Als in Zürich die Frauen das Sagen hatten

Ab 2016 wird beim Fraumünster in Zürich der Münsterhof in neuem Glanz erstrahlen. Aus dem Parkplatz wird ein Begegnungsort. Damit erhält der Platz seine ursprüngliche Bedeutung zurück: Klosterfrauen – die Zürcher «Stadtherrinnen» – liessen ihn im Mittelalter bauen, um Könige prunkvoll zu empfangen.

Ein historischer Stich der Stadt Zürich aus dem 16. Jahrhundert Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Münsterhof im Jahr 1576: Zentral gelegen zwischen Fraumünster und St. Peter – im Mittelalter der Ort, wo die Äbtissinnen Könige empfingen. Archäologie des Amts für Städtebau, Zürich

Im Moment ist er eine Baustelle, der zentrale Münsterhof in Zürich. Es entsteht – nach dem Willen des Volkes – ein grosser, autofreier Begegnungsort, auf dem ab 2016 auch kulturelle Veranstaltungen stattfinden werden.

Archäologen am Zürcher Münsterhof

2:34 min, aus Einstein vom 28.5.2015

Gleichzeitig mit dem Umbau werden im Untergrund neue Leitungen eingebaut – Gelegenheit für die Archäologen der Stadt, in den ausgehoben Gräben beim Fraumünster Zeugnisse der Zürcher Geschichte freizulegen und zu dokumentieren, wie «Einstein» in der aktuellen Ausgabe berichtet.

Die Äbtissin als «Fürstin von Zürich»

Das Kloster Fraumünster wurde im Jahr 853 nach Christus von König Ludwig, «dem Deutschen» gegründet. Er schenkte es zusammen mit grossen Ländereien seiner ältesten, frommen Tochter Hildegard (siehe Infobox unten).

In der Folge wurde das Kloster das Zuhause vor allem von Frauen des Hochadels. Die Äbtissinnen hatten dank grossem Landbesitz und ihren Verbindungen zu Königs- und Fürstenhäusern bedeutenden politischen Einfluss – in der Stadt und im Umland. Die Äbtissin galt als «Stadtherrin» und wurde auch als «Fürstin von Zürich» bezeichnet.

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Wie Hildegard Äbtissin wurde

Hildegard und Bertha in einem Fresko.

Die Schwestern Hildegard und Bertha in einem Fresko im Fraumünster. Roland Fischer / Wikimedia

Es war 853 n. Chr.: Hildegard und Bertha, die Töchter von König Ludwig dem Deutschen, lebten gottgefällig auf dem Albis. Um zu beten, kamen sie oft nach Zürich. Ein Hirsch mit leuchtendem Geweih wies ihnen den Weg. So die Legende. Das gefiel dem Vater, und er schenkte ihnen ein Kloster. Hildegard wurde die erste Äbtissin im späteren Fraumünster.

Die «Imagekampagne» der Klosterfrauen

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts änderte sich alles. Die Machtbasis der noblen Klosterfrauen begann zu bröckeln. Das Bürgertum der Stadt strebte nach mehr Einfluss, und Streitigkeiten zwischen den konkurrierenden Adelsgruppen schwächten die Position der Äbtissinnen. Sie reagierten – mit einem grossen Um- und Ausbau der Klosterkirche. Zusätzlich wurde der Münsterhof zu einem grossen offenen Platz umgewandelt. Treibende Kraft dahinter war Elisabeth von Wetzikon.

In den Jahrhunderten davor hatten Friedhöfe einen grossen Teil des Münsterhofes bedeckt. Davon zeugen auch die laufenden Ausgrabungen der Archäologen. Sie stiessen auf unzählige menschliche Knochen und Skelette.

Treffpunkt von Herrinnen und Königen

Auf dem neu erbauten, repräsentablen Platz empfingen die «Stadtherrinnen» von nun an die kirchliche und königliche Prominenz. Der Habsburger König Albrecht I. kam zwischen 1299 und seiner Ermordung 1308 fast jährlich nach Zürich – und wurde von den Klosterfrauen jeweils prunkvoll auf dem Münsterhof empfangen.

«Es war eine erstaunliche mittelalterliche Image-Kampagne», sagt Dölf Wild, der Leiter Archäologie im Amt für Städtebau der Stadt Zürich. «Das neue Fraumünster und der Münsterhof waren eine hervorragende Bühne für den Auftritt der Stadtherrin und Reichsfürstin.» Die Äbtissin begrüsste den König vor dem Stadttor und ritt dann an seiner Seite unter dem Schall der Glocken zum Münsterhof und zum Kloster.

Nach dem Parkplatz wieder eine Bühne

Auch später, als die Bürgermeister und die Zünfte langsam die Macht eroberten, blieb der Münsterhof ein wichtiger Ort für feierliche Veranstaltungen und politische Kundgebungen. Archäologe Dölf Wild: «Der Münsterhof war 700 Jahre lang Platz und Bühne grosser Versammlungen.» Das soll er jetzt wieder werden – nach einem eher traurigen Intermezzo als Parkplatz.