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Long Covid: Betroffene erzählen
Aus Kontext vom 24.09.2021.
abspielen. Laufzeit 28:00 Minuten.
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Ein Leben lang leiden? Diagnose Long Covid: Wie geht es jetzt weiter?

Chronische Schmerzen und Erschöpfung: Long Covid kann jeden treffen, der sich mit dem Coronavirus ansteckt. Heute leiden rund 200'000 Menschen in der Schweiz an Long Covid. So auch Selina Rutz-Büchel und Chantal Britt. Sie erzählen, wie es ihnen damit geht.

«Wenn ich einen guten Tag habe und mich wohl fühle, dann mache ich morgens etwas Yoga und am Nachmittag einen Spaziergang.» Mehr schafft Selina Rutz-Büchel noch nicht. Die 30-jährige Spitzensportlerin und mehrfache Europameisterin im 800-Meter-Lauf trainierte seit ihrem 15. Lebensjahr mehrmals täglich. Nun muss sie ganz auf das Training verzichten.   

Legende: Im Februar konnte Selina Rutz-Büchel noch ohne Probleme an Wettkämpfen teilnehmen. Keystone

Selina Rutz-Büchel hat sich Anfang April 2021 mit dem Coronavirus angesteckt. Ihr Krankheitsverlauf war sehr mild. Etwas erkältet sei sie gewesen, so richtig krank habe sie sich nur an einem Tag gefühlt. Nach einem Gesundheitscheck hat sie ihr Training zwei Wochen nach ihrer Infektion wieder aufgenommen, ganz sachte.

Der Traum Olympische Spiele - geplatzt  

«Alles ging gut und hat sich gut angefühlt», sagt Selina Rutz-Büchel. Deshalb habe sie einen Zacken zugelegt und ein erstes Krafttraining eingebaut. Doch das habe sie «total geschlissen». Was darauf folgte, war ein Rückfall: Totale Erschöpfung, Hals- und Kopfschmerzen und Schwindel.

Langzeitfolgen von Covid-19 

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Als Langzeitfolgen von Covid-19 zählen hauptsächlich folgende Symptome:

  • Übermässige Müdigkeit und Erschöpfung
  • Kopfschmerzen
  • Husten
  • Kurzatmigkeit und Atembeschwerden
  • Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn
  • Schlaflosigkeit
  • Muskelermüdung/Muskelschmerzen
  • Schmerzen in der Brust
  • Intermittierendes Fieber
  • Hautausschläge
  • Beschwerden nach körperlicher Anstrengung

Quelle BAG

Eigentlich wollte Selina Rutz-Büchel an den Olympischen Spielen in Tokyo starten. Fünf Jahre lang hat sie sich darauf vorbereitet. Nach mehreren neuen Anläufen und stetigen Rückfällen musste sie diesen Traum aber aufgeben. Das Training hat sie ganz eingestellt.

«Dass der Traum von Tokyo geplatzt ist, ist das eine. Aber das tägliche Training ist ein Teil von mir, es fehlt mir.» Damit hadert die Spitzensportlerin bis heute.

Ob sich alle von Long Covid erholen, weiss niemand 

So wie Selina Rutz-Büchel geht es in der Schweiz etwa 200'000 Menschen. Das zeigen Schätzungen der Science Task Force und Studien.

Fast alle waren vor ihrer Infektion gesund, viele haben regelmässig Sport getrieben. «Es kann alle treffen, die sich mit dem Coronavirus infizieren, unabhängig vom Grad der Fitness, unabhängig vom Alter und vor allem unabhängig vom Schweregrad der Infektion», sagt Milo Puhan. Der Epidemiologe an der Universität Zürich leitet die Zürcher Coronavirus-Kohortenstudie und koordiniert das Forschungsprogramm «Corona Immunitas».

Im Rahmen dieses Programms werden regelmässig etwa 50'000 Patientinnen und Patienten befragt und untersucht. Zudem hat Milo Puhan für das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 70 Studien aus der ganzen Welt zusammengetragen.

Es wird Menschen geben, die längerfristig leiden werden.
Autor: Milo Puhan Epidemiologe an der Universität Zürich

Trotz der vielen Daten ist heute noch vieles unbekannt. Die Forschung über Long Covid steckt noch immer erst in den Anfängen. Ob alle Long-Covid-Patientinnen und -Patienten wieder gesund werden, weiss Milo Puhan nicht. «Es wird Menschen geben, die längerfristig leiden werden», sagt Puhan. Viele aber würden sich wieder erholen, ist der Epidemiologe überzeugt.

Vielleicht gibt es mal Medikamente

Heute bestehe die Hoffnung, so Milo Puhan, dass gewisse Therapien den Verlauf von Long Covid mildern können. Und vielleicht gebe es irgendwann mal auch Medikamente, die helfen.

Auf solche Medikamente hofft Chantal Britt. Sie leidet bereits seit der ersten Welle der Pandemie, also seit anderthalb Jahren, an Long Covid. Sie war eine der ersten Patientinnen, die in der Öffentlichkeit über ihre Krankheit sprach. «Wir haben Angst, dass die Symptome chronisch werden und wir das ganze Leben unter Long Covid leiden werden», fürchtet Chantal Britt.

Legende: Chantal Britt war eine der ersten Patientinnen, die öffentlich über ihre Krankheit sprach. Sie ist Mitgründerin des Vereins «Long Covid Schweiz». SCAHT

Um den Betroffenen eine Stimme zu geben, hat sie im März 2021 den Verein «Long Covid Schweiz» mitgegründet. Dieser hat eine Umfrage unter 400 Betroffenen durchgeführt.

Die Umfrage zeigt, dass nicht ganz die Hälfte der Betroffenen wieder arbeiten können. 28 Prozent mussten ihr Pensum dauerhaft reduzieren und 20 Prozent sind ganz arbeitsunfähig.  

Es braucht mehr Geld für die Forschung  

Die vielen laufenden Studien und Programme zu Long Covid werden heute von Stiftungen, teilweise von den Universitäten selber und von einzelnen Kantonen finanziert. Einen Teil unterstützt das BAG. Vom Schweizerischen Nationalfonds gibt es zurzeit aber noch keine Forschungsgelder für Long Covid. Deshalb fordert der Verein «Long Covid Schweiz» in einem offenen Brief an den Bundesrat, dass ein Forschungsfonds für Long Covid errichtet wird.

«Wir dürfen die betroffenen Menschen nicht im Stich lassen, sie brauchen so schnell wie möglich Hilfe und verlässliche, zugelassene Medikamente», fordert Chantal Britt. Sie beteiligt sich auch an den Programmen von Milo Puhan an der Universität Zürich. Kürzlich habe auch das BAG Interesse an einer Zusammenarbeit gezeigt, freut sich Britt.

Ich glaube daran, der Körper heilt alles.
Autor: Selina Rutz-Büchel Sportlerin

Derweilen zeigt sich Selina Rutz-Büchel zuversichtlich. Sie brauche jetzt viel Geduld, damit sie im Alltag wieder klarkomme. Aber sie glaube an eine Genesung: «Ich glaube daran, dass der Körper alles heilen kann.»

Selina Rutz-Büchel lässt sich nicht unterkriegen. Ihr Ziel ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2024 in Paris.

Legende: Gibt nicht auf: Selina Rutz-Büchel möchte wieder an Wettkämpfen teilnehmen – grosses Ziel: Die Teilnahme an den olympischen Spielen 2024 in Paris. ZVG

Ob das klappt? Sie wisse es nicht, sagt Rutz-Büchel. «Ich glaube, alles im Leben passiert zum richtigen Zeitpunkt», meint die Spitzensportlerin und ergänzt: «Ich bin mir auch bewusst, dass Sport nicht alles ist im Leben».

Hier finden Sie Hilfe:  

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Kontext, 24.09.2021, 06:05 Uhr

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40 Kommentare

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  • Kommentar von Tobi Schwander  (Andersdenkend)
    Ich hatte vor 10 Jahren das Epstein-Barr-Virus, auch bekannt als Pfeiffer... Damals hat niemand über mich berichtet. Ich bin seit da auch 30% weniger leistungsfähig und es gibt auch kein Medikament, geschweige eine Impfung...
    Ach und zudem gibt es noch ganz viele andere Erkrankungen, welche viele Personen nicht mehr gleich arbeitsfähig sind. Da wäre die Depression, Krebs, usw. Wir sollten auch diese Menschen nicht vergessen...
    1. Antwort von Franziska Stäheli  (Franziska Stäheli)
      Wer vergisst den diese Menschen?
      Nur weil Covid19 aktuell und neu ist wird darüber berichtet. In ein, zwei Jahren wird sich das auch wieder gelegt haben.
      Auf jeden Fall wünsche ich gute Besserung
  • Kommentar von Vera Kehrli  (Vera Kehrli)
    Lasst euch impfen. Das verringert das Risiko für solche Krankheiten.
    1. Antwort von Kevin Schuler  (keves)
      Man! Ich kann solche inhaltslose Impfaufrufe echt nicht mehr höhren! Ich bin selbst zögerlich, hab mich kürzlich vertieft mit dem Thema auseinandergesetzt und lasse mich nun impfen, einfach weil ich meine Handlungsfähigkeit zurück will. Solche Impf-Aufrufe &-Druck trieben mich allerdings immer wieder davon weg, und ich will wirklich nicht zu dieser Pro-Impfen-Gruppe gehören...
      Danke SRF, dass ihr (allermeistens) Infos neutral präsentiert. Da könnte sich BAG, Taskforce & BR was abschneiden.
    2. Antwort von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
      Es gibt offensichtlich noch andere Faktoren, die dafür sorgen, dass Menschen von Covid infiziert werden und schwere Verläufe bis zum Tod machen. Es gibt in Europa Tausende doppelt Geimpfte, die dennoch an Covid gestorben sind. Welche Faktoren da zusätzlich wirken ist einfach nocht nicht bekannt. Dasselbe kennen wir von der Influenza-Grippe auch. Auch da gibt es bei Geimpften schwere Verläufe und Todesfälle. Ich vermute, das sind individuelle genetische Faktoren.
  • Kommentar von bruno gianola  (casoro11)
    Wer weiss die Antwort zu meiner Frage ?
    Geimpft , ungeimpft , doppelt geimpft.
    Verunsichert alle , wenn dies geheim bleibt.
    Dann bleibt ein Artikel wie dieser Journalistenfutter. Vanda Dürring sollte da informieren .
    1. Antwort von Antwort der Autorin (SRF)
      Guten Tag Herr Gianola
      Selina Büchel hat sich am 1. April infiziert. Als gesunde 30Jährige hatte sie noch keine Möglichkeit, sich impfen zu lassen.
      Ich hoffe, damit etwas Klarheit zu schaffen.
    2. Antwort von Franziska Stäheli  (Franziska Stäheli)
      Ich hatte es(Covid19) im Februar 2020 da war ich 35 und fit. Also ungeimpft und bin bis heute nur stundenweise arbeitsfähig.