Eine Halle so gross wie dreieinhalb Tennisplätze. Diffuses Tageslicht fällt von oben durch die langen, schmalen Fenster auf den Gang des modernen Versuchsstalls des Aviforums in Zollikofen bei Bern. Staub klebt überall. Denn rund 4500 Legehennen leben hier auf 700 Quadratmetern in zwanzig Volieren. Und eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen ist es, ein Sandbad zu nehmen oder in der Einstreu zu scharren.
«Das ist Wellness für sie», sagt die Biologin und Geflügelexpertin Sabine Gebhardt von der Universität Bern, die uns den seit drei Jahren laufenden Tierversuch zum Thema Stress bei Legehennen mit der nüchternen Bezeichnung BE33/2023 zeigt. Finanziert wird es von einer US-amerikanischen Stiftung mit über drei Millionen Dollar.
Viele Brustbeinbrüche
Es ist eines der weltweit grössten Tierschutzprojekte überhaupt, bei dem bis Ende 2028 insgesamt 14’000 Legehennen auf Wohlbefinden und Gesundheit untersucht werden. Aus früheren Studien ist bekannt, dass mehr als 80 Prozent aller Legehennen zum Beispiel Brustbeinbrüche haben. Der Grund: Sie haben sich entweder in den Volieren verletzt oder viel zu früh mit dem Eierlegen begonnen.
Gemeinsam mit einem internationalen Team wollen Berner Forschende nun herausfinden, wie es den einzelnen Tieren in einem grossen Stall wirklich geht und welche genetische Zuchtlinien am wenigsten unter Stress leiden.
Denn heutige, speziell gezüchtete Legehennen erbringen Höchstleistungen und legen fast jeden Tag ein Ei. Ihr wilder Vorfahre, das Bankivahuhn, schaffte dagegen nur zehn bis zwölf Eier pro Jahr.
Von Stresstests bis Hirnanalyse
«Wir haben von allen Tieren Daten, wie sie sich im Stall bewegen und wo sie sich aufhalten», sagt Gebhardt. Doch sie würden auch die Qualität des Gefieders, die Gesundheit der Füsse, den Verwandtschaftsgrad oder etwa die Organe wie Gehirn, Darm und Leber untersuchen.
Zudem wird jede Henne aus der Herde mit einem mobilen Gerät geröntgt. Und bei etwa jeder Achten führen sie auch spezifische Stressmessungen durch. Es sei eine riesige Datenmenge, die auch wertvoll für andere Fachleute sei.
Die weltweite Auswahl der Zuchttiere findet immer noch in Einzelkäfigen statt, was in der Schweiz seit über 30 Jahren verboten ist.
Das Ziel ist, besonders stressresiliente Legehennen aus der Herde zu identifizieren. Bei einigen Tieren kann das artgerechte Haltungssystem in der grossen Gruppe zu chronischem Stress führen. Denn ihre Vorfahren sind bei den Zuchtfirmen im Ausland unter anderen Bedingungen aufgewachsen.
«Die weltweite Auswahl der Zuchttiere findet immer noch in Einzelkäfigen statt, was in der Schweiz seit über 30 Jahren verboten ist», sagt Gebhardt. So seien die Ur-Grosseltern fast aller Schweizer Legehennen – auch bei den Bio-Hennen – immer noch so gehalten worden.
Fokus auch auf Gesundheit
Es habe sich im Vergleich zu früher zwar schon viel getan, fügt sie hinzu. Doch bei den Zuchtfirmen zähle nach wie vor insbesondere eine hohe Legeleistung bei möglichst geringem Futterverbrauch.
Aber auch andere Faktoren wie etwa das Gefieder, die Knochenstabilität, Kannibalismus, die Schalenqualität oder Widerstandsfähigkeit spielten jetzt vermehrt eine Rolle.
Bevor es vom Vorraum des Versuchsstalls ins Zentrum der Eierproduktion geht, führt der Weg durch eine Hygieneschleuse. Nur mit Overall, Kopfhaube und Überschuhen dürfen wir zu den Legehennen, um keine Krankheitserreger dort hineinzutragen.
Als die schwere Metalltür aufgeht, ist das Hühnerkonzert geradezu ohrenbetäubend und gewöhnungsbedürftig. Man versteht fast sein eigenes Wort nicht mehr.
Das laute Gegacker macht dem zuständigen Team um den Projektleiter Mike Toscano jedoch längst nichts mehr aus. Er und seine Mitarbeitenden wechseln sich im Stall ab und sind den Lärm gewohnt. In dem Gewusel von Legehennen wird das zuvor mit einer farbigen Plastikspirale markierte Tier herausgesucht, um diesem aus einer Vene an der Unterseite des Flügels Blut abzunehmen.
Drei Minuten für Blutabnahme
«Das muss ganz schnell gehen», sagt Gebhardt. Man habe dabei nur drei Minuten Zeit, da ansonsten die Henne gestresst wäre und dies den zu messenden Wert des Stresshormons Corticosteron verfälschen würde. Manchmal sei das Greifen einer Henne aus der Gruppe gar nicht so einfach. Doch der Zeitplan müsse stets genau eingehalten werden.
In der Zollikofer Halle mit Wintergarten leben die Legehennen artgerecht in grossen Gruppen. Dort fressen und trinken, scharren und picken sie, gehen kurz raus oder bleiben lieber drinnen. In den Volieren gibt es Sitzstangen, wo sie ähnlich wie auf einem Ast in der Natur nebeneinander hocken, um sich auszuruhen und zu schlafen.
Obwohl die grosse Hühnerschar auf den ersten Blick völlig chaotisch wirkt, folgen die knapp 4500 Nutztiere in dem Versuchsstall einem festen Tagesablauf. «Dies kann sich von anderen Betrieben, die ebenfalls Legehennen mit Bodenhaltung oder auch solche mit Weidehaltung haben, etwas unterscheiden und hängt jeweils davon ab, zu welcher Zeit die Tiere dort Eier legen sollen», erklärt Gebhardt.
Im grossen Versuchsstall geht das Licht bereits um 3 Uhr an und um 17 Uhr senken sich die Jalousien für die Nachtruhe.
Das freut vor allem die Outdoor-Typen in der Gruppe.
Zwei, drei Stunden nach dem Aufwachen legen die Hennen Eier. Versteckt hocken sie dann hinter einem roten Plastikvorhang. Das sei quasi ein bisschen Privatsphäre, betont Gebhardt.
Um 10 Uhr wird der Wintergarten geöffnet. «Das freut vor allem die Outdoor-Typen in der Gruppe», fügt die Berner Expertin hinzu. Andere würden dagegen lieber noch auf der Sitzstange chillen und dort abhängen. Dies seien ihre «Couch-Potatoes». Hühner seien den Menschen manchmal sehr ähnlich.
In der grossen Gruppe bleibt es im Stall aber nicht immer friedlich. Es wird zum Beispiel um die besten Plätze am Futtertrog gestritten. Für einige ist dies ein Dauerstress. Ob solche permanenten Situationen im Alltag letztlich auch Spuren im Gehirn hinterlassen, will der Forscher Matt Craven von der University of Newcastle im Labor des nächsten Gebäudes mit Hilfe einer Obduktion herausfinden.
Anders als im turbulenten, staubigen Hühnerstall ist hier alles sauber. Die zu untersuchenden Tiere erhalten eine Spritze mit einem Narkosemittel und werden eingeschläfert. «Sie sterben somit ein paar Wochen früher, als andere Hennen der Herde aus dem Versuchsstall, die im Zuge der regulären Ausstallung im August getötet oder geschlachtet werden», erklärt Gebhardt.
Der britische Wissenschaftler öffnet nun mit einer kleinen Fräse den Schädel der toten Henne. Danach legt er das nur walnussgrosse Gehirn unter das Mikroskop. Er will herausfinden, ob sich bei den Legehennen in der Hirnregion des Hippocampus immer noch Nervenzellen neu bilden. Findet dieser Prozess der sogenannten Neurogenese nicht statt, ist es ein Hinweis auf chronischen Stress.
Die Ergebnisse der Studie über Stress sollen direkt in die Zuchtprogramme der weltweit wichtigsten Firmen etwa in Deutschland und den Niederlanden einfliessen und somit das Tierwohl von Milliarden Legehennen rund um den Globus verbessern.
«Denn zwei, drei Firmen beliefern – abgesehen von China – fast alle anderen Länder, zum Beispiel auch Russland», sagt Gebhardt. Sie hätten ein Monopol für die Zucht, weil diese sehr aufwändig sei und viel Erfahrung benötige.
Der Präsident von GalloSuisse, Daniel Würgler, schätzt die Forschung der aktuellen Studie zum Tierwohl. Gleichwohl sagt er aber auch, dass die Schweiz international gesehen die detaillierteste und strengste Gesetzgebung für die Haltung von Legehühnern habe. Zudem hätten bei uns zum Beispiel 90 Prozent aller Legehennen regelmässigen Auslauf ins Freie.
«Sie haben damit bessere Bedingungen, als unsere Tierschutzgesetzgebung vorsieht», so Würgler. Das heisst: Zusätzlich zum Stall hätten sie einen geschützten Auslauf, also einen Wintergarten, und wenn das Wetter es erlaube, auch noch einen Zugang zu einer Weide. Diese Eier finden sich dann als Freilandeier im Verkaufsregal.
Auffällig ist, dass die Zollikofer Legehennen beim Besuch in ihrem Wintergarten ihre Neugier nicht verloren haben. «Wir sind hier jetzt die Attraktion, da sonst nicht viel läuft», sagt Gebhardt scherzend. Sie kommen sofort, um uns im Detail zu untersuchen.
Einige Hennen gehen sogar soweit, dass sie ganz nah kommen. Sie umzingeln uns, kreisen einen regelrecht ein und trotz schützenden Überschuhen schaffen sie es, die Schnürsenkel aufzuziehen. Mit Erfolg sogar gleich bei beiden Schuhen. Zeit zum Gehen, wer weiss, was ihnen hier sonst noch so alles einfallen würde.