Anonyme Forschungskritik: Schlammschlacht oder nützlich?

Wenn wissenschaftliche Resultate veröffentlicht sind, ist es schwer, noch an ihnen zu rütteln. Auch wenn sie falsch sind. Das wollen die Betreiber der Internetseite «PubPeer» ändern. Dort darf jeder Forschungsarbeiten kritisieren – ganz anonym. Doch das gefällt nicht allen in der Forschercommunity.

Silouetten von Händen zeigen auf eine Grafik mit seismographischen Ausschlägen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wer hat Recht? Anonyme Kommentare im Internet haben Wissenschaftler schon in Bedrängnis gebracht. Reuters

Olivier Voinnet ist ein Shootingstar unter den Pflanzenforschern, als er 2010 mit noch nicht einmal 40 Jahren als Professor an die ETH Zürich berufen wird. Doch schon ein paar Jahre später degradieren ihn die Medien zum «Mogel-Professor». Er kassiert von der ETH eine Rüge und vom Schweizerischen Nationalfonds sogar eine dreijährige Sperre – wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht und wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens.

Begonnen habe Olivier Voinnets Demontage auf der Internetplattform «PubPeer», sagt einer der Betreiber der Plattform, der Neurowissenschaftler Boris Barbour vom Centre National de la Recherche in Paris. Anonyme Kritiker monierten in verschiedenen Studien von Olivier Voinnet Abbildungen, die so nicht stimmen konnten. Resultat: Bis heute musste der Pflanzenforscher für rund zwanzig Studien Korrekturen veröffentlichen und mehrere Arbeiten ganz zurückziehen.

Fehler offen legen

Ähnlich ist es vielen Forscherinnen und Forschern ergangen, die auf PubPeer kritisiert wurden. Das ist schlecht für deren Ansehen, aber gut für die Wissenschaft, findet Boris Barbour. Andere Forschende, aber aber auch Entscheidungsträger, die sich auf die Resultate beriefen, müssten nämlich sofort auf Fehler aufmerksam gemacht werden. Sonst bauten sie auf falschen Annahmen auf. In gewissen Fällen gehe es sogar um Leben und Tod. Dann nämlich, wenn zum Beispiel medizinische Richtlinien aufgrund falscher Resultate verfasst würden.

Doch warum braucht es dazu eine Internetplattform wie PubPeer? Wissenschaft, so Barbour, sei sehr wettbewerbsorientiert. Es sei schwierig, an Geld oder eine gute Stelle zu kommen. Und in einem so kompetitiven Umfeld seien Forscherinnen und Forscher eben äusserst unwillig, die Arbeit von Kolleginnen und Kollegen zu kritisieren.

Streitpunkt Anonymität

Um dem entgegenzuwirken, erlaubt «PubPeer» auch anonyme Kommentare. Im Fall des äusserst einflussreichen Olivier Voinnet, sagt Barbour, könne man sich gut ausmalen, dass ein noch nicht so einflussreicher Kollege mit Kritik gezögert hätte, wenn er sie mit Namen hätte zeichnen müssen.

Trotzdem ist die Möglichkeit, anonym zu kritisieren, das wohl umstrittenste Element der Internetplattform. Denn viele Wissenschaftler finden, Anonymität animiere zu Schlammschlachten oder gar Hexenjagden unter Wissenschaftlern. PubPeer wurde deswegen auch bereits vor Gericht gezerrt.

Scharfe Kritik

In den letzten Monaten hat insbesondere der Chefredaktor einer renommierten Fachzeitschrift, Michael Blatt, scharf gegen PubPeer geschossen. Auf Anfragen von SRF reagierte er bisher nicht, aber in seiner eigenen Fachzeitschrift schrieb er: «Es hat etwas Primitives und Voyeuristisches, sich durch jemandes Kleiderschrank zu wühlen in der Hoffnung, auf dreckige Wäsche zu stossen. PubPeer bietet zweifellos die Gelegenheit, sein Mütchen zu kühlen an den Unvollkommenheiten von Kollegen. Für einige ist es auch die Einladung, Konkurrenten schlechtzumachen mit Unterstellungen und impliziten Drohungen.»

Kontrollen gegen Missbrauch

Dass PubPeer missbraucht werden kann, streitet Boris Barbour gar nicht ab. Doch die Betreiber täten alles, um dies zu verhindern: Wenn ein Kommentar nicht auf Fakten beruhe, werde er gelöscht.

Gegen den Frontalangriff von Michael Blatt wehrt sich der Betreiber. Michael Blatt gebe sich einfach nicht die Mühe, auch die positiven Seiten der Anonymität zu sehen.

Rauer Tonfall inklusive

Wie schwierig das Abwägen zwischen Vor- und Nachteilen des anonymen Kommentierens ist, zeigt ein weiterer Fall aus der Schweiz. Der angesehene Mediziner Adriano Aguzzi von der Universität Zürich veröffentlichte 2011 eine Studie, die zeigte, dass der BSE-Erreger möglicherweise über die Luft übertragen werden kann. Die Studie sorgte weltweit für Schlagzeilen.

2013 meldet sich allerdings auf PubPeer ein anonymer Kritiker mit dem Pseudonym «Peer 1» und moniert Auffälligkeiten in verschiedenen Abbildungen der Studie.

Wenige Tage später antwortet Adriano Aguzzi auf PubPeer: «Ich nehme die Kritik sehr ernst. (...) Ich verspreche, dass wir eine sorgfältige interne Untersuchung durchführen werden. (…) Ich bin ein grosser Anhänger von Transparenz in der Wissenschaft und werde die nötigen Daten öffentlich machen. (…) Ich bitte aber um etwas Geduld. Wir wollen die Dinge richtig machen, und das kann seine Zeit dauern.»

Dann passiert lange nichts mehr. Rund zwei Jahre später fragt ein weiterer anonymer Kritiker nach, ob von Adriano Aguzzi noch eine Antwort zu erwarten sei.

Nichts. Einige Monate später wird dann der Ton rauer: «Lieber Professor Aguzzi, können Sie bitte bestätigen, dass sie zu Ihren Worten von 2013 stehen? Oder hoffen Sie einfach, dass die Wissenschaftsgemeinde die Probleme mit Ihrer Studie vergisst?»

Offenbar fielen auch beleidigende Worte, die heute gelöscht sind. Das jedenfalls sagen Beteiligte.

Verärgerung – und dann Blockade

Weder der Mitbetreiber der Plattform, Boris Barbour, noch Adriano Aguzzi selber wollen sich gegenüber SRF zum Fall äussern.

Aber ein Kommentar auf PubPeer zeigt, dass Adriano Aguzzi plötzlich die Nase voll hat: «Ich bin von meiner ursprünglichen Vorhaben abgekommen, hier Material zu publizieren, als klar wurde, dass einige selbsternannte Peers mehr an Schlammschlachten interessiert sind als an der Qualitätskontrolle in der Wissenschaft. Ich sehe keinen Grund, meine Arbeit gegen eine Gruppe anonymer Verleumder zu verteidigen, die von Vornherein meine Integrität verneinen, aber nicht einmal bereit sind, ihre Identität zu offenbaren. (…) Ich werde keine weiteren Kommentare in diesem Forum abgeben».

Schliesslich, im vergangenen Februar, veröffentlicht die Fachzeitschrift, in der die Studie erschienen ist, eine Korrektur einiger Abbildungen in der Studie. Wenige Tage später meldet sich auch Adriano Aguzzi nochmals auf PubPeer, versöhnlicher diesmal.

Ganz zufrieden scheinen allerdings beide Seiten nicht. Aber ein Schritt in die richtige Richtung ist es wohl. Damit wir uns wieder besser auf wissenschaftliche Resultate verlassen können.

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