Die bisherigen Wachstumskurven passten oft nicht zur Realität in der Schweiz. «Ich hatte es nicht mehr ausgehalten», sagt Urs Eiholzer. Der Pädiater ist Inhaber des PEZZ, einer auf Wachstumsstörungen spezialisierten, renommierten Praxis in Zürich. Er störte sich an den Wachstumskurven der Weltgesundheitsorganisation WHO, die seit 2011 in Schweizer Kinderarztpraxen verwendet wurden.
Es brauche repräsentative Daten aus dem eigenen Land, erklärt Eiholzer. Wieder und wieder trug er dies in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit vor. Denn: «Um das Wachstum von Kindern zu beurteilen, braucht es korrekte und möglichst genaue Referenzwerte.» Nur so könne normales von auffälligem Wachstum abgegrenzt werden.
Die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie (heute «Pädiatrie Schweiz») war nach ein paar Jahren ebenfalls nicht restlos glücklich über die WHO-Kurven, die sie 2011 eingeführt hatte. Doch an den Schweizer Kinderkliniken war niemand bereit, eine neue Studie durchzuführen. Zu aufwendig, zu teuer, lautete der Tenor.
Messungen in den Turnhallen
Also sprang das PEZZ in die Bresche. 2016 begannen Urs Eiholzer und sein Team, Daten zu Grösse und Gewicht von Kindern in der ganzen Schweiz zu sammeln. «Über 100 Kinderärztinnen und -ärzte haben mitgemacht», sagt er. «Bei allen sind wir vorbeigegangen, haben die Messinstrumente geeicht und zur Sicherheit gezeigt, wie man korrekt misst.»
Auch viele Schulen hätten sich beteiligt und Messungen in den Turnhallen organisiert. «Das ganze Spektrum war dabei – Schulen auf dem Land und in der Stadt, von jeder Stufe, Sekundarschulen, Gymnasien, Berufsschulen, querbeet durch alle Metiers, denn wir wollten möglichst repräsentativ sein.»
Etwa jedes 40. in der Schweiz lebende Kind beziehungsweise jeder 210. Einwohner wurde erfasst
So kamen Daten von über 43'000 Kindern und Jugendlichen zusammen. Auf dieser Basis entwickelte Eiholzers Team am PEZZ die neuen, jetzt gültigen Wachstumskurven, die von der Fachgesellschaft «Pädiatrie Schweiz» empfohlen werden.
Relativ zur Bevölkerungsgrösse gehört diese neue Schweizer Untersuchung zu den dichtesten Wachstumsstudien weltweit: «Etwa jedes 40. in der Schweiz lebende Kind beziehungsweise jeder 210. Einwohner wurde erfasst», so Eiholzer.
Nicht grösser, aber schwerer
Die Resultate zeigen: Kinder wachsen heutzutage zwar schneller und kommen eher in die Pubertät, aber ihre Endgrösse ist im Vergleich zu früher weitgehend stabil geblieben: «Im Durchschnitt werden Buben als Erwachsene 1,78 Meter gross, die Mädchen 1,66 Meter. Das ist nur ein Zentimeter grösser als vor 50 Jahren.»
Auch zum Thema Übergewicht gibt es neue Erkenntnisse: «Der durchschnittliche Body-Mass-Index ist in den letzten Jahrzehnten zwar insgesamt angestiegen», sagt Eiholzer. «Aber unsere Referenzwerte zeigen, dass deutlich weniger Kinder übergewichtig sind, als die WHO-Kurven vermuten lassen.»
Die Zahl von 20 Prozent übergewichtigen Kindern, die vom Bundesrat genannt werde, sei «nachweislich falsch», sagt Eiholzer. In der Realität seien es 13,5 Prozent. «Die WHO setzt in ihren Wachstumskurven die Schwelle zum Übergewicht deutlich zu tief an, und zwar willkürlich, in einer vermeintlich erzieherischen, aber irregeleiteten Absicht.»
Das tun die neuen Wachstumskurven aus dem PEZZ nicht. Damit dürften viele Kinder in der Schweiz auf einen Schlag nicht mehr als übergewichtig gelten.