Otto Löffler war Mitte 50, als ihn seine frühe Kindheit einholte. Seine Tochter sollte für die Schule einen Aufsatz über die familiären Wurzeln schreiben. Otto Löffler, ein gestandener Berufsmann und pflichtbewusster Vater, wusste wenig darüber.
Seine Kindheit und Jugend hatte er fast ausschliesslich in Heimen verbracht – ein Kapitel, das er als Erwachsener stets erfolgreich verdrängt hatte. Bis das Anliegen der Tochter ihm den Anstoss gab, die eigene Geschichte zu recherchieren.
Ein Team um die Entwicklungspsychologin Patricia Lannen, Leiterin des Marie Meierhofer Instituts für das Kind in Zürich, ist den Lebenswegen von Personen wie Otto Löffler nachgegangen. In einer Langzeitstudie haben die Forschenden untersucht, welche Folgen die frühe Platzierung im Heim für sie hatte.
Lebenslanger «Entzug»
«Ich rief bei der Vormundschaftsbehörde Zürich an, nannte meinen Namen und Jahrgang und sagte, es müsse bestimmt Unterlagen über mich geben», erzählt Otto Löffler gegenüber SRF. Bewusst ruhig sei er die Sache angegangen. «Die Person am anderen Ende der Leitung war sehr zuvorkommend und lud mich nach Zürich ein. Also bin ich hingefahren, um die Dokumente zu sichten. Und ab da wurde es schwierig.»
Beim Lesen wurde mir klar, dass mir damals etwas Zentrales abhandengekommen war: der sichere Platz in einem Familienkreis.
Schwarz auf weiss las er da von seinen Anfängen: Geboren am 23. Juni 1958 im bündnerischen Thusis von einer ledigen Mutter, die «auf der Durchreise» und mit dem Baby kurz darauf nach Zürich unterwegs war. Dort verfügte die städtische Vormundschaftsbehörde, der drei Wochen alte Bub sei in einem Säuglingsheim unterzubringen.
«Beim Lesen wurde mir klar, dass mir damals etwas Zentrales abhandengekommen war», sagt Otto Löffler heute, «nämlich der sichere Platz in einem Familienkreis.» Diesen «Entzug» habe er sein Leben lang gespürt. Als chronischen, bohrenden Schmerz.
Isoliert in den Bettchen
In den 1950er-Jahren gab es in der Stadt Zürich zwölf solcher Heime. Hunderte von Kindern waren in diesen Institutionen untergebracht, meist nach behördlichen Entscheiden, als sogenannte «fürsorgerische Massnahme».
Es waren vorwiegend Kinder von unverheirateten oder sehr jungen Müttern. Ihnen attestierten die Behörden einen «liederlichen Lebenswandel», während der Anteil der Väter geflissentlich ausgeblendet wurde. Auch Gastarbeiterinnen wurden Neugeborene routinemässig weggenommen, um sie in staatliche Obhut zu übergeben.
Otto Löffler hat keine Erinnerungen an die frühen Phasen seiner Kindheit. Wie es im Säuglingsheim aussah, wo die Behörden ihn platziert hatten, hat er viele Jahre später in seinen Akten nachgelesen. «Da war nichts von familiärer Geborgenheit, nichts von der Nestwärme, wie ich sie später mit meinen eigenen Kindern und Enkelkindern gelebt habe», sagt er. «Man wurde in diesen Heimen einfach ‹versorgt›.»
Tatsächlich verbrachten die Kinder den Grossteil des Tages isoliert in ihren Bettchen.
Sie hatten kaum Körperkontakt mit den Betreuerinnen, hatten keine Möglichkeit, zu spielen oder ihre Umgebung zu erkunden. «Babys und Kleinkinder galten damals als einfache, reflexgesteuerte Wesen», sagt Entwicklungspsychologin Patricia Lannen. «Man dachte zum Beispiel allen Ernstes, sie würden keine Schmerzen empfinden oder dass langanhaltendes Schreien gut sei für kräftige Lungen.»
Körperlich und medizinisch seien die Heimkinder zwar gut versorgt gewesen, doch es fehlte ihnen ganz grundsätzlich an Zuwendung, sozialer Interaktion und anregenden Erfahrungen.
Die Studie von Marie Meierhofer
Eine, die diese Zustände schon damals kritisierte, war die Zürcher Kinderärztin Marie Meierhofer (1909–1998). «Sie war als Stadtärztin zuständig für die städtischen Säuglingsheime, und dort beobachtete sie, dass diese Kinder sich nicht gut entwickelten», erzählt Patricia Lannen.
So waren viele im Spracherwerb oder in der Entwicklung sozialer Kompetenzen stark verzögert. In ihren Berichten macht Meierhofer immer wieder Vorschläge, wie man es besser, kindgerechter machen könnte. Immer wieder wird sie zurückgewiesen.
«Weil Marie Meierhofer gegen herrschende Normen nicht ankam, wählte sie schliesslich den Weg einer Studie, um Einfluss zu nehmen und neues Wissen zu etablieren», erzählt Lannen. Zwischen 1958 und 1961 untersucht sie 431 Kinder in den Zürcher Heimen systematisch, dreizehn Jahre später dokumentiert sie die weitere Entwicklung bei einem Teil der Kinder erneut.
Diese Daten vergleicht Meierhofer mit einer Gruppe von Gleichaltrigen aus den «Zürcher Longitudinalstudien» – Kindern also, die ab Geburt bei ihren Familien aufgewachsen waren.
Marie Meierhofers Forschung zeigt schonungslos auf, wie sehr die frühe Heimunterbringung die Entwicklung der Kinder beeinträchtigt. «Die Resultate damals weckten weit über die Schweizer Grenzen hinaus Aufmerksamkeit», sagt Patricia Lannen, «und trugen dazu bei, dass sich die Betreuung in den Heimen verbesserte.»
Was wurde aus Kindern wie Otto Löffler?
Zwischen 2018 und 2023 hat ein Team um Patricia Lannen alle 431 Kinder, die in Marie Meierhofers Studie dokumentiert waren, gesucht und erneut untersucht. «Wir wissen, dass die frühe Kindheit eine so wichtige Phase ist für ein ganzes Menschenleben, dass wir uns gefragt haben: Was passiert denn, wenn ein Mensch sein ganzes Leben noch leben kann, sechzig Jahre später? Wie geht es den Menschen heute? Diese Frage stand im Kern unserer Studie.»
Als ich sechs Jahre alt war und eingeschult wurde, liess die Vormundschaftsbehörde es zu, dass meine leibliche Mutter mich von meinen Pflegeeltern wegholte – obwohl ich sie gar nicht kannte.
Der kleine Otto hatte Glück: Als er zweieinhalb Jahre alt war, fand die Vormundschaftsbehörde für ihn eine passende Pflegefamilie in Zürich-Höngg. Bei ihr fühlte sich der Bub wohl, bei ihr fand er jene Geborgenheit, die ihm im Heim nicht zuteilgeworden war.
Doch das Glück war nicht von Dauer: «Als ich sechs Jahre alt war und eingeschult wurde, liess die Vormundschaftsbehörde es zu, dass meine leibliche Mutter mich von meinen Pflegeeltern wegholte – obwohl ich sie gar nicht kannte geschweige denn eine Beziehung zu ihr hatte.»
Kurzes Glück, nachhaltige Wirkung
Der Wechsel kam nicht gut. Für Otto Löffler folgten von Anfang an Probleme in der Schule, diverse Schulhauswechsel, weil er als «nicht tragbar» galt, und eine erneute Platzierung in diversen Heimen der Stadt Zürich. Schliesslich, im Alter von zehn Jahren, sei er in der Ostschweiz, in einem Heim in Oberbüren SG, «endgültig versorgt» worden.
Zu seiner ehemaligen Pflegefamilie habe er nicht zurückkehren können. Bis heute sei ihm dies ein Rätsel, erzählt Otto Löffler.
Ich habe mir gesagt: ‹Ich will etwas machen aus meinem Leben, ich will gut sein!›
Und doch spielten diese Menschen in seinem Leben weiterhin eine zentrale Rolle: «An manchen Sonntagen wurde mir erlaubt, mit dem Zug aus der Ostschweiz nach Zürich zu fahren, und immer habe ich sie dann jeweils besucht. Das war jedes Mal ein Lichtblick, ein Fenster zu einem normalen Familienleben. Doch die Rückfahrten nach Oberbüren waren belastend und traurig.»
Die Beziehung habe ihn so stark geprägt, dass er später einen starken Willen entwickelt und sich gesagt habe: «Ich will etwas machen aus meinem Leben, ich will gut sein!»
Das ist ihm auch gelungen: Otto Löffler machte eine kaufmännische Lehre, fand einen guten Arbeitgeber, dem er bis zur Pensionierung treu blieb, gründete eine Familie.
Viele unterschiedliche Lebenswege
Indes zeigen die Ergebnisse von Patricia Lannens Studie ein durchzogenes Bild:
- Viele der ehemaligen Heimkinder haben bis ins Erwachsenenalter stark unter der frühkindlichen Vernachlässigung gelitten.
- Sie wurden drogensüchtig, alkoholkrank oder wählten andere gesundheitsschädigende Gewohnheiten.
- Nicht wenige verübten schon in jungen Jahren Suizid. Viele verstarben bereits vor dem 40. Lebensjahr.
- Durchschnittlich stellte das Forschungsteam bei der untersuchten Gruppe eine um zwölf Jahre verkürzte Lebenszeit fest.
Allerdings ist dies ein Durchschnitt. Mit Blick auf die Individuen gebe es grosse Unterschiede, betont Patricia Lannen: «Ausbildungen und Berufswege, die Gesundheit, die Art und Weise, wie die Betroffenen die Ereignisse von damals einordnen, und was das mit ihrem Leben gemacht hat – all das ist sehr verschieden.»
Zeitzeugnisse zum Nachhören
Einige nutzten ihre Teilnahme an der Studie auch, um die Ereignisse zu verarbeiten. Zu ihnen zählt Otto Löffler. Er sagt zwar, das Gefühl von Entzug – dass ihm etwas fehle – werde nie weggehen. Aber: «Vielleicht ist es eine Trotzreaktion, vielleicht ist es ganz normal, dass man sich nach so einem schlechten Start sagt: ‹Jetzt erst recht!›»
Er habe ein gutes Leben.