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Altern und Alzheimer – Forscher ergründen den Verfall
Aus Kontext vom 11.02.2019.
abspielen. Laufzeit 04:57 Minuten.
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Alzheimerforschung «Alzheimer beginnt lange, bevor die Patienten etwas merken»

Alzheimerforscher Mathias Jucker über Hoffnung, über frühe Diagnosen per Bluttest, Menschen mit genetisch bedingtem Alzheimer und die Überzeugung auf dem richtigen Weg zu sein.

Mathias Jucker

Mathias Jucker

Neurowissenschaftler

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Der Schweizer Neurowissenschaftler Mathias Jucker erforscht seit Jahrzehnten die Alzheimer-Krankheit und das alternde Gehirn. Er leitet die Abteilung für Zellbiologie neurologischer Erkrankungen am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen. Seine Abteilung gehört zum Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen, DZNE.

Eine Alzheimer-Studie nach der anderen scheitert. Was läuft da schief?

Die Studien, die heute fertig werden, wurden vor 10 Jahren konzipiert. Seitdem ist viel passiert. Wir glauben heute, dass erste Schäden im Gehirn sehr früh auftreten: 10, 20 oder mehr Jahre vor den ersten Symptomen. Die Erkrankung beginnt also lange, bevor die Patienten etwas merken.

Wenn Symptome da sind, ist es wahrscheinlich zu spät, um den Krankheitsverlauf zu bremsen. Eine Chance haben wir nur, wenn wir die Therapie früher beginnen.

Dafür müsste man Alzheimer früher erkennen. Wie soll das gehen, bevor Symptome da sind?

Wir brauchen Frühtests. Wir haben in Tübingen zusammen mit Kollegen aus der Schweiz und den USA einen Bluttest entwickelt. Er zeigt den Verfall im Gehirn an, bis zu 16 Jahre, bevor die Patienten etwas von der Erkrankung merken.

Was nutzt das, wenn es keine Therapie gibt?

Dem einzelnen Patienten bringt das heute wenig. Aber das wird schlagartig anders, sobald wir wirksame Therapien haben. Wir Forscher können jetzt anfangen, Medikamente, die es schon gibt, neu zu testen, also den Patienten zu geben, die zwar noch keine Alzheimer-Demenz haben, aber – laut Bluttest – darauf zusteuern. Wir hoffen, dass sie dann besser wirken. Mit dem Bluttest können wir im Lauf der Therapie schauen, ob sie wirkt oder nicht.

Sie glauben, dass die Medikamente, die heute in klinischen Tests versagen, doch etwas taugen?

Ich glaube, dass unsere Erkenntnisse über die Krankheitsprozesse im Gehirn grundsätzlich richtig sind. Unser Wissen über die Rolle schädlicher Proteine ist solide.

Die Medikamente, die wir entwickelt haben, greifen dort ein. Nur kommen sie, so wie wir sie bisher einsetzen, wohl zu spät.

Was macht sie so sicher?

Wir haben in drei Jahrzehnten Forschung viel gelernt. Extrem wichtig waren Menschen, die eine frühe, genetisch bedingte Form von Alzheimer bekommen. Sie erkranken mit fast hundertprozentiger Sicherheit. Viele von ihnen nehmen an unserer Studie teil, und wir sind ihnen unendlich dankbar.

Weil wir wissen, dass sie die Krankheit bekommen werden, können wir sie untersuchen, bevor Symptome auftreten, und beobachten, wie die Krankheit sich entwickelt. Wir wissen, welche Gene diese Menschen so anfällig machen, und was diese Gene im Gehirn bewirken. Diese Patienten machen zwar nur weniger als 1 Prozent aller Alzheimer-Patienten aus. Aber Vieles, was wir von ihnen lernen, gilt auch für die restlichen 99 Prozent.

Wie lange müssen wir noch auf ein wirksames Alzheimer-Medikament warten?

Die Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Was mich aber fasziniert ist, dass im Moment alle, die in der Forschung wichtig sind, zusammenarbeiten: Pharmaunternehmen, Universitäten, öffentliche Forschungsinstitute und Stiftungen. Alle hoffen auf einen ersten, kleinen Erfolg.

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Knacknuss für die Pharmabranche
Aus Einstein vom 15.02.2018.
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Wer dabei der Erste ist, der den Durchbruch feiern darf, ist nicht so wichtig. Wir sind in der Alzheimer-Forschung jetzt so weit, dass jeder dem anderen gönnt, dass er diesen ersten, kleinen Erfolg hat. Damit es weitergeht.

Das Gespräch führte Katrin Zöfel.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Ilse König  (königin)
    ADHS ist auch eine Krankheit, mit der sich viel Geld verdienen lässt. Das war einst der "Gispel". Zugegeben gibt es heute mehr Kinder, die mit dem Zuckerkonsum einfach nicht mehr klar kommen und "herumgispeln". Da sind aber die Eltern gefragt.
    1. Antwort von Lilian Albis  (...)
      Ich bitte Sie höflichst um Entschuldigung, aber geht's eigentlich noch, ADHS und Demenzerkrankungen zu vergleichen???
  • Kommentar von Ilse König  (königin)
    Ich bin informiert, dass diese Krankheit die Folgen einer Jahrzehnte langen Entzündung eines Teilbereiches des Hirns ist. Das hat ein Kanadischer Forscher bewiesen, indem er bei einer Klosterfrau und einer Alzheimer Patientin Gewebeproben untersuchte und durch Zufall das entdeckte. Rheumapatienten erkranken kaum, müssen diese Medikamente einnehmen, die Entzündungen hemmen.
    Eigenartig, ist die in ARD, ZDF (?) ausgestrahlte Doku auch aus dem Internet verschwunden. Wer böses denkt.....
    1. Antwort von Lilian Albis  (...)
      Das waren ein paar Nonnen, deren Hirne seziert werden durften, und es wurde diese Veränderung entdeckt. Jedoch ist mit dieser (sehr kleinen) Studie noch nicht bewiesen woher die Veränderungen kommen. Also was Sie hier schreiben ist genauso nur Propaganda.
  • Kommentar von Hans Ochsner  (Hans Ochsner)
    Wäre es nicht sinnvoller nach der Ursache zu suchen? Nur: Damit lässt sich kein Geld verdienen, nicht wahr?
    Die Pharmaforschung ist leider skrupellos auf Profit getrimmt, die Gesundheit und das Wohlergehen des Menschen ist nicht in deren Interesse!
    Denn an Gesunden verdient man nichts! So einfach ist das.
    1. Antwort von SRF Kultur, Katrin Zöfel (SRF)
      Die Suche nach der Ursache und die frühe Diagnose hängen direkt zusammen. Denn nur mit einer frühen Diagnose können Forscher Betroffene so früh ausfindig machen, dass sie die Krankheit von Anfang an begleiten und - hoffentlich ! – bald besser verstehen. Die beschriebene Forschung wurde im Übrigen an einer öffentlichen Forschungseinrichtung gemacht.
    2. Antwort von Ilse König  (königin)
      Ich bin enttäuscht, zu was für einer Bühne SRF zum Teil für die Pharmaindustrie verkommen ist. Punkto Prävention, Ernährung usw. wird kaum ein Beitrag ausgestrahlt. Es geht fast immer nur um Therapie, Behandlung und Medikamente. Was für "Fachleute" zu Wort kommen, lasse ich im Raum stehen. Herr Ochsner hat absolut recht.
    3. Antwort von SRF Kultur, Katrin Zöfel (SRF)
      Wir berichten über ein neues und recht wichtiges Tool, das der Forschung helfen wird. Wir wenden uns weder gegen Untersuchungen zur Ernährung als Ursache noch gegen die Erforschung anderer Ursachen.