Ein Wanderer im Land der Zahlen

Daniel Tammet ist ein Savant. Der 35-jährige Brite kann extrem gut mit Zahlen. Doch weniger gut mit Menschen. Tammet hat Asperger, eine spezielle Form von Autismus. Und er hat ein unergründliches Zahlenwissen, an dem er die Leser seines neuen Buchs «Die Poesie der Primzahlen» teilhaben lässt.

Daniel Tammet bei einem seiner vielen öffentlichen Auftritte. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Daheim in der Welt der Zahlen Daniel Tammet verblüffte die Öffentlichkeit bei vielen öffentlichen Auftritten. jurvets / Wikipedia

22'514 Ziffern haben ihn berühmt gemacht. Denn Daniel Tammet kann die Zahl Pi, die vor dem Komma eine drei und hinter dem Komma unendliche viele Stellen hat, bis auf besagte 22'514. Nachkommastelle auswendig aufsagen. Gelungen ist ihm dies vor ziemlich genau zehn Jahren, am Pi-Tag im Museum of the History of Science der Universität Oxford.

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Asperger-Syndrom

Das Asperger-Syndrom gehört zu den Entwicklungsstörungen des Autismus-Spektrums: eine ausgeprägte Kontakt- und Kommunikationsstörung bei gleichzeitig normaler Intelligenz. Die Entwicklung der Sprache und der Alltagsfertigkeiten ist weitgehend unauffällig. Der Schweregrad der autistischen Symptome ist sehr unterschiedlich.

Tammet ist ein so genannter Savant. Ein Mensch, der über ausgesprochen faszinierende Begabungen verfügt, während ihm ganz alltägliche Dinge schwer fallen. Der 35-jährige Brite hat ein unergründliches Zahlenwissen – und Asperger: eine spezielle Form von Autismus. Für Aussenstehende ist das faszinierend und unverständlich zugleich. Weshalb sich Daniel Tammet in Vorträgen und Büchern zu erklären versucht. Auch in seinem dritten Buch, der Aufsatzsammlung «Die Poesie der Primzahlen», führt er die Leser durch seine wundersame Welt der Ziffern und Zahlen.

Hässliche, helle, düstere, mürrische ... – Zahlen

Tammet geht durch das Land der Zahlen wie ein staunender Schlafwandler. Hierhin zieht er sich seit seiner Kindheit zurück. Hier nimmt er mit allen Sinnen wahr und geniesst. Auf seinen Streifzügen begegnen ihm helle, dunkle, ruhige, laute, mürrische und harmonische Zahlen. Die hässliche 289. Die attraktive 333. Er fühlt die Einzigartigkeit von Pi, er erliegt dem Mysterium der Primzahlen, er erstarrt vor der Unendlichkeit von Bruchteilen.

Und er hat ein untrügliches Gespür für die komplexen Beziehungen, die die Bewohner des Zahlenlandes zueinander unterhalten. Hier gelingt dem Asperger-Autisten, was ihn in der Menschenwelt überfordert – zu verstehen, welchen Regeln das Miteinander folgt:

«  Meine Mutter stellt für mich ein ewiges Geheimnis dar. Ihr Verhalten ist mir ein Rätsel, und so sehr ich es auch zu begreifen und zu lösen versuchte, ich verstehe sie einfach nicht. »

Daniel Tammet

Seine Strategie wirkt auf uns «normale» Zeitgenossen kaum nachvollziehbar. «Schon als kleines Kind überlegte ich», erzählt Tammet in seinem Buch, «dass ich nur genügend viele meiner Erinnerungen zusammenstellen und sie nach feststehenden Parametern analysieren müsste, um ein Vorhersagemodell für das Verhalten meiner Mutter zu erstellen.»

Selbstverständlich hält sich die Mutter nicht an das zunehmend ausgeklügelte und erweiterte Prognose-Modell ihres Sohnes. So sehr sich dieser auch abmüht.

Zahlen als Basis alles Schönen

Daniel Tammet möchte verstehen und er möchte verstanden werden. Er versucht, uns mit Hilfe unterschiedlichster Analogien und Episoden an seiner Zahlen-Leidenschaft teilhaben zu lassen. Er sucht in der Dichtung Shakespeares nach der literarischen Umsetzung der mathematischen Null und findet grosse und kleine Nichtse. Er entdeckt in japanischen Haikus den Zauber der Primzahlen und in Sprichwörtern die Muster des Einmaleins. Doch leider wirken viele der Beziehungsmuster, die Tammet zu entdecken glaubt, konstruiert. Kunst und Kultur sind weit mehr als schöne, auf Zahlenverhältnisse reduzierbare Produkte des menschlichen Gehirns.

Der Schrecken von Sekunden-Bruchteilen

Dagegen gehören seine Kindheitserinnerungen zu den besten Passagen des Buchs. Etwa wenn er erzählt, wie er sich als Schulbub beim Nachdenken über die Bruchteile von Sekunden zwischen zwei Strassenlampen in der Ewigkeit verliert. Lediglich acht Gehsekunden trennen die beiden Lampen.

Daniel Tammet und die Zahl Pi

27 min, aus Kultur kompakt vom 04.03.2014

Doch diese acht Sekunden lassen sich zu Daniels Erstaunen und Entsetzen ohne Ende in Bruchteile zerlegen: «Es würden immer Bruchteile von Bruchteilen von Bruchteilen einer Sekunde verbleiben, die mich vom Ziel trennten. Plötzlich wusste ich nicht mehr, wie ich in diesen acht Sekunden überhaupt die nächste Strassenlampe erreichen sollte. Ich war mir nicht einmal mehr sicher, wie ich überhaupt vorwärts kommen sollte.»

In der Zwischenzeit hat es Daniel Tammet ziemlich weit gebracht. Wer sich mit Inselbegabten beschäftigt, kommt um ihn nicht herum. Mit seinem phänomenalen Gedächtnis für Zahlen und seiner Fähigkeit, in wenigen Tagen eine Fremdsprache zu lernen ist er ein Faszinosum. Er schreibt und wird beschrieben. Er wird ausgefragt und vorgeführt. In Dokumentarfilmen und TV-Shows zeigt er brav sein Können, wird vom Autisten zum Artisten, der – wie ihm geheissen – seine Kunststücke aufführt. Welche Farbe hat die Zahl 1‘689; welche Form das Resultat von 23‘045x86‘891. Wie fühlt sich die Zahl Pi an?

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Savants

Savants sind Menschen mit ausgeprägten Inselbegabungen. Während sie unter kognitiven Behinderungen oder anderen Störungen leiden, vollbringen sie auf bestimmten Gebieten ausserordentliche Leistungen: extrem schnell rechnen, komplexe Musikstücke ad hoc nachspielen oder einmal Gesehenes nachzeichnen. Die Hälfte der etwa 100 Betroffenen sind Autisten.

Eindrücke von einem Einmaligen

Gerade deswegen hätte man Daniel Tammet ein besseres Lektorat gewünscht. Ein sprachliches, aber auch ein inhaltliches. Um ihn vor sich selbst zu schützen. Um ihn zu bremsen, wenn er im Wunsch verstanden zu werden, in unbeholfener Weise auf sein Buchwissen zurückgreift. Wo es doch gerade sein Schatz an intuitivem Wissen und Verstehen ist, der seine Einmaligkeit ausmacht.

Fünf Stunden und neun Minuten brauchte Daniel Tammet seinerzeit für seine Rezitation der ersten 22'514 Nachkomma-Stellen von Pi. Fünf Stunden und neun Minuten für eine Reise durch eine fabelhafte Zahlenwelt, von deren Schönheit man nach der Lektüre zumindest eine Ahnung hat. Wenn auch nicht die volle Ansicht. Diese bleibt Daniel Tammet vorbehalten und einigen weiteren Savants, von denen es nur gerade eine Handvoll gibt.