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Eine weibliche Antwort auf Charles Darwin
Aus Wissenschaftsmagazin vom 04.12.2021.
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Kritik an Evolutionstheorie Worin Darwin falsch lag

Wie wertvoll Diversität ist, zeigt die Kritik der Theologin Antoinette Brown Blackwell an Darwins Evolutionstheorie. Leider blieb sie ungelesen.

Antoinette Brown Blackwell war hin und weg, als sie Charles Darwins Buch «Über die Entstehung der Arten» las. Mit seiner Evolutionstheorie hatte der Brite die Welt 1859 auf den Kopf gestellt und die schier unendliche Vielfalt in der Tier- und Pflanzenwelt plausibel hergeleitet.

Die Theologin Blackwell aus dem liberalen Bürgertum fand darin Antworten, die die biblische Schöpfungsgeschichte sinnvoll ergänzten.

Doch als Darwin zwölf Jahre später «Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl» veröffentlichte, war die Euphorie weg.

Der Mann ist die Ausnahme von der Regel

Darwin ging davon aus, dass der Menschen-Mann die Evolution auf den Kopf gestellt habe. Während in der Tierwelt fast immer die Männchen um die Gunst der Weibchen buhlten, sei es beim Menschen genau andersrum: Hier machten sich die Frauen schön. Für Darwin war das verwirrend.

Er kam zu dem Schluss: «Der Mann ist an Körper und Geist kraftvoller als die Frau, und im wilden Zustande hält er dieselbe in einem viel unterwürfigeren Stande der Knechtschaft, als es das Männchen irgendeines anderen Tieres tut; es ist daher nicht überraschend, dass er das Vermögen der Wahl erlangt hat.»

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Charles Darwin und seine Evolutionstheorie
02:59 min, aus Tageschronik vom 24.11.2015.
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Und so, oder so ähnlich, wurde es Jahrhunderte lang praktiziert: Die Männer kasperten untereinander aus, wer denn nun der geeignetste Ehemann für die Tochter, Schwester oder Cousine ist – und die hatte sich zu fügen. Antoinette Brown Blackwell konnte das so nicht stehen lassen.

Kooperation ist besser als Konfrontation

Sie wies auf einen blinden Fleck in dieser Argumentation hin: Darwin habe die kulturelle Konvention, die Frauen in der Gesellschaft auf die Ersatzbank verwies, auf unzulässige Weise «naturalisiert» und dabei ignoriert, dass der Mensch abseits seiner biologischen Vorgaben auch zu eigenen Entscheidungen fähig ist.

Über Antoinette Brown Blackwell

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Legende: Library of Congress

Die Theologin kam am 20. Mai 1825 in Henrietta im Bundesstaat New York zur Welt. Sie studierte am Oberlin College Theologie und liess sich 1853 in Wayne County zur ersten weiblichen Pastorin der USA ordinieren.

Mit 31 Jahren heiratete sie den Kaufmann Samuel Blackwell und arbeitete auch nach der Hochzeit und der Geburt von insgesamt sieben Kindern als Predigerin und machte Vortragsreisen.

Sie galt als herausragende Rednerin und scharfsinnige Theologin. Am 5. November 1921 starb Antoinette Brown Blackwell in Elisabeth/New Jersey. Nach dem Tod wurde es still um sie.

In ihrem Buch «The sexes throughout nature» entgegnete sie 1875, dass das «Projekt Menschheit» nur gelingen könne, wenn man die Menschen als Spezies betrachte. Demnach würden Männer und Frauen, Schwarze und Weisse, Starke und Schwache nicht miteinander im Wettbewerb stehen – sie müssten kooperieren.

Männer: mehr als Hirn, Samen und Muckis

Und wie viele Vögel gemeinsame Brutpflege betreiben, habe auch der Menschen-Mann mehr zu bieten als nur Hirn, Samen und Muckis – nämlich seine Bereitschaft, sich an der Kindererziehung zu beteiligen.

Entsprechend müssten Männer auch ein ganz natürliches Interesse an diesem Job haben, damit Frauen – zum Wohle der Menschheit – auf anderen Gebieten glänzen könnten.

Zusammenarbeit wäre die Lösung gewesen

Für Meike Stoverock lesen sich Brown Blackwells Thesen wie moderne feministische Forderungen. Die Biologin und Autorin kritisiert jedoch, dass Brown Blackwell in die gleiche Falle tappte wie zuvor Charles Darwin. «Während Darwins Theorie erklärt, warum die Welt des 19. Jahrhunderts so sein musste, wie sie war, erklärt ihre Theorie, warum die Welt so sein sollte, wie sie sie gerne hätte.»

In einem diversen Team hätten die beiden einander auf ihre blinden Flecken hinweisen können. Und kann man die Frage stellen, wie die wissenschaftliche Debatte verlaufen wäre, hätte Darwin Antoinette Brown Blackwell damals zugehört.

Sie hat Darwin ihr Buch zugeschickt. Aber nach allem, was wir wissen, hat er es wohl nie gelesen.

Wissenschaftsmagazin, 04.12.2021, 12:40 Uhr

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44 Kommentare

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  • Kommentar von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
    Ein wiederkehrendes Problem bei der Interpretation Darwins im deutschsprachigen Raum ist, dass „survival of the fittest“ ständig falsch übersetzt wird. „Fit“ bedeutet in diesem Kontext eigentlich „angepasst“, nicht „stark“. Was wir heute über Darwins Theorien hinausgehend, diese aber nicht widerlegend, wissen, ist dass nicht nur Selektion entscheidend ist, sondern dass Eigenschaften direkt vererbt werden können. Stichwort: Epigenetik.
    1. Antwort von Joseph de Mol  (Molensepp)
      Mindestens ebenso wichtig ist der zweite Teil des Titels der Originalausgabe: Or the preservation of favoured races in the struggle for life. Liefert die Legitimation und die Basis für Eugenik der späteren Jahrzehnte und Jahrhunderte. Francis Galton, der spätere Begründer der Eugenik war ein Cousin von Charles Darwin. Und ebenso ein Teil des Familienclans Darwin/Wedgwood/Galton/Huxley, welche bei der British Eugenics Society über Dekaden tonangebend waren und bis heute sehr einflussreich sind.
    2. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Herr Kleffel, Ich bin nur teilweise Ihrer Meinung. Es gibt Tierarten, bei denen eindeutig der Stärkere durch gewonnenen Kampf zur Fortpflanzung kommt, oder durch Cleverness. Nestbau kann entscheiden über die Gunst der weiblichen Seite. Tiere und Pflanzen haben sich nach ihren Bedürfnissen, ihrem Umfeld und auch spontan weiter entwickelt. Von Monogamie bis zu verschiedenen Partnern gleichzeitig, ist praktisch alles vertreten. Verhalten ist oft angeboren, aber auch erlernt und wird weitergegeben.
  • Kommentar von Felix Stern  (Felix Stern)
    Darwin hat das Paradoxon schon richtig erkannt: Warum putzen sich beim menschen die Frauen so heraus, wie sie es tun? Mit der gesellschaft des 19. JH hat es nichts am Hut. Stoverok liegt falsch. Je freier Frauen sind um so eher stellen sie ihre Sexualität zur Schau.

    Der Grund ist eher, dass sich Menschen als Mitglieder hierarchischer Gruppen verstehen und ihre Stellung in dieser Gruppe wichtig ist. Die sexualle Attraktivität spielt hierbei eine grosse Rolle.
  • Kommentar von Felix Stern  (Felix Stern)
    Frau Blackwell hat also 1875 ein eigenes Buch publiziert und Darwin's Werk gegenüber gestellt. Soviel zu der Behauptung, dass Frauen im 19. Jahrhundert keine Rechte hatten.
    1. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      "In der Schweiz konnte das Frauenstudium relativ früh Fuss fassen: 1840 verzeichnete die Univerität Zürich die ersten Gasthörerinnen, ab 1867 waren Frauen zum ordentlichen Studium zugelassen. In England, Russland und Skandinavien waren Frauen seit den 1870er Jahren, in Spanien, Belgien und Serbien seit den 1880er Jahren zum Studium zugelassen."

      "Soviel zu der Behauptung, dass Frauen im 19. Jahrhundert keine Rechte hatten."

      Ich empfehle Ihnen die genannte Website zu besuchen. Es lohnt!
    2. Antwort von Jana Mutlin  (JaMu)
      Er (Darwin) hat es anscheinend nie gelesen, woraus man ableiten könnte, dass er es für unwichtig (oder sogar unmöglich) hielt dass eine Frau überhaupt etwas vernünftiges zu diesem Thema schreiben könnte...
      Und nein, Frauen im 19.Jahrhundert hatten keine Rechte. Sogar bis ins 20.Jahrhundert hinein, durften Frauen nur via einen Hintertür in einer Uni hinein...