«Das war der pure Kick»

Bayern-München-Präsident Uli Hoeness hat Millionen über ein Schweizer Bankkonto verzockt. Auch Banker sorgen mit verwetteten Milliarden immer wieder für Schlagzeilen. «10vor10» zeigt: Dahinter steckt häufig eine krankhafte Börsensucht. Experten warnen, das Problem werde unterschätzt.

Uli Hoeness mit rot-weiss gesteiftem Bayern-München-Schal Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Schweizer Konto war zum Zocken da: Mit seinen Börsenwetten hat Uli Hoeness von 2003 bis 2009 einen Millionenverlust eingefahren. Reuters

Seit gestern steht Fussballmanager Uli Hoeness in München vor Gericht. Mindestens 27 Millionen Euro soll seine Steuerschuld betragen – unter anderem geht es auch um ein Konto bei der Zürcher Bank Vontobel, über das er mit Devisen spekuliert habe. Dieses Konto sei laut Hoeness zum Zocken dagewesen: «Das war der pure Kick, das pure Adrenalin». Bis sich das Glück dann gewendet habe.

Der totale Absturz

Zocken an der Börse: Suchtgefahr wird unterschätzt

4:02 min, aus 10vor10 vom 11.3.2014

Diesen Kick hat auch Arno (Name geändert) erlebt – samt dem tiefen Fall: »Ich hatte permanent ein schlechtes Gewissen, vor allem gegenüber meinen Geschäftspartnern, die ja von nichts wussten. Ich hoffte immer, ich könnte die Verluste wieder wettmachen und dann aufhören. Aber es gelang mir nicht. Am Schluss habe ich mich total abgekapselt, kaum noch geschlafen. Ich fiel immer tiefer – es war der totale Absturz.»

Arno ist knapp 40-jährig, gebildet, eloquent. Sein Anzug sitzt perfekt, er ist charmant und selbstbewusst. Und Arno ist börsensüchtig. Mehrere hunderttausend Franken hat der selbständige Unternehmensberater verzockt – Geld, das seiner Firma gehörte. Arno verlor es bei kurzfristigen Wetten auf den Euro, wie er «10vor10» im Interview erzählt: «Man wettet zum Beispiel, ob der Kurs innerhalb von drei Minuten hoch oder runter geht. Es ist wie beim Roulette: schwarz oder rot.»

Vor allem Banker betroffen

Seit einem halben Jahr geht Arno zur Suchtberatung. Franz Eidenbenz ist Psychologe am Zentrum für Spielsucht in Zürich und betreut Arno – kein Einzelfall: «In letzter Zeit begegnet uns das häufiger. Oft sind es Banker, oder allgemein Leute, die professionell mit Geld zu tun haben. Bei solchen Personen fällt es nicht auf, wenn sie häufig traden und sich für Kurse interessieren.»

Auffällig wird es spätestens dann, wenn einzelne Banker Milliardenverluste machen und in die Schlagzeilen geraten. Nicht selten landen solche Fälle vor Gericht. Gerhard Meyer ist forensischer Psychologe an der Universität Bremen und beurteilt als Gerichts-Gutachter, ob jemand krankhaft Börsensüchtig ist. «Die Öffentlichkeit bringt diese Börsengeschäfte nicht mit Glücksspiel in Verbindung, und die Banken halten dies auch unter dem Deckel. Es fallen zwar weltweit immer wieder Banker auf, die Milliarden verzockt haben, aber dass eine krankhafte Sucht mit reinspielt, wird nicht thematisiert.»

«  Wenn man gewinnt, fühlt man sich bestätigt und hält sich für den Grössten. Wenn man verliert, wars einfach Pech. »

Arno

Börsen-Spekulanten führten zufällige Erfolge auf ihre eigenen Fähigkeiten zurück, sagt Meyer im Interview mit «10vor10»: «Sie glauben, das Ergebnis beeinflussen zu können, in dem sie nur geschickt genug ihre Wetten platzieren. Aber das ist eine Illusion, weil man die kurzfristigen Entwicklungen an der Börse nicht beeinflussen kann. Diese sind weitestgehend zufallsbestimmt.»

Auch Arno war überzeugt, er könne den Markt überlisten. «Wenn man gewinnt, fühlt man sich bestätigt und hält sich für den Grössten. Wenn man verliert, wars einfach Pech.»

Zockerspuren im Hirn

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Besonders gefährlich seien hochspekulative Börsenprodukte mit einer hohen Hebelwirkung, sagt Gerhard Meyer. «Es ist ein entscheidender Unterschied, ob ich langfristig in Kurse investiere, oder ob ich hochspekulative Wetten auf Aktien eingehe. Niemand kann sagen, wie diese kurzfristigen Spekulationen ausgehen – das hat Glücksspielcharakter. Und da besteht eben Suchtgefahr.»

Das Geschäft mit der Börsensucht

Schätzungen zufolge sind etwa 6000 Menschen in der Schweiz börsensüchtig – Tendenz steigend. Zu finden sind sie vor allem unter den sogenannten Daytradern, das sind Anleger, die auf kurzfristige Entwicklungen an der Börse wetten. Über 90 Prozent der Daytrader machen Verluste, wie verschiedene Studien zeigen. Gerhard Meyer kritisiert Banken, die an diesem Geschäft verdienen. «Es handelt sich um Glücksspiel, und beim Glücksspiel besteht generell die Gefahr, dass Menschen die Kontrolle verlieren.»

Meyer will deshalb Banken und Zocker-Plattformen zur Verantwortung ziehen: «Wenn Banken Glücksspiele am Markt etablieren können, dann müssen sie auch behandelt werden wie andere Glücksspielanbieter. Sie müssen den Spielerschutz miteinbeziehen, zum Beispiel besser über die Risiken aufklären oder Spielsperren erlassen. Daran mangelt es bisher weitestgehend.»

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