Am WEF gab es dieses Jahr kein Vorbeikommen am Thema KI. Es war eines der dominanten Themen im Programm und auf der Davoser Promenade drehten sich so viele Werbe-Slogans um KI wie wohl zu keinem anderen Thema.
Bei KI geben Privatfirmen den Ton an. Doch die Stimmen mehren sich, die fordern, die Gesellschaft dürfe das Feld nicht einfach den Tech-Konzernen überlassen.
Wenn wir kleinere Modelle gerade stark genug bauen, um nützlich zu sein, werden Leute sie nutzen.
KI werde zu einer essenziellen Technologie – und so müsse sie zunehmend als öffentliches Gut gedacht werden. So argumentiert eine der weltweit führenden KI-Forscherinnen, Yejin Choi, am Rande des WEF in Davos.
David gegen Goliath?
Nur wenige Firmen haben das nötige Kapital, um grosse KI-Sprachmodelle zu trainieren. Der Chatbot-Markt beispielsweise wird im Wesentlichen durch OpenAI und Google dominiert.
Und doch hätten auch kleinere, weniger leistungsfähige KI-Modelle einen Nutzen, sagt Yejin Choi: «Wenn wir kleinere Modelle gerade stark genug bauen, um nützlich zu sein, werden Leute sie nutzen», so die Forscherin der Universität Stanford.
Kleine Modelle seien günstiger. Zudem spreche das Thema Datensicherheit für Open-Source-Modelle. Dann müsse man etwa heikle Daten, zum Beispiel im Gesundheitssystem, nicht in die Hände eines grossen Konzerns geben. Kleinere Modelle könnten die KI demokratisieren.
Die Schweiz mischt mit
Die Schweizer KI «Apertus» der ETH ist ein Beispiel dieser Entwicklung. Sie ist seit letztem Sommer frei verfügbar und legt ihre Trainingsdaten offen.
Es kann nicht Aufgabe der öffentlichen Institutionen sein, Produkte zu entwickeln, aber sie können einen Nährboden für Innovation schaffen.
«Apertus» schaffe eine Grundlage, auf der zum Beispiel Schweizer Firmen aufbauen könnten, sagt ETH-Professor Andreas Krause, der an der Entwicklung von «Apertus» beteiligt war.
«Es kann nicht Aufgabe der öffentlichen Institutionen sein, Produkte zu entwickeln, aber sie können einen Nährboden für Innovation schaffen», so Krause. KI sei eine derart transformative Technologie, dass die Gesellschaft unbedingt am Ball bleiben müsse, argumentiert der ETH-Forscher.
Finnlands KI-Infrastruktur
Die Schweiz ist damit nicht allein. In Finnland ist eine staatliche KI-Infrastruktur im Aufbau: LUMI heisst das Projekt. Es ist ein Forschungslabor mit einem Supercomputer. Dieser ist noch stärker als der ETH-Supercomputer Alps in Lugano, auf dem «Apertus» trainiert wurde.
Kleine Start-ups können unmöglich einen Supercomputer bauen, aber dank einer öffentlichen Infrastruktur können sie bald davon profitieren.
Einer der führenden Köpfe von LUMI ist Petri Myllymäki. Er sagt, weil beim LUMI-Projekt mit staatlichem Geld eine KI-Infrastruktur gebaut würde, könnten viel mehr Leute und Firmen mit KI-Technologie experimentieren und eigene Produkte entwickeln.
«Kleine Start-ups können unmöglich einen Supercomputer bauen, aber dank einer öffentlichen Infrastruktur können sie bald davon profitieren», so der Forscher.
Spezialisierte Modelle statt eine Super-KI
Das finnische LUMI ist nur eines von 19 ähnlichen Projekten in der EU. Myllymäki sieht Europa damit auf dem richtigen Weg. Man müsse nicht wie die grossen Techfirmen versuchen, eine Superintelligenz zu bauen – er glaube ohnehin nicht daran. «Stattdessen brauchen wir Tausende kleine KI-Modelle für unterschiedliche Bereiche», so Myllymäki.
Er denkt etwa an spezifische KI für die Medikamentenentwicklung, für die Optimierung des Stromnetzes oder für Datenauswertungen im Gesundheitssystem. Europa müsse seine Probleme selbst lösen, deshalb brauche es so etwas wie eine staatliche KI-Infrastruktur, ist der Finne überzeugt.