Der Spuk der Erinnerung

Im Winter 1914 tauchten in den Lazaretten des Ersten Weltkriegs merkwürdige Patienten auf: verletzte Soldaten ohne sichtbare Wunden. Sie waren psychisch traumatisiert – wie Millionen Veteranen späterer Kriege auch. Erst seit kurzem lernt die Militärpsychiatrie, traumatische Erinnerungen zu zähmen.

Opfer nach einer Schlacht in Frankreich während des Ersten Weltkriegs. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Horror des Ersten Weltkriegs: Viele Soldaten bekamen die schrecklichen Erlebnisse nie mehr aus ihren Köpfen. Ihnen wurde Verweichlichung vorgeworfen. Wikipedia

David Burns hat vom Tod gekostet. Eine Granatenexplosion schleuderte ihn Kopf voran in den gasgefüllten Bauch eines verwesenden Soldaten. Er schluckte das verrottende Fleisch und bringt seither keinen Bissen mehr runter. Das Grauen hat sich in seinem Körper eingenistet und duldet nichts mehr neben sich.

Burns ist eine der Hauptfiguren in Pat Barkers Erster-Weltkrieg-Roman «Niemandsland». Burns Name ist Fiktion. Seine Geschichte nicht. Es ist die Geschichte eines Patienten, die der britische Psychiater William Rivers in einer Fallstudie festgehalten hat. Rivers arbeitete im «Royal Medical Corps» und behandelte im Kriegsspital von Craiglockart traumatisierte Soldaten.

Soldaten mit eigenartigen Symptomen

Das Gros der Militärärzte war damals vollkommen überfordert. Die meisten hatten bis anhin noch nie solche Patienten gesehen. «Die Militärärzte sahen Soldaten mit eigenartigen Symptomen: Ticks, Stottern, unerklärliche Schmerzen und Übelkeit; auch hysterische Symptome wie Erblindung oder Taubheit,» sagt Fiona Reid, Historikerin an der Universität South Wales. «Das waren Reaktionen auf eine völlig neuartige industrielle Form der Kriegsführung».

«  Es ist eine teuflische Sache. Du hockst wie ein Karnickel in einem Erdloch und wartest darauf, dass etwas passiert, was dich in die Hölle befördert. Es zerfrisst deine Nerven, ständig den nächsten Knall abzuwarten. »

Anthony Alfands
britischer Lieutenant, August 1915

Mit immer neuen Begriffen versuchten die Ärzte damals zu fassen, was die Männer an der Front packte: Granaten-Schock, Kriegsneurose, Schüttelneurose, Kriegszittern, Neurasthenie, Kriegshysterie. Eine Vielzahl an Bezeichnungen für eine Vielzahl von Symptomen, die heute unter der Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung zusammengefasst werden. Diese beinhaltet vor allem ein Gefühl: Angst. Angst, die auch nach dem traumatisierenden Erlebnis nicht nachlässt, die sich aufdrängt in Erinnerungen und Träumen, die schreckhaft macht und panisch.

Brachiale Behandlungsmethoden

Viele Militärärzte waren der Überzeugung, dass Moral und Disziplin die beste Therapie seien, um die Männer wieder auf die Beine und zurück an die Front zu bringen. Psychiater – allen voran jene an den Hochschulen – entwickelten brachiale Behandlungsmethoden, die vor allem in Deutschland und Grossbritannien angewendet wurden. Stromstösse, Drohungen, Drill und Schmerzen sollten die «gemütslabilen» Männer «in die Gesundung zwingen.» Im Rahmen der so genannten Kaufmann-Kur wurden schwerste Elektroschocks eingesetzt. Die Muck’sche Kehlkopf-Therapie wurde angewendet bei Soldaten, die ihre Stimme verloren hatten: Eine tief in den Rachen geschobene Metallkugel provozierte Erstickungsängste, bis die Patienten schrien.

«  Granaten-Schock! Wissen die überhaupt, was das heisst? Männer werden wie hilflose Kinder; sie weinen und schlagen irr mit den Armen um sich, klammern sich an den nächstbesten Mann und bitten inständig darum, dass man sie nicht alleine lässt.
 »

Garfield Powell,
britischer Soldat, Tagebucheintrag vom 23. Juli 1916

Der britische Psychiater William Rivers jedoch sah, dass das Leiden seiner Patienten eine reale Krankheit und nicht Ausdruck von Feigheit war. Er ermunterte die Männer zu erzählen. «Das war ein bahnbrechender Durchbruch in der Therapie», sagt Fiona Reid über Rivers Gesprächstherapie: «Er ermutigte die Betroffenen, sich mit ihren Erinnerungen zu versöhnen. Bis dahin hatten die Ärzte ihren Patienten empfohlen: Denken Sie nicht dran! Unterdrücken Sie die Erinnerung. Vergessen Sie, wie Ihr Bruder neben Ihnen zerfetzt wurde.

William Rivers in Uniform vor dem Craiglockhart-Krankenhaus in Edinburgh (Schwarz-weiss-Aufnahme). Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Soldaten ermutigen zu sprechen: Der Psychiater William Rivers arbeitete beim Royal Medical Corps im Craiglockhart-Krankenhaus bei Edinburgh. Wikipedia

Rivers Gesprächs-Kur aber förderte das Gegenteil. Die Männer sollten die Angst vor der Erinnerung verlieren, sich dieser bewusst stellen und das Erlebte als Teil ihrer Biografie akzeptieren. Aktuelle Psychotherapieforschung zeigt, dass auf diese Weise die Macht des Schreckens tatsächlich gebannt wird.

Wie Rivers versuchte sich auch der britische Psychologe Charles Myers von der Universität Cambridge in neuartigen empathischen Therapieansätzen. Er erkannte, wie wichtig es ist, eine Traumatisierung zu behandeln, bevor sie chronifiziert und invalidisiert. Myers veröffentlichte im Februar 1915 in der Fachzeitschrift »The Lancet« die ersten wissenschaftlichen Trauma-Fallstudien. Doch die neuen Therapiemethoden und Erkenntnisse konnten sich nicht durchsetzen. Zu gross war das Misstrauen in der Bevölkerung, in der Fachwelt und im politischen Etablissement gegenüber diesen Männern, hinter deren Symptomen man Verweichlichung und Verweiblichung vermutete.

Über Vergangenes wurde geschwiegen

Mit denselben Unterstellungen sahen sich auch die traumatisierten Soldaten späterer Kriege konfrontiert. Die Kriegsheimkehrer des Zweiten Weltkriegs konnten kaum mit Verständnis und professioneller Hilfe rechnen. Das galt ganz besonders für die Veteranen der »Täternation« Deutschland. In der deutschen Nachkriegsgesellschaft stand der Neuanfang im Zentrum. Über Vergangenes wurde geschwiegen. Die gängige psychiatrische Lehrmeinung war noch immer dieselbe wie jene zu Zeiten des Ersten Weltkriegs: Längerfristiges Leiden habe nicht primär mit dem Erlebten zu tun, sondern mit schlechtem Erbgut.

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Die Belastungsstörung

Die Kernsymptome einer posttraumatischen Belastungsstörung:

  • Sich aufdrängende Erinnerungen oder Wiedererleben des Traumas (Flashbacks, Albträume etc.)
  • Vermeidung von Situationen, die an das traumatisierende Ereignis erinnern
  • Schreckhaftigkeit, extreme Wachsamkeit, Schlafstörungen oder Reizbarkeit und weitere Symptome

Erst in den 1970er-Jahren, angesichts der vielen psychisch kranken Vietnamkriegs-Veteranen, erhielten Trauma-Forschung und Trauma-Therapie neuen Schwung. 1980 fand die Krankheit schliesslich Eingang in das WHO-Diagnose-Manual ICD – unter dem Begriff «Posttraumatische Belastungsstörung».

Dem Erlebten die Macht nehmen

Heute konzentrieren sich die anerkannten Therapie-Methoden auf die Konfrontation mit dem Erlebten. Traumatisierende Erlebnisse in der Vergangenheit sollen nicht unterdrückt und Situationen, die an damals erinnern, nicht vermieden werden. Nur so verliert das Erlebte seine Macht.

Die moderne Hirnforschung stützt diese Ansätze. Durch wiederholtes und bewusstes Erinnern wird das Gedächtnis sozusagen neu organisiert. Es reiht die Erinnerungen auf dem Zeitstrahl des Lebens allmählich neu und in der richtigen Abfolge aneinander und lernt, dass die traumatischen Gedächtnisinhalte in der Vergangenheit stattgefunden haben. Zwar können gewisse Situationen, Gerüche oder Geräusche auch nach einer Therapie noch an das Trauma erinnern. Doch »weiss« das Gehirn nun, dass es sich lediglich um eine Erinnerung handelt und nicht um eine aktuelle Bedrohung. Angst- und Panikreaktionen bleiben aus.

Keine Zeit für den Schrecken

Das Gehirn holt in der Therapie sozusagen nach, was ihm während des traumatisierenden Ereignisses nicht gelingen konnte. Denn in akuten Bedrohungssituationen ist der Körper ausschliesslich aufs Überleben konzentriert. Er schüttet grosse Mengen an Stresshormonen aus, die auf Flucht oder Verteidigung vorbereiten. Da bleibt keine Kapazität für die Gedächtnisareale, das Erlebte zeitlich richtig zu verankern. In der Folge flottieren die schrecklichen Erinnerungen ohne zeitliche Verankerung und die damit verbundenen Gefühle können jederzeit wieder aktiviert werden.

Auch die moderne Militärpsychiatrie setzt heute auf diese Erkenntnisse und wendet sie bei der Therapie von traumatisierten Soldaten an. Gleichzeitig hat die Prävention in den vergangenen Jahren immer mehr Beachtung erhalten, sagt Andreas Maercker, Psychotraumatologe an der Universität Zürich. Der ehemalige Dienstverweigerer berät heute die Deutsche Bundeswehr: Ich beobachte, dass die Militärs heute sehr darum bemüht sind, die Kampfexposition der eigenen Soldaten und die Konfrontation mit potenziell traumatisierenden Situationen zu begrenzen. Im Ersten Weltkrieg war das noch ganz anders. Damals waren die Männer wochen- und monatelang an der Front im Einsatz.»

Fehlende Anerkennung

Trotzdem kommen auch heute Bundeswehrsoldaten traumatisiert von ihren Auslandseinsätzen zurück. Sie brauchen eine Therapie und viele benötigen auch Anerkennung, weiss Andreas Maercker: «Fast alle Traumatisierten haben ein riesiges Bedürfnis nach Anerkennung für das, was ihnen passiert ist. Das lässt sich nicht immer therapeutisch auffangen. Denn ihr Aufschrei ist ja im Grunde genommen an die Gesellschaft gerichtet.»

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Kriegstraumatisierte nach 1918

Die Zahl traumatisierter Soldaten stieg im Ersten Weltkrieg sehr rasch sprunghaft an. Zum ende des Krieges zählte Grossbritannien 80'000 traumatisierte Männer; Deutschland und Frankreich je gegen 300'000.

Doch tun sich Öffentlichkeit, Politiker und Fachleute schwer im Umgang mit Opfern, die eben meist auch Täter sind. Das ist nicht nur in Deutschland so. Auch in Grossbritannien erhalten die Soldaten nach Auslandseinsätzen nicht immer die Wertschätzung, die sie erhoffen, sagt Historikerin Fiona Reid: «Wir haben da wirklich ein Problem in Grossbritannien. Das Mitleid für die armen, psychisch versehrten Jungs des Ersten Weltkriegs ist immer noch gross. Aber dieses romantisierte Bild entspricht nicht dem des Veteranen von heute. Einem Soldaten, der zum Beispiel gerade aus seinem Einsatz in Afghanistan zurückkommt, der vielleicht trinkt und kriminell wird. Die Romantisierung des Erstweltkrieg-Soldaten steht dem Verständnis für die psychischen Probleme heutiger Veteranen im Weg.»

«  Etwas stimmte nicht. Sie trugen zwar wieder zivile Kleider und kümmerten sich um ihre Mütter und Frauen, wie sie es taten in den friedlichen Tagen vor dem August 1914. Aber sie kamen nicht als dieselben zurück... Ihre Stimmung konnte plötzlich umschlagen... Viele von ihnen verloren leicht die Kontrolle über sich… Beängstigend. »

Philip Gibs
Kriegskorrespondent für die britische Zeitung „Daily Chronicle“, 1920

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