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Mensch Die verlorenen Jahre psychisch kranker Menschen

Die Lebenserwartung von psychisch kranken Menschen ist weit geringer als bei gesunden Menschen. Denn viele Patienten mit einer chronisch-psychiatrischen Störung leiden zusätzlich unter schweren körperlichen Krankheiten.

Ein depressiver Mann.
Legende: Gefährlich auch für den Körper: Menschen mit schweren Depressionen, Schizophrenie oder bipolarer Störung sterben oft früher als Gesunde. Colourbox

Australische Forscher haben sich auf die Suche nach der verlorenen Lebenszeit psychisch kranker Menschen gemacht. Zwar ist hinlänglich bekannt, dass Menschen mit chronisch-psychiatrischen Störungen eine geringere Lebenserwartung haben als psychisch Gesunde, weil psychisch kranke Menschen häufig an schweren körperlichen Krankheiten leiden. Doch trotz dieses Wissens scheinen Körpermedizin und Psychiatrie den frühen Tod psychisch kranker Menschen nicht parieren zu können. Das sei eine Schande: So das Fazit von Experten des Fachmagazins «British Medical Journal», wo die australische Studie diese Woche erschienen ist.

Herz-Kreislauf, Atemwege und Lungen

Früher sterben, das heisst in dieser Studie konkret: Menschen, die an schweren psychiatrischen Krankheiten wie Schizophrenie, bipolarer Störung oder an schweren Depressionen leiden, haben eine bis zu 15 Jahre kürzere Lebenserwartung als psychisch Gesunde. Die Ursachen dafür sind vielseitig. Gegen die Erwartung können Selbsttötungen nur einen kleinen Teil der verlorenen Lebensjahre erklären. Hauptgründe für den vorzeitigen Tod psychisch kranker Menschen sind Herz-Kreislauferkrankungen und Erkrankungen der Atemwege und Lungen.

Die australische Studie bestätigt zudem einen problematischen Trend der neueren Zeit: Die Differenz zwischen der Lebenserwartung psychisch Kranker und der Allgemeinbevölkerung vergrössert sich zunehmend. Das heisst: Psychiatrische Patienten profitieren weit weniger von den medizinischen Fortschritten als psychisch Gesunde, die dank moderner Medizin immer länger leben. Dieser Trend gilt nicht nur für Australien. Er gilt auch für die EU-Länder und die Schweiz.

Nicht nur eine Ursache verantwortlich

Die Ursache für den frühen Tod psychisch kranker Menschen ist in einem Wechselspiel verschiedener Faktoren zu suchen. Dazu gehören pharmakologische Nebenwirkungen, ein selbst-vernachlässigender Lebensstil und eine allgemeinmedizinische Unterversorgung. Eine ganz wichtige Rolle spielen die Medikamente, allen voran Neuroleptika: Medikamente gegen Wahn und Halluzinationen. Diese stehen oft zu Beginn einer ganzen Kaskade von Risikofaktoren, indem sie beispielsweise das so genannte metabolische Syndrom mit Übergewicht und höheren Fettwerten im Blut auslösen können. Damit steigt das Risiko für Herzkrankheiten und Diabetes.

Ein weiterer Risikofaktor ist häufig Antriebsarmut der Patienten. Sie können sich manchmal kaum aufraffen, sich zu bewegen – häufig eine Folge der psychischen Krankheit und der Psychopharmaka. Viele Betroffene ernähren sich zudem ungesund und fast alle Menschen mit einer chronisch-psychiatrischen Erkrankung rauchen. Nikotin wirkt stimulierend und mildert die krankheits- und medikamentenbedingte Antriebslosigkeit. Viele psychisch Kranke leiden deswegen aber zusätzlich auch an Lungen- und Atemwegserkrankungen.

«Auch eine Perspektive versprechen können»

Die australischen Autoren schlagen verschiedene Massnahmen vor, um die Lebenserwartung psychisch kranker Menschen zu verlängern. So sollten sich die Mediziner ganzheitlicher um diese Patienten kümmern und Symptome, die – wie etwa Müdigkeit – auf den ersten Blick psychisch bedingt scheinen, auch auf organische Ursachen hin untersuchen. Zudem müsse mehr in Programme investiert werden, die psychisch Kranke für einen gesunden Lebensstil motivieren.

Vorschläge, die Wulf Rössler, Psychiater und Epidemiologe an der Universität Zürich, begrüsst. Er hat allerdings einen grossen Vorbehalt. Ohne Perspektive könne man Menschen nicht zu einem gesünderen Leben motivieren: «Wenn wir chronisch psychisch kranke Menschen motivieren wollen abzunehmen, mit dem Rauchen aufzuhören und sich gesünder zu ernähren, dann müssen wir ihnen auch eine Perspektive versprechen können. Dazu gehört die Aussicht auf Arbeit, soziale Beziehungen oder eine eigene Wohnung. Doch vieles davon ist chronisch kranken Menschen heute nicht möglich.»

Die Lebenserwartung psychisch kranker Menschen ist also nicht nur abhängig vom Gesundheitssystem. Sie wird auch beeinflusst durch alltägliche Dinge, die auch gesunde Menschen brauchen, um glücklich zu sein.

10 Kommentare

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  • Kommentar von M. Pestalozzi, Zürich
    Der Mensch ist Gott. Für jedes hat er eine Lösung zu bieten. Alles andere ist eine Schande. So geht die Religion des frühen 21. Jahrhunderts.
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    1. Antwort von A.Käser, Zürich
      @M.Pestalozzi/Der Mensch ist Gott?Ziemlich sicher aber,ein Teil von ihm(ein Teil Gottes).Im Rahmen unserer Möglichkeiten tragen wir deshalb eine grosse Verantwortung,dies in jeder Hinsicht.Die im Menschen innewohnende Sehnsucht nach Liebe/Glück weist darauf hin,dass"Gott"Liebe ist.Um sich im"Einklang"mit allem zu befinden,müsste unser Handeln von Liebe geprägt sein."Liebe ist die grösste und dennoch unbekannteste Energie der Welt"(P.Teilhard-de-Chardin).Unser Gegenüber aber,ist auch immer Gott.
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  • Kommentar von Rolf Burkhardt, Zürich
    Eigentlich erstaunlich, dass es immer erst eine Studie braucht, die faktisch auf den Tisch bringt, was man eigentlich auch einfach so erkennen könnte. Es gibt Menschen, die erhalten über viele Jahre hinweg ausschliesslich Medikamente; noch nicht einmal eine vernünftige Therapie, ausser dem monatlichen Kontrollgespräch. Ich denke, es ist höchste Zeit, sich echt und mit viel Nähe um diese Menschen zu kümmern. Dass die Psychiatrie der Pharmaindustrie so viel Platz einräumt, finde ich haarsträubend.
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  • Kommentar von Monica Ruoff, Bern
    Chronisch krank machen vor allem die von den Ärzten verordneten psychotropen Substanzen, welche allesamt die Libido beeinträchtigen oder gar total ruinieren. Da aber Libido nicht nur Sexualtrieb bedeutet, sondern Lebensfreude schlechthin, ist ein Leben als chemisch kastrierter Mensch nur noch schwer zu ertragen. Zudem wurde uns davon Betroffenen auch die Möglichkeit genommen, innere Spannungen via Orgasmus abzubauen, so dass sich diese ein anderes Ventil suchen, im Extremfall in einem Amoklauf.
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