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Zwischenbilanz zur Formel 1 Surer: «Die FIA hätte eingreifen können, hatte aber keinen Mut»

Mit dem Sieg von Lando Norris beim GP Ungarn hat sich die Formel 1 in die Sommerpause verabschiedet. Weiter geht es am 23. August in den Niederlanden. Eine gute Gelegenheit, im Interview mit SRF-Experte Marc Surer auf den ersten Teil der Saison zurückzublicken.

SRF Sport: Marc Surer, was war der bisher grösste Aufreger in diesem Jahr?

Marc Surer: Sicherlich das Reglement. Als ich beim ersten Saisonrennen in Melbourne an der Strecke stand, traute ich meinen Augen und Ohren nicht. Die Fahrer haben auf der Geraden runtergeschaltet, um die Batterie zu laden – ein Horror für einen Rennfahrer. Die einfachste Korrektur wäre, wenn man weniger Elektropower erlauben würde. Dann würde die Batteriemenge länger halten und das Aufladen wäre kein grosses Problem mehr.

Hätte der Automobil-Weltverband FIA hier nicht eingreifen können, oder müssen?

Es gibt Teams, die das nicht wollen. Audi beispielsweise hätte dadurch infolge schwächeren Verbrennermotoren einen Nachteil. Aber die FIA hätte die grosse Chance gehabt, dies nach dem Unfall von Oliver Bearman in Suzuka zu korrigieren, als er mit viel Überschuss auf einer Geraden gecrasht ist. Die FIA hätte aus Sicherheitsgründen eingreifen können, aber sie hatte nicht den Mut dazu. Wahrscheinlich wollten sie auch nicht zugeben, dass ihr Reglement wohl etwas falsch ist. Man hat nun mit kleinen Modifikationen angefangen. Im kommenden Jahr gibt es etwas mehr Power vom Verbrennermotor und etwas weniger Elektropower – ein Schritt in die richtige Richtung. Aber das Reglement bleibt ein Flickwerk.

Dringend eine Pause braucht George Russell. Er hat die Saison mit dem Sieg in Melbourne lanciert und fühlte sich schon als Weltmeister.
Autor: SRF-Experte Marc Surer über die bevorstehende Sommerpause in der Formel 1

Wer ist nach 11 Saisonrennen die positivste Überraschung?

Lewis Hamilton und Ferrari. Ferrari hat bereits im vergangenen Jahr angekündigt, dass sie sich auf das neue Auto konzentrieren werden. Und sie hatten recht. Sie haben ein gutes Auto gebaut und eines, das vom Fahrstil her zu Hamilton passt. Der Brite ist in den letzten Jahren unter seinem Niveau gefahren. Jetzt, wo die Autos wieder einen flacheren Unterboden haben und wieder etwas mehr rutschen in den Kurven, fühlt er sich wohl mit seinem feinen Fahrstil. Das ist schön zu sehen.

Und wer der grösste «Flop»?

Ohne Frage Aston Martin. Für viele Millionen haben sie Star-Designer Adrian Newey geholt und sind mit viel Vorschusslorbeeren gestartet. Aber das Auto vibriert, ist langsam in den Kurven und fährt in der Regel vom letzten Startplatz aus los – eine Katastrophe. Das Update in Ungarn hat gezeigt, dass es einen Schritt vorwärts gegangen ist. In Zandvoort kommt ein neuer Honda-Motor hinzu.

Zwei Männer in grünen Jacken stehen mit verschränkten Armen vor einem roten Hintergrund.
Legende: Essen hartes Brot Die beiden Aston-Martin-Fahrer Fernando Alonso (l.) und Lance Stroll, die im WM-Klassement die Plätze 19 und 20 belegen. imago images/Icon Sportswire/Chris Arjoon

Kimi Antonelli steht an der Spitze des WM-Klassements – nur eine Momentaufnahme oder wird er tatsächlich Weltmeister?

Dass Antonelli schnell Autofahren kann, hat er schon im vergangenen Jahr gezeigt. Nicht in jedem Rennen, aber die Anzeichen waren da. Aber wie konstant und schnell er heuer fährt, das ist für alle eine Überraschung. Etwas anderes kommt dazu, was mich persönlich am meisten beeindruckt: wie abgeklärt er unterwegs ist. Liegt er mal nicht vorne, lässt er sich nicht nervös machen. Er wartet auf seine Chance und schlägt dann zu. Sollte er in diesem Jahr aus irgendeinem Grund nicht Weltmeister werden, ist er ein zukünftiger Weltmeister, da bin ich mir sicher.

Welches Zeugnis gibt's für Audi?

Audi hat die Erwartungen erfüllt. Sie fahren auf Anhieb im Mittelfeld, die Zusammenarbeit mit Hinwil klappt gut und die Defekte von Anfang Saison werden immer weniger. Mich wundert es etwas, dass sie immer sagen, ihr Motor sei zu schwach. In Sachen Höchstgeschwindigkeit auf den Geraden sind sie immer bei den Besten dabei, deshalb finde ich diese Darstellung etwas seltsam. Ich finde, das Fahrer-Duo passt gut zusammen. Der junge Gabriel Bortoleto heizt Nico Hülkenberg etwas ein. Dieser hat nun endlich auch Punkte geholt.

Welcher Fahrer hat die Sommerpause am nötigsten? Und weshalb?

Dringend eine Pause braucht George Russell. Er hat die Saison mit dem Sieg in Melbourne lanciert und fühlte sich schon als Weltmeister. Und dann fuhr ihm dieser junge Kerl aus dem eigenen Team um die Ohren. Russell verlor sein Selbstvertrauen, machte Fehler und zog auch noch das Pech an – viel schlimmer geht es nicht. Für ihn heisst es tief durchatmen, Ferien machen und dann mit einem Neustart in die zweite Saisonhälfte gehen. Ein anderer, dem eine Pause ebenfalls gelegen kommen dürfte, ist Charles Leclerc. Er hat seinen Vertrag mit Ferrari verlängert und dachte wohl, alles sei in Butter. Nun ist da dieser Hamilton, der neben ihm plötzlich aufblüht. Leclerc hadert etwas mit dem Auto, welches nicht unbedingt zu seinem Fahrstil passt. In Silverstone hat er gezeigt, dass er eigentlich der schnellere Fahrer ist, aber er kann es eben nur selten zeigen.

Zwei Personen in blauen Jacken und Mützen auf einer Rennstrecke mit Verkehrskegeln.
Legende: Derzeit im Schatten seines Teamkollegen Mercedes-Pilot George Russell (l.) belegt im WM-Klassement nach der ersten Saisonhälfte Rang 3. imago images/PsnewZ/Paulo Maria

Was passiert eigentlich in einer vierwöchigen Sommerpause? Können die Fahrer wirklich durchschnaufen?

Grundsätzlich können die Fahrer jetzt Urlaub machen, ja. Es sei denn, sie haben noch irgendwelche werbetechnischen Verpflichtungen. Es ist wichtig, dass man sich erholt. Die zweite Saisonhälfte ist fast härter als die erste. Es sind praktisch nur noch Übersee-Rennen mit weiten Reisen und Jetlag.

Und hinter den Kulissen wird weiter fleissig gearbeitet, oder wie muss man sich das vorstellen?

In Wirklichkeit sind es ja nur drei Wochen Sommerpause, weil man sich dann bereits wieder auf den GP Niederlande vorbereiten muss. Zwei von diesen drei Wochen muss das Werk geschlossen bleiben. An allem, was mit Wettbewerb zu tun hat, seien es Tests im Windkanal oder Verbesserungen am Auto, darf nicht gearbeitet werden.

Resultate

SRF zwei, Sportlive, 26.07.2026, 14:20 Uhr ; 

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