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Ein Leben ohne Bilder im Kopf Aphantasie: Wie es ist, wenn man sich nichts vorstellen kann

Merlin ist Aphantasist. Mit uns hat er über seine fehlende Fantasie, schwindende Erinnerungen – und die Schönheit dieses Phänomens gesprochen.

Stellen Sie sich vor, Sie können sich nichts vorstellen. Unvorstellbar, oder? Für Merlin Monzel – als Betroffener von Aphantasie, aber auch als Wissenschaftler – Alltag. Der Neuropsychologe hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses weitgehend unerforschte Phänomen besser zu verstehen und bekannter zu machen. Warum, erzählt er hier.

Auf dem Bild ist Merlin zu sehen.
Legende: Merlin Monzel ist Neuropsychologe und Aphantasist. Hier erzählt er, wann er besonders merkt, dass seine Vorstellungskraft fehlt. ZVG

«Dass in meinem Kopf etwas anders abläuft als bei den meisten, habe ich zum ersten Mal 2016 auf einer Hausparty realisiert. In der Vorstellungsrunde sollte jeder einen persönlichen Fact teilen, von dem er glaubte, er sei einzigartig. Ein Mädchen erzählte, sie könne sich nichts vorstellen. Ich dachte nur: Wow. Was soll daran besonders sein? Es kann sich ja niemand wirklich etwas vorstellen. Tja… An diesem Abend habe ich erfahren, dass wir beide die einzigen waren, bei denen das so ist.

Sandra* und ich haben uns auf dieser Party stundenlang unterhalten und sind mittlerweile befreundet. Obwohl es mir sehr gut ging damals – ich kannte es schliesslich nur so – war ich froh, dass ich direkt jemanden hatte, mit der ich mich austauschen konnte.

Aphantasie in der Forschung

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«Aphantasie» ist die Bezeichnung eines fehlenden bildlichen Vorstellungsvermögens. Auch Geräusche, Geschmäcker und Gefühle können sich Betroffene nicht vorstellen.

Die Wissenschaft beginnt gerade erst, das Phänomen der Aphantasie zu erforschen und zu verstehen. Dass es sich dabei nicht nur um graduelle Unterschiede in der Vorstellungskraft handelt, beschrieb der Hirnforscher Adam Zeman von der University of Exeter erstmals im Jahr 2015 in einem Fachartikel. Er gab dem Phänomen auch den Namen «Aphantasie».

Zeman war durch einen seiner Patienten auf das Phänomen aufmerksam geworden. «MX» hatte nach einer Herzoperation neurologische Auffälligkeiten und eine Aphantasie entwickelt: «Er konnte die Gesichter seiner Familie und Freunde nicht mehr vor sein geistiges Auge holen, keine Szenen oder Orte mehr visualisieren, die in einem Roman beschrieben waren und selbst seine Träume waren ohne Bilder», berichtet Zeman.

Inzwischen weiss man, dass MX unter den Betroffenen eher eine Ausnahme darstellt. Denn bei ihm trat die Aphantasie nachträglich auf, durch eine Schädigung des Gehirns. In den meisten Fällen ist die Aphantasie angeboren – und möglicherweise genetisch bedingt: Nach heutigem Wissen  sind zwei bis fünf Prozent der Menschen von einer Aphantasie betroffen.

Ich bin ohne Vorstellungsvermögen geboren worden – wie die meisten Aphantasisten. Den Tipp, dass man sich Leute in Unterhosen vorstellen soll, wenn man nervös ist, habe ich immer für komplett schwachsinnig gehalten. Trotzdem habe ich es wieder und wieder versucht – und bei Präsentationen den Satz: «Die Leute sind in Unterhosen» innerlich runtergebetet. Natürlich ohne Erfolg.

Keine Bilder im Kopf

Wenn meine Mutter mir den Ratschlag gab, Schäfchen zu zählen, um müde zu werden, habe ich mich immer gefragt, was genau sie von mir will – weil da ja offensichtlich nirgendwo Schäfchen waren. Das ging so weit, dass ich mir Youtube-Videos von Schafen, die über Zäune springen, angeschaut habe. Ich muss heute noch lachen, wenn ich daran denke.

Ich habe mittlerweile einige Studien zum Thema durchgeführt. In Befragungen sagen viele Personen mit Aphantasie, sie würden einfach schwarzsehen, wenn sie sich etwas vorstellen sollen. Eigentlich ist es aber Leere.

Was läuft hier anders im Gehirn?

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Legende: Getty Images / Mads Perch

Eine Erklärung für die Entstehung von Aphantasie geht von einer Kommunikationsstörung zwischen dem Frontallappen im vorderen Teil des Gehirns zum Occipitallappen im hinteren Teil des Gehirns aus. Im Frontallappen entsteht der Wunsch, sich einen Elefanten vorzustellen, aber das Bild, wenn man einen echten Elefanten sieht, entsteht aber erst im Occipitallappen.

Nur im Zusammenwirken der beiden Hirnregionen kann eine visuelle Vorstellung funktionieren, sodass Forschende davon ausgehen, dass dieses Zusammenwirken bei Aphantasie durch eine Verbindungsschwäche gestört sein könnte. Bisher ist diese Theorie aber noch nicht abschliessend belegt. 

Der zweite Erklärungsansatz vermutet eine ständige Überaktivierung im Occipitallappen, die andere Signale überdecken könnte, sodass der blosse Wunsch, sich etwas visuell vorzustellen, als Hirnsignal nicht ausreicht, um die restliche Aktivität der Hirnregion zu übertönen.

Schon auf der Hausparty haben Sandra* und ich festgestellt, dass unser Gedächtnis relativ schlecht ist – vor allem das Autobiografische. Aus neuropsychologischer Sicht macht das Sinn, denn gerade das autobiografische Gedächtnis stützt sich darauf, vergangene Erlebnisse mit Hilfe aller Sinneseindrücke wiederzuerwecken. Wie die Schule hiess, auf der wir waren oder in welchem Jahr wir mit dem Studium angefangen haben, wissen wir noch. Aber wie alte Schulfreunde aussahen oder das Klassenzimmer: keine Ahnung.

Wenn man sich selbst vergisst

Zu wissen, dass die eigene Vergangenheit verschwindet, tut weh. An meine erste Freundin zum Beispiel kann ich mich nicht mehr erinnern. Klar, ich kenne ihren Namen noch und weiss, dass wir eine gute Zeit hatten. Aber ich sehe ihr Gesicht nicht mehr und kann mich auch an unsere gemeinsamen Ausflüge nicht mehr erinnern. Wie hat mein Kindergeburtstagslieblingsessen geschmeckt? Wie hat es in der Turnhalle von früher gerochen? Essenzielle Erfahrungen des Menschseins sind einfach nicht mehr da. Das bedroht, zumindest gefühlt, auch meine Identität.

Trotzdem: In der Aphantasie schlummert auch eine Schönheit. Sie ist Teil der neurologischen Diversität und zeigt mir immer wieder, wie verschieden unser Gehirn und unser Geist sein können. Dass Dinge, die wir für normal halten, eben nicht immer normal sind.»

Mehr zum Thema Aphantasie

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Wer mehr zum Thema Aphantasie erfahren möchte und über die neusten Studien dazu, kann sich in diesem Verteiler der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität
(wo Merlin Menzel forscht) anmelden: Es werden Personen mit Aphantasie und Hyperphantasie gesucht. Aber auch Personen mit normalem Vorstellungsvermögen sind für weitere Studien erforderlich.

Haben wir Ihr Interesse geweckt?

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Alle Folgen «SRF Einstein²» finden Sie auf Play SRF.

SRF 2, Einstein^2, 07.09.2022, 18:00 Uhr

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