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Die immense Kraft unserer Imagination
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Schmerzlos dank Suggestion Trance statt Betäubung: Was kann Hypnose?

Lange galt sie als verpönt, heute wird sie wiederentdeckt: die Hypnose in der Medizin. Manche wagen sich gar in Trance unters Messer.

Christian Schiermayer muss unters Skalpell: Eine Metallplatte von einer vergangenen Verletzung soll vom Knochen gelöst werden. Das Besondere dabei: Schiermayer wünscht während der Operation weder eine Narkose noch Schmerzmittel. Alleine mit Hypnose will er den Schmerz unterdrücken.

Den Blick über den Tellerrand wagen, nennt er es später. Warum? «Es war die eigene Herausforderung: Wie weit ist der eigene Geist, der eigene Körper trainierbar? Was ist überhaupt möglich?»

Drei Jahre ist das jetzt her. Bereut hat er die Operation nicht. Ein Blick zurück.

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«Ich habe so viele positive Erfahrungen mit Hypnose gemacht.»
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«Beim Tätowieren habe ich gute Erfahrungen gemacht»

Ort des chirurgischen Eingriffs: das linke Handgelenk. Seit einem Bruch zwei Jahre zuvor ist am Knochen eine Metallplatte festgeschraubt. Diese soll jetzt raus. Christian Schiermayer wird von seinem Coach Ray Popoola auf den Eingriff vorbereitet. Ein Pendel kommt dabei nicht zum Einsatz. Stattdessen versetzt sich Schiermayer an einen Ort, der ihn ruhig werden lässt. Seinen Lieblingsplatz am Zugersee.

Geschichte der Hypnose in der Medizin

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Schon 1780 wurde die Hypnose in der Medizin eingesetzt. Franz Anton Mesmer, ein Arzt vom Bodensee, entwickelte die Methode des Magnetismus. Eine Kraft solle die Strömungen im Körper beeinflussen.

In der britischen Kolonie Indien führte der Arzt James Esdaile 300 Operationen unter Hypnose durch, auch Amputationen. Die Alternative damals: Amputationen bei vollem Bewusstsein.

Ab 1846 entdeckte man narkotisierende Mittel wie Äther. Bald verdrängte das künstliche Koma die Hypnose.

Mit sanfter Stimme spricht ihm Ray Popoola zu, versetzt ihn tiefer in die Entspannung, die Hypnose. Erst dann kommt die Suggestion vom Coach – der Auftrag: Schiermayer soll seinen Unterarm bis zum Handgelenk hin taub werden lassen.

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Ray Popoola: «Nicht jeder reagiert gleich schnell auf Hypnose»
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Schliesslich der Test: Christian Schiermayer greift nach einer Zange, klemmt sich die Haut ein, drückt fest zu. Als er die Zange wieder loslässt, bleiben tiefe Abdrücke zurück. «Hat es wehgetan?», fragt der Journalist nach der Hypnose-Übung. Schiermayer verneint: «Ich verspürte den Druck, aber nicht den Schmerz.»

Kein Schmerz unter Hypnose – wie geht das?

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Gehirnscans vor und nach der Hypnose
Legende: Gehirnscans vor und nach der Hypnose SRF

Marie-Elisabeth Faymonville gehört zu den Pionierinnen bei der medizinischen Anwendung der Hypnose.
Die Professorin am Universitätsspital Lüttich (Belgien) sagt: «Die Hypnose ist ein Talent, ein Geschenk der Natur, um uns zu schützen. So können wir uns in kritischen Situationen selbst schützen, gegen Schmerz oder Angst. Dieses Talent kann man aber auch anlernen, etwa gegen chronischen Schmerz.» Was wir also erleben, wenn wir uns beim Sport oder bei Unfällen verletzen, aber erst noch keinen Schmerz verspüren, lässt sich mit Hypnose bewusst steuern und auch trainieren.

Auf eine Hypnose muss man sich einlassen. Es ist kein Zustand, bei dem man die Kontrolle verliert, sondern vielmehr ein Zustand einer erhöhten Aufmerksamkeit. Dabei richtet sich der Fokus auf innere Bilder und Vorgänge. Dadurch lassen sich Suggestionen verankern, um zum Beispiel einen Schmerz auszublenden. In Studien konnte gezeigt werden, dass unter Hypnose Schmerzreize zwar ans Gehirn weitergeleitet werden, aber nicht ins Bewusstsein dringen.

Faymonville führte Studien durch, bei denen bei Versuchspersonen mit oder ohne Hypnose mit einem Laser ein Schmerzreiz verursacht wurde, während mit einem MRI-Scanner die Gehirnaktivität gemessen wurde.
Dabei zeigte sich, dass unter Hypnose die Schmerzzentren kaum aktiv wurden. «Unser Gehirn hat die Möglichkeit, Informationen, die im Kopf aufkommen, unter Hypnose zu verändern. Das Schmerznetzwerk ist nicht mehr aktiviert wie im normalen Zustand.»

Doch wird das auch so sein, wenn ein Skalpell sein Handgelenk aufschneidet und Schrauben aus dem Knochen gelöst werden? Für Schiermayer, aber auch für Coach Ray Popoola ist eine Operation unter Hypnose Neuland. «Das ist das erste Mal», so Popoola. «Aber beim Tätowieren zum Beispiel habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.»

Hämmern und Hypnose

An der Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern wagt der Handchirurg Stefan Wohlgemuth das Experiment. Für ihn ist es schon die zweite Operation unter Hypnose. Eine Narkoseärztin hält sich für den Notfall bereit. Man weiss ja nie.

Manche seiner Ärztekollegen seien skeptisch, so Wohlgemuth: «Viele, die das noch nicht erlebt haben, glauben zum Beispiel, man hätte der Infusion ein Beruhigungs- oder Schmerzmittel beigegeben.» Doch Schiermayer will weder das eine noch das andere. Sein Kopftraining allein soll reichen.

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Handchirurg Stefan Wohlgemuth: «Viele Ärzte können es sich überhaupt nicht vorstellen.»
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Tag des Eingriffs. Zur Sicherheit wird Christian Schiermayer ein Infusionszugang gelegt. Falls etwas schiefläuft.

Auf dem Weg in den Operationssaal ist er zwar schon in Trance, aber noch nicht tief genug. Schiermayer muss weiter in die Hypnose eintauchen, seinen Puls senken.

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«Ohne Anästhesie oder Medikamente in einen Mensch zu schneiden, ist schon speziell.»
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Coach Popoola spricht ihm weiter zu, schliesslich gibt Schiermayer mit einem Finger das Zeichen: Die Operation kann beginnen. Chirurg Wohlgemuth macht die ersten Schnitte am Handgelenk. Der Patient bleibt ungerührt.

Wenig später nimmt der reibungslose Eingriff eine neue Richtung: Die zu entfernenden Schrauben sind stärker mit dem Knochen verwachsen als angenommen. Nun muss der Handchirurg eine Schraube nach der anderen herausmeisseln. Im Operationssaal wird gehämmert, Christian Schiermayer bleibt dabei in Trance, aber auf seiner Stirn zeigen sich Schweissperlen. Ab und zu ein leises Stöhnen. Sein Coach redet ihm zu, berichtet vom Lieblingsort am Zugersee.

«Ich habe einen Druck gespürt»

Erst als das Handgelenk wieder zugenäht ist, auf das Zeichen seines Coaches, erwacht Schiermayer aus der Trance. Schmerzen während der Operation? Nein, habe er keine gehabt. «Ich habe nur ein Ziehen wahrgenommen, einen Druck.»

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Im Operationssaal wird gemeisselt, Christian Schiermayer bleibt in Trance.
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Was das Fachpersonal im Operationssaal überrascht: Christian Schiermayer verspürt auch unmittelbar nach der Operation, nach dem Erwachen aus der Trance, keine Schmerzen. Die suggestive Kraft der Hypnose wirkt im Unterbewusstsein weiter und unterdrückt sein Schmerzempfinden im Arm.

Die klinische Hypnose heute

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Heute wird die Hypnose in der Medizin teils wiederentdeckt. Weniger für chirurgische Eingriffe, jedoch für den Umgang mit Patientinnen und Patienten, um Ängste oder chronische Schmerzen einzudämmen.

Am Universitätsspital Genf HUG läuft ein über die Schweiz hinaus einmaliges und ambitioniertes Projekt zur Förderung der Hypnose. Insgesamt sollen 4000 Angestellte eine Grundausbildung in Hypnosetechnik erhalten. Das Hauptziel sei eine andere, positive Art der Kommunikation, sagt Adriana Wolff, Co-Leiterin des Programmes Klinische Hypnose am HUG. «Wir wollen verhindern, dass die Kommunikation wie Gift wirkt und noch mehr Schmerzen, Unbehagen und Angst verursacht, statt dass sie dem Patienten hilft.» So finden am Genfer Unispital täglich Hypnose-Sitzungen statt – im Notfall, der Schmerzklinik und auf der Krebsstation.

Auch am Spital Emmental kommt Hypnose vereinzelt zum Einsatz, etwa bei Notfällen, belastenden Untersuchungen, aber auch bei chronischen Schmerzen. Narkoseärztin und Schmerzspezialistin Bettina Kleeb ist überzeugt, Hypnose helfe den Menschen, sich selber um die Heilung zu kümmern. Sie können die Techniken gegen den Schmerz auch zu Hause anwenden. Anders als in Genf wird Hypnose in Deutschschweizer Spitälern aber erst punktuell eingesetzt.

Selbst in den Wochen nach der Operation hat Christian Schiermayer keine Schmerzmittel benötigt. Sein Versuch, zu zeigen, wozu seine Vorstellungskraft imstande ist, hat funktioniert. Für ihn ist die Hypnose auch eine Möglichkeit, seine innere Haltung zu beeinflussen und zu verändern. Sie hat ihm auch schon geholfen, erfolgreich vom Rauchen loszukommen.

Denn nicht nur gegen Schmerzen, auch gegen Angst, Depressionen und andere psychiatrische Erkrankungen kann Hypnose ein wirksames Mittel sein. In Schweizer Spitälern und Praxen wird Hypnose vereinzelt bereits genutzt – doch das Potenzial von Hypnose und suggestiver Kommunikation ist noch bei weitem nicht ausgeschöpft.

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Puls, 16.08.2021, 21:05 Uhr

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Joerg Lehmann  (lejo.moo3)
    Schmerz ausblenden ist eine Übungssache. Ich habe schon früh, im Schulalter, gemerkt, das ich das kann. Hat mir fast immer geholfen bei Verletzungen oder körperlichen Schmerzen. Bewusst kann man auch anderes ausblenden, wie das Blenden eines entgegenkommenden Fahrzeugs in der Nacht. Es schein für viele nicht glaubwürdig aber es ist nach meinem Wissen eine Möglichkeit, ähnlich wie in der echten Meditation sich aus der Gegenwart zu entfernen. Geniesse diese Möglichkeit seit über 60 Jahren.
  • Kommentar von Fabian Malovini  (MLaw, Rechtsanwalt)
    ich hab hypnose mal ausprobiert. schätze ich bin zu nervös dafür. oder vielleicht wirkt es bei mir nicht, weil ich nicht daran glaube.
  • Kommentar von Martin Christen  (Provinzbewohner)
    Unglaublich zu was unser Hirn fähig ist!