschaften gewannen Sie 5 Medaillen. Wie erklären Sie sich, dass Sie bei Grossanlässen immer derart performen konnten?
Ich hatte in meiner Karriere viele Höhen und Tiefen. Ich war nicht in jedem Rennen vorne dabei und fuhr – mit einer Ausnahme – nie wirklich um die Kugeln mit. Mir fiel es aber immer leicht, mich auf einzelne Rennen zu konzentrieren. Und Olympische Spiele hatten diesen, wie bereits vorhin erwähnt, besonderen Reiz. Man war im Team, die Aufmerksamkeit war gross, es waren neue Orte – darauf konnte ich mich immer voll einlassen. Ein wenig wünschte ich mir, das wäre mir auch bei «normalen» Rennen öfter gelungen.
Sie mussten Ihre Karriere Anfang 2018 aufgrund anhaltender Hüftbeschwerden beenden und verpassten damit die Spiele in Pyeongchang. Wie frustrierend war das?
Das waren schwierige Momente für mich, aber ich habe so viel gelernt. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, hätte ich mich einer Hüftoperation unterzogen, bevor ich mit sehr starker Arthritis fahren musste. Ich wusste damals nicht, dass das eine Option war, und mir war nicht klar, wie gut eine Hüftoperation für mich gewesen wäre. Also habe ich einfach versucht, mein Bestes zu geben – im Grunde genommen auf einem Bein. Aber ich bereue nichts, ich gab alles, was ich hatte.
Kurz nach Ihrem Rücktritt unterzogen Sie sich schliesslich dieser Operation und erhielten ein künstliches Hüftgelenk.
Ja, und ich muss Ihnen sagen: Hätte die FIS damals schon Wildcards vergeben, ich hätte es wohl nach der Operation noch einmal versucht. Aber stattdessen wurde ich schwanger, habe mittlerweile drei Kinder. Ein Comeback kam deshalb nicht mehr in Frage (lacht).
Wie eng verfolgen Sie den Sport noch?
Ich versuche es, so gut es geht. Mit drei kleinen Kindern und einem Leben in tropischen Gefilden (Mancuso wohnt auf Hawaii, Anm. d. Red.) ist das etwas schwierig, aber jetzt, wo meine Kinder älter sind, geben wir uns grosse Mühe, sie für die Berge zu begeistern. Wir leben nicht in den Bergen, daher glaube ich nicht, dass Skirennen für sie in Frage kommen, aber ich möchte auf jeden Fall, dass sie gute Skifahrer werden und ihre Zeit in den Bergen genauso geniessen wie ich. Es ist eigentlich ganz schön, ein bisschen Abstand zu haben, denn so kann ich anderen Leidenschaften nachgehen und trotzdem in gewisser Weise verbunden bleiben, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen.
Das Gespräch führte Svenja Mastroberardino.