Welcome to Berne, der Hauptstadt von – eigentlich gar nichts. Aber die 4000-Seelenstadt in Indiana veranschaulicht, wie ein von Schweizer Einwanderung geprägter Ort in den USA sein Erbe zu pflegen versucht.
Jodelnde Essiggurken
Die Erinnerungskultur in Berne ist, nun ja, nicht ganz frei von Klischees. Ein Shop im Ort verkauft Saatgut für Edelweiss sowie Essiggurken aus Plastik, die jodeln.
In der Schweiz isst man Brot, Käse und Kartoffeln. In Amerika gibt es alles Mögliche.
Auch die hier jährlich durchgeführten Swiss Days wirken wie das uneheliche Kind einer 1.-August-Feier und eines Country-Festivals.
9½ Bratwürste
Zum Festprogramm gehört Weitwerfen mit einer Kopie des Unspunnenstein. Die Kopie des Wurfobjekts ist deutlich kleiner als das Original. Eine Teilnehmerin findet trotzdem: «Scheissschwer, dieser Stein!»
Der Sieger des Bratwurstwettbewerbs verschlingt neuneinhalb Stück in zehn Minuten. Neuneinhalb, so alt ist auch die diesjährige Miss Schweiz von Berne.
Floyd verzeiht Ahnenmord
Im Ort als besonders passionierter Fan der Schweiz gilt Floyd Liechty. Er besitzt eine grosse Trachtensammlung, geht sonntags immer in die Kirche und führt seine Familie danach zu McDonalds.
Und dass seine Vorfahren in der Schweiz verfolgt und getötet wurden? Floyd sieht darin keinen Widerspruch: «Gott verzeiht – und das sollten auch wir tun!»
«Mir si am Snach esse»
Ermordete Ahnen? In die USA geflüchtete Schweizer waren früher oft Täufer. Diese religiösen Gemeinschaften wurden in der Schweiz und Europa verfolgt.
Ab Ende des 17. Jahrhunderts fand eine Fluchtbewegung in die USA statt. Dort leben die Gemeinschaften teils bis heute sehr abgeschottet.
Deutlich wird dies in Kidron, Ohio, wo es wirkt, als wäre die Zeit stehengeblieben. Das einst Schweizer Mennoniten hierher geflüchtet sind, verraten die Nachnamen auf dem Friedhof: Nussbaum, Hofstettler, Gerber, Amstutz.
Anders als in Berne findet man hier reale Bezüge zur Schweiz. Ein Einheimischer spricht mit Akzent übers Abendessen: «Mir si am Snach esse.» Eine greise Frau singt ein altes Lied auf Schweizerdeutsch.
Zudem wird in Kidron das Täufer-Ideal der Gewaltlosigkeit noch immer gelebt. Die Älteren hier sind stolz, den Kriegsdienst in Vietnam verweigert zu haben.
Ammanns Amische
Der konservativste Zweig der Täufer sind die 1693 von Jakob Ammann gegründeten und nach ihm benannten Amische. Diese fahren Kutschen statt Autos und nutzen moderne Technologie nur sehr begrenzt.
Der Berner Ammann hat auch definiert, was getragen werden darf. Die Kleider der Amisch-Frauen sind bis heute nach jenem Schnittmuster aus dem 17. Jahrhundert.
Auch das Filmen wird für die Macher von «American Yodel» schwierig, da Amische nicht abgelichtet werden wollen. Es wäre allerdings auch nichts zu sehen, das an die Schweizer Abstammung erinnert.
Amische lehnen nationale Symbole strikt ab. Auch Krankenversicherungen lehnen sie ab. Geld für Arztbesuche machen sie mit dem Verkauf handgemachter Quilts.
Erst frivol, später tiefgründig
Der Dokumentarfilm «American Yodel» beginnt frivol, entwickelt aber je mehr Tiefgang, je konservativer das Milieu der gezeigten Schweizer Auswanderer wird.
Eine sehr persönliche Note entwickelt das Werk durch den Experten, der die Crew begleitet. Weil einst Amische seinen schwerbehinderten Sohn mit offenen Armen empfingen, wurde er überhaupt erst zum Kenner ihrer Lebensweise.