Kriegstrauma – Leben mit dem Unbegreiflichen

Leben im Krieg, heisst leben im Ausnahmezustand. Ein Ausnahmezustand, der für Menschen in Syrien, im Kongo, in Afghanistan und vielen anderen Krisenregionen der Welt trauriger Alltag ist. Die ständige Angst vor Gewalt und Verwundung, Verlust und Tod verfolgt viele Betroffene oft ein Leben lang.

Krieg ist die Hölle; selbst dann, wenn er längst vorbei ist. Viele Überlebende werden das erlebte Grauen nicht mehr los, oft bleiben sie für den Rest ihres Lebens im Schrecken gefangen. Traumatisierte Menschen werden – bewusst oder unbewusst – von ihren Erinnerungen dominiert.

Frauen nördlich von Aleppo, Syrien, rennen mit Kindern im Arm und an der Hand auf die Kamera zu. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Tägliche Angst im Krieg: Frauen fliehen, nach Angaben von Aktivisten, vor einem Angriff der Syrischen Luftwaffe nördlich von Aleppo. Reuters

«Besonders schwer zu ertragen ist die Gewalt, die uns von anderen Menschen angetan wird», sagt Trauma-Therapeutin Johanna Hersberger von der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Dazu gehören kriegerische Konflikte, Folter oder Vergewaltigung». Unfälle oder Naturereignisse seien in der Regel einfacher zu verarbeiten. In Ländern wie Syrien, wo in den vergangenen zwei Jahren 80‘000 Menschen getötet wurden und Millionen Frauen, Männer und Kinder auf der Flucht sind, ist deshalb mit sehr vielen traumatisierten Menschen zu rechnen.

Die ständige Angst vor der Angst

Kurt Pelda reist als Kriegsberichterstatter regelmässig nach Syrien. Er beobachtet, dass die Menschen dort zum einen extrem unter dem Gefühl leiden, von der Welt im Stich gelassen zu werden. Andererseits versetzen sie die andauernden Luftangriffe in Angst und Schrecken. Ein Gefühl, das Pelda nach vielen Jahren in Krisengebieten nur zu gut kennt: «Selbst wenn ich in der Schweiz Kampf-Jets, Hubschrauber oder Feuerwerkskörper höre, schrecke ich sofort auf.»

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Was passiert im Kopf?

Kern eines psychischen Traumas ist eine Konfusion von Vergangenheit und Gegenwart. Traumatisierte Menschen bleiben «stecken» im Horror, den sie durchgemacht haben. Ihr Gehirn kann das Erlebte zeitlich nicht korrekt abspeichern. Sie werden von Erinnerungen überflutet und erleben sie derart intensiv, als passierten sie im Hier und Jetzt.

Solche einschiessenden, unkontrollierbaren Erinnerungen und Ängste – meist durch ein harmloses Geräusch, einen Geruch oder eine Berührung ausgelöst – gehören zu den häufigsten Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Traumatisierte Menschen vermeiden deshalb in der Regel Orte und Situationen, in denen die angsterregenden Erinnerungen, sogenannte «Flashbacks», ausgelöst werden könnten. Eine ständige innere Anspannung und die konstante Angst vor der Angst versetzen die Betroffenen in einen permanenten Ausnahmezustand.

Für Aussenstehende sind die Wesensveränderungen, die viele Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) entwickeln, oft die auffälligsten Symptome. Vormals ausgeglichene und kontaktfreudige Menschen reagieren empfindlich, sind reizbar und aggressiv. Sie ziehen sich zurück oder vermeiden ganz den Kontakt zu anderen Menschen.

Selbst Menschenrechtler töten plötzlich gnadenlos

Kriegsreporter Pelda hat solche Entwicklungen selber beobachtet. Er besucht und begleitet regelmässig eine Gruppe syrischer Rebellen. Diese jungen Männer hätten sich im Verlauf des Kriegs innerlich und äusserlich massiv verändert: «Sie sind um zehn bis fünfzehn Jahre gealtert und sie sind härter und gnadenloser geworden. Menschen, die sich früher für die Menschenrechte einsetzten, schrecken heute nicht mehr davor zurück, gegnerische Soldaten und Zivilisten auf grausamste Art und Weise zu töten.»

Ein junger Mann und ein Junge halten ihre Maschinengewehre in den Händen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Die Menschen werden härter und gnadenloser»: Ein Kämpfer der Syrischen Befreiungsarmee und ein Junge zeigen ihre Waffen. Reuters

Eine solche Brutalisierung sei eine typische Bewältigungsstrategie, sagt Psychotherapeutin und Notfallpsychologin Johanna Hersberger. Sie helfe im Verlauf von Extremereignissen, ein Gefühl der Kontrolle aufrecht zu erhalten. Erfahrungsgemäss gelinge es ehemaligen Soldaten und Kämpfern aber nur schlecht, ihr Verhalten nach dem Kriegseinsatz zu verändern und sich wieder in das zivile Leben einzuordnen.

Der Körper ist auf Krieg getrimmt

Ein Phänomen, das beispielsweise bei Afghanistan-Veteranen gut erforscht ist: «Der Körper dieser Menschen ist auf Krieg getrimmt. Das Stresshormon Adrenalin wird schneller ausgeschüttet und die Betroffenen neigen zu übermässigen Schreckreaktionen und Zornesausbrüchen. Diese erhöhte psychische und physische Erregbarkeit führt oft zu extrem aggressivem Verhalten in der Familie, aber auch im weiteren Umfeld.»

Kriegstraumatisierungen sind somit eine Hypothek, die nicht nur die einzelnen Betroffenen, sondern ein ganzes Land für viele Jahrzehnte enorm belasten können.