Stan Wawrinka ist sich bewusst, dass er das Rad der Zeit nicht mehr komplett zurückdrehen kann. «Ich weiss, dass ich spielerisch und physisch nicht mehr das Niveau von vor zehn Jahren habe», betonte der 40-jährige Waadtländer dieser Tage immer wieder. Aber er hat auch in diesem für einen Tennisprofi sehr hohen Alter noch immer das Niveau, um die 3. Runde eines Grand-Slam-Turniers zu erreichen und die Fans zu verzücken.
Bei seinen letzten Australian Open, ehe er dann Ende Jahr seine Karriere beenden wird, ist man froh, dass man dem Champion von 2014 eine Wildcard gegeben hat und setzt deshalb seine Drittrundenpartie gegen Taylor Fritz als Night Session auf dem zweitgrössten Platz, der John Cain Arena mit gut 10'000 Plätzen, an. Der Schweizer wird – natürlich – klarer Aussenseiter sein.
Er gewann zwar die ersten zwei Duelle von dreien mit Fritz, doch das fühlt sich an, als wäre es in einer anderen Welt und Zeit gewesen. Die letzte Begegnung ging vor drei Jahren an den Amerikaner, noch dazu auf Sand, der schwächsten Unterlage des US-Open-Finalisten von 2024.
Baldiger Rücktritt als Befreiung
Dazu stellt sich die Frage, wie gut sich Wawrinka vom viereinhalbstündigen Effort am Donnerstag gegen Arthur Géa erholen kann. Zudem ist für Samstag der heisseste Tag in Melbourne mit bis zu 40 Grad angekündigt. Wahrscheinlich kein Vorteil für den ältesten Spieler in der 3. Runde eines Grand-Slam-Turniers seit 1978. Doch bis am australischen Abend dürfte die extreme Hitze ein wenig abgeklungen sein.
Zu verlieren hat Wawrinka nichts und wird wie immer alles in die Waagschale werfen. Seit er sich zum Rücktritt entschlossen und diesen öffentlich gemacht hat, wirkt er richtiggehend befreit. Er habe in der Vorbereitung hervorragend trainiert, fühle sich fit, und das beweist er seit Anfang Jahr mit einem Marathonmatch nach dem anderen.
Nahe an den Top 100
Weiter als in die 3. Runde kam Wawrinka bei einem Major-Turnier seit den Australian Open vor sechs Jahren nicht mehr, als er erst im Viertelfinal an Alexander Zverev scheiterte. Unabhängig vom Resultat gegen Taylor Fritz hat er aber längst bewiesen, dass dies nicht eine Abschiedstournee «zum Plausch» ist, sondern noch einmal eine Saison mit vollem Effort.
Ein Teilziel wird der Lausanner nach den Australian Open ohnehin schon fast erreicht haben. Auch bei einer Niederlage wird er sich in der Weltrangliste in die Gegend um Platz 110 verbessern und damit bereits nahe an den angestrebten Top 100 sein. Da er bis im Frühsommer nur wenige Punkte zu verteidigen hat, stehen die Chancen gut, dass es vor Paris und Wimbledon keine Zitterpartie um eine Wildcard mehr brauchen wird.