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Biodiversität Warum die Artenvielfalt in Städten höher ist als auf dem Land

Den bunten Blumenstrauss pflücken Sie heute besser in der Stadt als auf dem Land. Denn in Schweizer Städten ist die Artenvielfalt oft höher als in umliegenden Landwirtschafts-Zonen. Das sind die Gründe dafür.

Kein Zweifel: Am höchsten ist die Artenvielfalt in naturbelassenen Regionen. Beim Vergleich von Städten mit Gebieten intensiver Landwirtschaft, trügt aber das Bild, wie Daten klar belegen. Duftende Blüten, farbenfrohe Wiesen und seltene Sträucher finden wir eher in Schweizer Städten als in der Landwirtschaftszone. Das lässt sich beispielhaft in Bern und Genf zeigen.

Bern, Genf wie auch weitere Schweizer Städte sind regelrechte Refugien für Tiere und Pflanzen. In den kleinräumigen Strukturen und Nischen wie beispielsweise an Ufern von Bächen und Teichen, entlang von Hecken und Bahnböschungen, in Parks, in verwilderten Gärten und Innenhöfen, finden sie ihr Plätzchen. Wegen dieser vielfältigen Lebensräume können sich auch Arten ansiedeln, die nur unter ganz bestimmten Bedingungen überleben können. 

Weshalb Pflanzen so wichtig sind

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Pflanzen machen weltweit über 80 Prozent der Biomasse aus. Der Anteil der Menschen ist vergleichsweise klein und liegt bei 0,01 Prozent. Diese unglaubliche Masse an Pflanzen hat eine enorme Bedeutung. Die Leistungen, die sie für uns und den Erhalt der Lebensräume erbringt, lassen sich gemäss Millennium Ecosystem Assessment wie folgt unterteilen: 

  • Versorgungsleistungen: Zum Frühstück essen wir Haferflocken und Früchte, Stuhl und Küchentisch bestehen aus Holz und der Pullover aus Baumwolle. Von Nahrungsmitteln, Rohstoffen, Energieträgern bis zur Medizin profitieren wir von pflanzlichen Produkten der Natur.  

  • Regulierende Leistungen: Beim Joggen atmen wir die Luft, die Pflanzen von Schadstoffen filtern. Danach trinken wir ein Glas Leistungswasser, das ebenfalls durch sie gesäubert wird. Und an heissen Sommertragen verdanken wir es den grünen Gewächsen, dass es in Städten einigermassen erträglich bleibt, denn sie tragen wesentlich zur Kühlung bei. Es entsteht ein grosser Nutzen für uns, dadurch dass Pflanzen die Ökosysteme regulieren. Wie die Reinigung von Luft und Wasser, die Klimaregulierung, die Minderung von Überschwemmungen und den Erosionsschutz. 

  • Kulturelle Leistungen: Spaziergänge in Wäldern, Wandern in den Bergen und das Betrachten von Sonnenauf- und untergängen: Die Natur hat auch einen Nicht-materiellen Nutzen wie die Erfüllung ästhetischer, spiritueller und intellektueller Bedürfnisse, bietet Erholung und ist kulturelles Erbe. 

  • Unterstützende Leistungen: Beispielsweise ernähren sich die meisten Säugetiere von Pflanzen. Aber auch an der Bodenbildung und den funktionierenden Nährstoffkreisläufen sind sie massgeblich beteiligt. 

Im Agrarland finden wir kaum Natur

In der intensiv genutzten Landwirtschaft hingegen sind die Bedingungen aufgrund von Monokultur oft unveränderlich, entsprechend sind auch die gleichen Arten anzutreffen. So ist beispielsweise der Löwenzahn weltweit auf dem Vormarsch und verdrängt andere Blumen, Gräser und Kräuter, die weniger konkurrenzfähig sind.

«Im intensiv genutzten Agrarland treffen wir kaum Natur an», bilanziert Stefan Eggenberg. Er ist Biologe und Direktor des nationalen Datenzentrums Schweizer Flora. Wer neben überdüngten Weiden und mit Pestiziden behandelten Äckern spaziere, begebe sich sozusagen in eine Industriezone.   

Auf dem Land ist vielerorts ein Einheitsbrei entstanden. Diese Gebiete sind dem Grundsatz der maximalen Produktion unterworfen...
Autor: Stefan Eggenberg Botaniker

«Auf dem Land ist vielerorts ein Einheitsbrei entstanden. Diese Gebiete sind dem Grundsatz der maximalen Produktion unterworfen, die Biodiversität hat man dabei links liegen gelassen», so Eggenberg. 

Der Blick auf die ganze Schweiz bestätigt diese Aussage. Generell ist die Artenvielfalt in Schweizer Städten grösser als auf dem Agrarland, wie die folgende Karte zeigt. 

Der Aufbau einer Stadt hat enormen Einfluss auf deren Biodiversität 

Eva Knop, Biologin der Universität Zürich, ist weltweit eine der ersten Forscherinnen, die genau diese Entwicklung der Artenvielfalt in der Schweiz untersucht hat. Sie arbeitete an einer im Journal «Gobal Change Biology» veröffentlichten Studie mit, welche das Vorkommen von Käfern, Wanzen, Zikaden und Spinnen auf Bäumen analysierte. Das Resultat: Lokal sind diese Tierarten häufiger in grünen, städtischen Quartieren als im intensiv genutzten Agrarland zu finden.

«Das hat uns überrascht», sagt Eva Knop. Sie differenziert aber: «Es kommt sehr darauf an, wie die Stadt gebaut ist: In verdichteten Quartieren ist die Artenvielfalt tiefer als im Agrarland.» Andere Stadtteile würden hingegen eindrücklich zeigen, wie gross das Potenzial vom Siedlungsgebiet sei. 

Es kommt sehr darauf an, wie die Stadt gebaut ist: In verdichteten Quartieren ist die Artenvielfalt tiefer als im Agrarland.
Autor: Eva Knop Biologin Universität Zürich

Genau dort sei in den letzten Jahren viel passiert, beobachtet der Botaniker Stefan Eggenberg. Ufer wurden renaturiert, Zwischenräume eingeplant, weniger gemäht und Bäume stehen gelassen. Wegen Kampagnen und Aufklärungsarbeit habe sich auch das Denken in der Bevölkerung verändert, insbesondere dass Natur und Stadt kein Widerspruch darstellten: «Biodiversität beginnt bereits im Kopf.» 

Legende: Die Planung und der Aufbau einer Stadt unterstützen die Artenvielfalt enorm. Im Bild: Das Aare-Ufer in Bern, welches eine höhere Artenvielfalt beherbergt als die umliegenden Landwirtschafts-Gebiete. Unsplash / Alin Andersen

Glücklichere Menschen in biodiversen Gebieten

Menschen fühlen sich in biodiverser Umgebung zufriedener: Je höher die Anzahl an Pflanzenarten in einem städtischen Garten, umso erholsamer wurde er eingeschätzt. Andere Studien bringen ähnliche Resultate hervor, auch wenn die Forschung dazu erst am Anfang steht. 

Weltweit wurde eine Korrelation zwischen Wohlstand und Biodiversität festgestellt, was auch als «LuxuryEffect» bezeichnet wird. In vielen wohlhabenden Vierteln wird eine höhere Pflanzenvielfalt als in ärmeren Stadtteilen festgestellt.  

Der Unterschied zwischen Artenvielfalt und Biodiversität 

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Unter Artenvielfalt ist die Anzahl der Tiere und Pflanzen an einem bestimmten geografischen Ort zu verstehen. In der Schweiz sind laut dem Bundesamt für Umwelt an die 56'000 verschiedene Arten bekannt, davon fast 40'000 Tierarten und über 16'000 Pflanzen- und Pilzarten.  

Die Biodiversität bedeutet biologische Vielfalt im vielschichtigen Sinn: es geht um die Vielfalt aller Lebensräume (wie Nadelwälder, tropische Regenwälder, Moore, Flüsse etc.), die Vielfalt der Arten (egal ob Tier, Pflanze, Pilz oder Einzeller) und die genetische Vielfalt. Da nicht überall die gleichen Lebensbedingungen vorherrschen, passen sich Arten genetisch an Umweltbedingungen wie das Klima an. So entstehen innerhalb derselben Arten genetische Unterschiede oder aber es entstehen sogar neue Arten.  

Je grösser die Biodiversität, desto stabiler ist die Lebensgemeinschaft.

Typisch Schweiz: Geputzte Natur

Botaniker Stefan Eggenberg beobachtet aber eine unerfreuliche Besonderheit der Schweizerinnen und Schweizer: «Unser Putz-Wahn. Wir ordnen, strukturieren und säubern die Natur, das schadet der Biodiversität enorm.» Je weniger der Mensch in einen Lebensraum eingreife, desto besser kann sich die Biodiversität entwickeln. 

Wir ordnen, strukturieren und säubern die Natur. Das schadet der Biodiversität enorm.
Autor: Stefan Eggenberg Botaniker

Das Problem der urbanen Biodiversität: Die Lebensräume verfügen zwar über wertvolle Nischen, sind aber sehr kleinräumig. Strassen zerschneiden ehemals zusammenhängende Lebensräume, Tiere können sich kaum fortbewegen. «Städte sind keineswegs die Lösung für die drastischen Biodiversitätsverluste», betont Eggenberg. 

Legende: Wenig Platz für Artenvielfalt in der «geputzten Schweiz», wie hier im landwirtschaftlich stark genutzten Seeland. Keystone

Paris, Zürich und Berlin werden immer ähnlicher 

Laut dem Bundesamt für Statistik ist schweizweit eine Fläche fast viermal so gross wie der Bodensee versiegelt. «Wenn wir damit nicht aufhören, passiert das Gleiche wie in der Landwirtschaft – eine Homogenisierung, ein Einheitsbrei», so Eggenberg. 

Audio
Rettung der Artenvielfalt in Sicht?
aus Wissenschaftsmagazin vom 03.12.2022. Bild: IMAGO / Pixsell
abspielen. Laufzeit 27 Minuten 36 Sekunden.

Und diese sei global betrachtet bereits im Gang, warnt die Biologin Eva Knop. «Zwar finden wir im urbanen Raum viele Arten, aber grossflächig gesehen sind es häufig dieselben.» Sprich: Es gibt auf kleinem Raum eine grosse Artenvielfalt, doch die Lebensräume in Paris, Berlin und Zürich werden immer ähnlicher.  

Zwar finden wir im urbanen Raum viele Arten, aber grossflächig gesehen sind es häufig dieselben.
Autor: Eva Knop Biologin Universität Zürich

Trotzdem gebe Eggenberg die hohe Artenvielfalt in der Stadt Hoffnung. «Es wird sichtbar, wie viele Handlungen in ihrer Summe eine Wirkung entfalten.» Wer auf dem Balkon heimische Blumen sät, vertrocknete Pflanzenstängel und Laub im Herbst liegen lässt oder weniger häufig Rasen mäht, tut bereits etwas für die Biodiversität. Direkt vor der Haustür, mitten in der Stadt. 

Impressum

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Legende: SRF

Nina-Lou Frey, Dominique Marcel Iten (Redaktion), Fabian Schwander (Frontend-Entwicklung), Ulrich Krüger (Design)

Datenquellen

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Für die Karten-Animationen stützen wir uns auf folgende Datenquellen:

Daten Bern:

Quelle: Info Flora
Erhoben durch das Floreninventar Bern (FLIB), ergänzt mit den übrigen Fundmeldungen aus dem Gebiet.
Erhebungszeitraum/Erhebungsdatum: Berücksichtigt sind Fundangaben aus den Jahren 1990 bis 2022.

Daten Genf:
Quelle: Info Flora
Erhoben durch das Projekt «Atlas de la flore du canton de Genève», ergänzt mit den übrigen Fundmeldungen aus dem Gebiet.
Erhebungszeitraum/Erhebungsdatum: Berücksichtigt sind Fundangaben aus den Jahren 1990 bis 2022.

Daten Schweiz:
Quelle: Info Flora
Berücksichtig alle Datenquellen (erhoben von Privatpersonen, öffentlichen Ämtern, Forschungsinstitutionen, etc.)
Erhebungszeitraum/Erhebungsdatum: Berücksichtigt sind Fundangaben aus den Jahren 1990 bis 2022.

Wissenschaftsmagazin, 3.12.2022, 12:40 Uhr;

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