Fast 2000 Jahre lang galt: Wer eine Schriftrolle aus Herculaneum lesen will, muss sie öffnen – und zerstört sie dabei. Einem internationalen Forscherteam ist nun Erstaunliches gelungen: Es hat eine komplette, versiegelte Papyrusrolle gelesen, ohne sie auch nur zu berühren.
Die Rolle mit der Bezeichnung PHerc. 1667 überstand einen der verheerendsten Vulkanausbrüche der Antike. Im Jahr 79 nach Christus begrub der Vesuv mehrere Städte in der Nähe des heutigen Neapels unter sich, beispielweise Pompeji. Auch die Stadt Herculaneum verschwand unter einer meterdicken Ascheschicht und mit ihr eine grosse Villa mit Privatbibliothek.
Erst Jahrhunderte später, in den 1750er-Jahren, stiess ein italienischer Landarbeiter auf die verschüttete Villa. Bei den darauffolgenden Ausgrabungen wurden über 1800 verkohlte, brüchige Blöcke gefunden. Nach und nach begriff man: Es waren Schriftrollen – ein Glücksfall, da der Grossteil antiker Schriften über die Zeit verfallen oder verschwunden war.
Nur: Lesen liessen sich die verkohlten Papyri lange kaum. Die meisten Versuche, die Rollen zu öffnen, liess sie zerbröckeln oder zerstörte sie ganz. Über 600 sind bis heute verschlossen.
Genau hier setzte die «Vesuvius Challenge» an – ein weltweiter, hochdotierter Wettbewerb.
Und nun der Durchbruch: Einem Forschungsteam ist es gelungen, die Schriftrolle PHerc. 1667 vollständig zu lesen – ohne sie physisch zu öffnen. «Vollständig» meint dabei allerdings nur das, was von der Rolle heute noch existiert: Durch frühere Öffnungsversuche ist nur der kompakte innere Kern erhalten, etwa ein Drittel der ursprünglichen Länge.
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Bild 1 von 3. Über 800 Papyrusrollen aus Herculaneum werden seit ihrer Entdeckung im 18. Jahrhundert in einer Bibliothek in Neapel aufbewahrt. Bildquelle: imago images.
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Bild 2 von 3. Die verkohlten Schriftstücke konnten lange nicht erforscht werden, ohne sie beim Öffnen zu zerstören. Bildquelle: imago images.
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Bild 3 von 3. Durch das Scannen mit moderner Hightech wurde der Inhalt vieler Schriftrollen zum ersten Mal seit römischer Zeit wieder lesbar. Bildquelle: imago images.
Möglich machte das ein mehrstufiges Verfahren: Zunächst wurde die Rolle mit hochauflösenden Röntgenstrahlen gescannt. Aus den Bilddaten rekonstruierten die Forschenden die Geometrie der aufgerollten Papyrusbahn und entrollten sie digital zu einer lesbaren Fläche. Ein trainiertes KI-Modell erkannte anschliessend die Tinte, die sich kaum vom verkohlten Papyrus unterscheidet. Zum Schluss prüften und transkribierten Papyrologen die Ergebnisse.
Zum Vorschein kam eine philosophische Abhandlung über Ethik – vermutlich ein stoisches Werk aus dem 2. Jahrhundert vor Christus. Der Text handelt von der menschlichen Natur, inneren Antrieben und moralischem Fortschritt.
Die Daten und Methoden sind öffentlich ersichtlich. Somit kann jede Person die Ergebnisse nachvollziehen und versuchen, eine weitere Rolle zu entziffern. Über 1.8 Millionen Dollar hat die Vesuvius Challenge an Preisgeldern bereits ausgeschüttet.
Den grössten Anteil des Sponsorings übernimmt der Mitgründer der Vesuvius Challenge und ehemalige Github CEO Nat Friedman mit 2.25 Millionen Dollar gleich selbst. Laut eigenen Angaben geriet er 2020 über ein Buch zum antiken Rom in ein regelrechtes Internet-Rabbit-Hole, das ihn schliesslich zu den Herculaneum-Papyri führte. Daraus entstand die Idee zu dieser Challenge. Nebst weiteren Sponsoren spendete auch die Musk Foundation, die Stiftung des Billionärs Elon Musk, rund 2.08 Millionen Dollar.
Mit diesem Preisgeld geht die Challenge weiter. Denn auch die übrigen Rollen warten noch auf ihre Entzifferung und erste Lektüre seit dem Jahr 79.