Eine Tierärztin, eine Künstlerin, eine Chemikerin und eine junge Frau, deren Schicksal die Schweiz erschütterte. Ihre Wege könnten kaum unterschiedlicher sein, doch sie haben etwas gemeinsam: Sie wurden übersehen.
Die Tierärztin, die Grace Kellys Hund behandelte
Elsa Mühlethaler muss bei einer Anatomieprüfung während des Studiums den Ischiasnerv eines Pferdes untersuchen. Doch dafür ist sie zu klein. Der Professor bietet ihr eine alternative Aufgabe an. Für eine der ersten Frauen, die in der Schweiz Tiermedizin studieren, ist das keine Option. Stattdessen verlangt sie nach einem Schemel. Dieser Zwischenfall steht sinnbildlich für die Karriere von Elsa Mühlethaler.
Noch in der Studienzeit, während des zweiten Weltkriegs, arbeitet sie als Assistentin im Tierspital und legt das Staatsexamen ab.
Später eröffnet sie als erste Frau schweizweit eine Praxis und wird so gefragt, dass sogar Grace Kellys Hund ihr Patient war.
Viele Jahre später erlitt sie das, was man heute wohl Burnout nennt. Und doch sagte sie über ihren Beruf: «Ich würde ihn wieder wählen, wenn ich nochmals beginnen müsste.»
Die Künstlerin, die niemand mehr kannte
Liselotte Mosers Werke sind kraftvoll und präzise. Ihre frühen Selbstporträts zeigen eine genaue Beobachterin mit eigenständiger Handschrift.
Moser, die an Kinderlähmung litt, lebte lange in Detroit, wo ihr Schaffen Anerkennung fand. Als sie mit 58 Jahren in die Schweiz zurückkehrte, wurde sie als Künstlerin kaum beachtet. Dennoch malte sie in Stans trotz mangelnder Aufmerksamkeit weiter.
Erst 2022 widmete ihr das Winkelriedhaus eine Ausstellung und holte sie ins öffentliche Bewusstsein zurück.
Die Wissenschaftlerin, die nicht schweigen wollte
Sie war Chemikerin und Pazifistin. Und eine der ersten Stimmen, die eindringlich vor den Gefahren chemischer Waffen warnten. Gertrud Woker absolvierte die Matura gegen den Willen ihrer Umgebung, schloss ihr Studium mit Bestnoten ab und wurde die erste Chemiedozentin im deutschsprachigen Raum.
Ihr Engagement gegen Giftgas brachte sie in Konflikt mit Kirche, Militär und Kollegen. Sie verspotteten sie, erklärten sie sogar für geistig verwirrt. Trotz Anfeindungen blieb Woker unbeirrbar. Als Mitbegründerin der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit engagierte sie sich gegen die Instrumentalisierung der Wissenschaft für Kriegszwecke.
Dennoch wurden ihre Leistungen über Jahrzehnte hinweg verdrängt.
Ein Schicksal, das die Schweiz bis heute bewegt
Frieda war keine Pionierin im klassischen Sinn. Ihre Geschichte zeigt eine junge Frau, die im frühen 20. Jahrhundert in ein System geriet, das Frauen moralisch beurteilte und schnell verurteilte.
Der Film «Friedas Fall» rekonstruiert die Tragödie der Näherin Frieda Keller, die 1904 aus Verzweiflung ihren fünfjährigen Sohn tötete und damit einen Prozess auslöste, der die Ostschweiz erschütterte.
Der Fall entfachte eine Debatte über Scham, Moral und die Rechte von Frauen. Frieda wurde zum Tod verurteilt, später zu lebenslanger Einzelhaft begnadigt, während ihr Vergewaltiger straffrei blieb. Dass ihr Schicksal zur Abschaffung der Todesstrafe beitrug und eine frühe Frauenrechtsdiskussion anstiess, verleiht der Geschichte bis heute Bedeutung.
Obwohl die Namen dieser vier Frauen weitgehend unbekannt sind, hallen ihre Geschichten bis in die Gegenwart nach.