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Von der Mutter nicht erwünscht Bärfuss: «Als Betriebsunfall zu gelten, war nicht das Schlimmste»

Lukas Bärfuss hat eine Kindheit ohne Liebe und Zärtlichkeit erlebt. Die Beziehung zu seiner gefühlskalten Mutter arbeitet er in seinem neuen Buch auf.

Lukas Bärfuss

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Lukas Bärfuss gehört zu den prägendsten Stimmen der Schweizer Gegenwartsliteratur. Der Büchner-Preisträger von 2019 erlangte als Dramatiker und Romancier internationalen Ruf. Seine Werke sind oft politisch und beleuchten kompromisslos gesellschaftliche Missstände.

SRF: Ihr neustes Buch «Königin der Nacht» ist schon auf Bestsellerlisten. Es beschreibt eine Jugend voller Armut und schwieriger Momente. Trotzdem sehen Sie sich als Glückskind.

Ich bin nur schon deshalb ein Glückskind, weil ich das alles überlebt habe. Das ist nicht selbstverständlich.

Im Gegensatz zu vielen Leuten, die Sie kennen.

Absolut. Es braucht auch Glück, damit man es überlebt.

Was würden Sie dem 15-jährigen Lukas heute sagen?

Keep on going!

War es auch eine Jugend des Trotzes?

Ja, das braucht natürlich einen harten Kopf.

Ihre Mutter sagte, Sie seien ein Betriebsunfall.

Das war nicht das Schlimmste, was ich gehört habe. Es gab noch andere Begriffe.

Es ist schockierend zu lesen, dass Sie sich nicht an einen einzigen liebevollen Moment erinnern können.

Keinen authentischen. Es gab natürlich immer diese Show-Einlagen. Wenn andere Leute zuschauten. Das hörte sofort auf, wenn wir wieder allein waren. Meine Mutter hatte kein Interesse an mir.

Ihr neues Buch ist urteilsfrei. Dabei parkierte ihre Mutter Sie als 15-Jährigen bei einem Bauern. Das erinnert an die Verdingkinderthematik.

Die Thematik ist präsent in meiner Familie. In der Familie des Stiefvaters wurden alle verdingt.

Aber Sie haben kein Trauma, wie man vermuten könnte.

Vielleicht schon. Aber ich habe daraus mein Geschäft gemacht. Denn ich kann darüber schreiben, und das verändert alles.

Ein Buch über den zwielichtigen Vater, eines über den Freitod Ihres Halbbruders - nun über Ihre Mutter. Arbeiten Sie sich literarisch an Ihrer Familie ab?

Nein, ich arbeite mich daran hin. Es ist der Versuch, zu verstehen, in welcher Welt ich lebe. Und in welcher Welt ich aufgewachsen bin.

Warum tun wir uns so schwer, wenn eine Familie nicht funktioniert?

Darauf habe ich keine abschliessende Antwort.

Ihre Mutter starb mit 60 Fr. auf dem Konto.

Jeder anderen Person hätte ich finanziell geholfen. Bei meiner Mutter kam ich nicht mal auf die Idee. Es war klar, dass ich nichts gebe. Das zeigt auch, dass sich diese Gewalterfahrung weiter verpflanzt hat. Ich fand damals keinen Weg, um aus diesem Kreis herauszukommen.

Aus Trotz?

Es war kein Trotz. Ich habe etwas nicht erkannt. Ich musste meine Mutter lange Zeit vermeiden. Sie war eine Gefahr und ich musste Distanz haben.

Wegen Ihres Wohlergehens?

Genau.

Sie betonen stets, nicht verbittert zu sein.

Es ist eine Lebenshaltung, das nicht zuzulassen. Sich ein Freund zu sein und sich nicht mit dem Schlimmsten zu umnachten. Und nicht zuzulassen, dass einem das Herz vergiftet wird.

Gibt es auch Momente, in denen Lukas Bärfuss keine Antwort hat?

Immer wieder. Da braucht man andere Leute. Gesellschaftliche Isolation ist ungünstig. Man sollte immer mit allen Leuten im Kontakt bleiben. Und Wegschauen ist keine gute Idee. Hinschauen ist eine sehr gute Idee.

Sie sind ein politischer Mensch. Wo sehen Sie die Schweiz im Moment?

Sie hat schon ihre Schwierigkeiten, überall. Sie schlängelt sich durch. Das ist auch das Schicksal des Kleinstaats. Ich glaube, wir brauchen eine sehr gute Diplomatie. Die Aufgaben werden nicht kleiner.

Ich fragte, was Sie dem 15-jährigen Lukas auf den Weg geben möchten. Umgekehrt: Was würde der 15-jährige Lukas zu Ihrem heutigen Ich sagen?

Das ist eine gute Frage. Die habe ich noch nie gehört. Ich glaube, es wäre eine Frage. Aber ich weiss nicht genau, welche. Eine gute Frage und wahrscheinlich eine, die keine Antwort kennt.

 Das Gespräch führte Urs Gredig.

SRF 1, 28.05.2026, 22:25 ; 

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