Skispringen bleibt eine Disziplin voller Unwägbarkeiten. Es gibt kaum eine Sportart, in der es so schwierig ist, konstant in der Weltspitze zu bleiben. Wer heute auf dem Podest steht, kann morgen im hinteren Teil des Feldes landen. Oder umgekehrt. Das fragile Gefüge aus physikalischen, technischen und psychischen Faktoren bringt selbst die Weltbesten regelmässig ins Wanken.
Auch Gregor Deschwanden erlebte zuletzt solche Schwankungen. Nach solidem Saison-Auftakt mit zwei Top-Ten-Resultaten schien der 34-Jährige an seinen Parade-Winter 2024/25 anzuknüpfen. Damals hatte er 23 Wettkämpfe in den ersten 10 beendet und 4 Podestplätze erreicht. Doch vor Weihnachten 2025 verlor er den Rhythmus. Beim Heim-Weltcup in Engelberg verpasste er zweimal den Finaldurchgang der besten 30, ebenso bei der Olympia-Hauptprobe in Willingen.
Und nun Olympiabronze bei Milano Cortina 2026. Von Trainingssprung zu Trainingssprung steigerte er sich in Predazzo, als würde jemand im Hintergrund langsam den Dimmer hochdrehen. Sein Stern leuchtete so hell wie noch nie. Davon will er profitieren.
Auch Ammann kam aus dem Nichts
Der Horwer weckt Erinnerungen an Simon Ammann. Dieser war im Januar 2002 in Willingen schwer gestürzt, hatte mit Gehirnerschütterung und Prellungen wochenlang pausieren müssen. Ohne Weltcupsieg und grosse Erwartungen reiste er zu den Winterspielen nach Salt Lake City – und gewann sensationell zweimal Gold. Er triumphierte vor Grössen wie Adam Malysz oder Sven Hannawald.
Deschwanden steht vor einer ähnlichen Ausgangslage, was das Momentum betrifft. Am Samstagabend zählt auch der Flow. Gerade im Skispringen kann eine Welle der Euphorie Athleten tragen, die zuvor niemand auf der Rechnung hatte. Es gibt unzählige Beispiele, eine der grössten Sensationen ereignete sich, als Deschwanden schon aktiv war: Als Newcomer gewann Thomas Diethart 2014 die Vierschanzentournee und verschwand danach wieder in der Versenkung.
Träumen ist erlaubt
Deschwanden darf träumen. Bereits bei den Spielen in Sotschi hatte er als Jungspund im Training überraschend mit den Besten mitgehalten, im Wettkampf jedoch nicht liefern können. Am Montag gelang ihm mit dieser Ausgangslage der Befreiungsschlag, nun will er nachlegen. Die Buchmacher bleiben allerdings vorsichtig. Sie führen 13 Springer mit höheren Podestchancen auf. An erster Stelle steht trotz verpatztem Wettkampf auf der Normalschanze Saisondominator Domen Prevc. Doch das muss nichts heissen, denn eben: Skispringen bleibt eine Disziplin voller Unwägbarkeiten.