Russi: «Küng kam nicht aus dem Nichts»

SRF-Experte Bernhard Russi äussert sich im Interview zum WM-Titel von Patrick Küng in der Abfahrt. Ausserdem verrät der zweifache Weltmeister, warum die WM in Vail/Beaver Creek für Swiss-Ski bereits gerettet ist.

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Patrick Küng am Tag nach seinem WM-Triumph

3:29 min, aus vail - beaver creek 2015 vom 8.2.2015

Die Schweiz stellt mit Patrick Küng den Weltmeister in der prestigeträchtigsten Disziplin. Damit scheint die WM für Swiss-Ski gerettet.

Russi: Ja, auf jeden Fall. An einer WM rechnet man zusammen, wer alles Medaillen einfahren könnte. Aber es ist nicht selbstverständlich, dass es dann auch klappt. Die Konkurrenz ist gross. In der Männer-Abfahrt versagten 5 Top-Favoriten, sie haben allesamt Fehler gemacht. Deshalb sollten wir es schätzen, dass wir schon mit 3 Medaillen dastehen.

Wie wichtig ist so ein Titel für eine Skination wie die Schweiz?

Extrem wichtig. Wir haben zwei Plattformen, auf denen wir uns präsentieren können: Einerseits durch unsere Natur, die Berge, die Skiorte. Andererseits durch das Auftreten als eine der besten Skifahrer-Nationen der Welt. Wenn dann das Wettkampfglück wie hier dazukommt und die Krone geholt werden kann, ist das natürlich noch viel besser.

Küng ist nach Zurbriggen (1985), Müller (1987), Heinzer (1991), Lehmann (1993), Kernen (1997) und Ihnen (1970, 1972) der 7. Schweizer WM-Titelgewinner seit 1970. Ist sein Coup vergleichbar mit einem seiner Vorgänger?

Ich glaube mit dem Titel von Bruno Kernen ist dies durchaus zu vergleichen. Küng zählte vor der Saison zu den Top-Favoriten. Aber dann relativierte sich alles. Hier musste er dann durch die interne Qualifikation – dann kann er nicht zu den Top-Favoriten zählen. Deshalb ist es mit Kernen zu vergleichen, der in einer ähnlichen Situation war.

Auf der Rechnung der Experten war Küng vor dem Rennen kaum – auch bei Ihnen nicht.

Da muss ich ehrlich sein, ja. Ich wusste immer, dass Küng einen Schritt nach vorne machen kann. Aber ich habe 5 bis 7 Jahre darauf gewartet. Jetzt hat er ihn gemacht.

Patrick Küng triumphiert am Lauberhorn

5:20 min, aus sportaktuell vom 18.1.2014

Nur 14 Monate nach seinem 1. Weltcup-Sieg im Super-G von Beaver Creek ist Küng Weltmeister. War diese Entwicklung in irgendeiner Weise voraussehbar?

Ich vergleiche Super-G nicht mit Abfahrt, das ist eine ganz andere Disziplin. Sehr oft sind die Fahrer zwar in beiden Disziplinen gut, aber daraus kann man nicht einfach Schlüsse ziehen. Sein erster Abfahrtssieg war am Lauberhorn, der ist aber sicher nicht auf gleicher Stufe einzureihen wie der WM-Titel – die Gründe dafür sind bekannt (verkürzte Strecke). Aber es ist nicht so, dass Küng aus dem Nichts kam. Er ist in den letzten paar Jahren immer in Tuchfühlung mit der Spitze gewesen. Wenn dies der Fall ist und der Tag stimmt, dann ist ein Sieg möglich.

Welche Fähigkeiten zeichnen den Glarner aus?

Er hat – was viele nicht haben – eine grosse Grundgeschwindigkeit. Er begründet dies zwar häufig mit dem Material. Aber das gilt es dann auch noch umzusetzen und runterzufahren. Zudem verfügt er über ein extremes Tempogefühl. Bei ihm hat man nicht zwingend den Eindruck, dass er der Schnellste ist. Er fährt auch ab und zu Umwege, ist aber trotzdem schnell. Hinzu kommt eine in den letzten zwei, drei Jahren ausgefeilte Technik, was aber bei der ganzen Mannschaft der Fall ist.

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0:57 min, vom 8.2.2015

Sie waren selber zweimal Weltmeister. Wie ändert so ein Titel das Leben?

Ich sehe da nur Chancen, keine Gefahren. Küng hat schon viel durchgemacht, durch Verletzungen, aber auch durch Ereignisse in seinem Umfeld. Er ist ein gereifter Mann. Es werden sich viele neue Türen für ihn öffnen. Ich hoffe, dass er nicht nur dem Geld nachrennt, sondern die Identifikation mit einem Sponsor sucht. Man muss das Sponsoring leben.

Sendebezug: SRF zwei, «Vail live», 08.02.2015, 23:10 Uhr.