Zum Inhalt springen

Header

Audio
Spätfolgen von Schul-Mobbing
Aus Wissenschaftsmagazin vom 24.08.2013.
abspielen. Laufzeit 05:50 Minuten.
Inhalt

Mensch Mobbing in der Kindheit hat Spätfolgen

Nach den Ferien freuen sich viele Kinder auf die Schule. Aber nicht alle. Für einige – im Durchschnitt eines pro Schulklasse – beginnt der Leidensweg von Neuem. Kinder, die in der Schule gemobbt werden, können dies auch im Erwachsenenalter noch spüren, sagt nun eine neue Studie.

Es beginnt vielleicht ganz harmlos, mit ein paar gemeinen Neckereien. «Der Kevin ist ein Fettsack, der Kevin ist ein Fettsack». Oder die Augen werden verdreht, sobald Kevin etwas sagt, und jemand macht noch seinen Massstab kaputt.

Der Übergang von einer Neckerei zum Mobbing ist fliessend. Eine einmalige Rauferei auf dem Pausenhof kann ganz harmlos sein. Wenn das Plagen und Quälen aber nicht mehr aufhört, handelt es sich um Mobbing – wenn es also schon wieder Kevin ist, der eine Tracht Prügel einstecken muss.

Zwei Jungen attackieren einen dritten Jungen.
Legende: Der Übergang ist fliessend: Was anfangs noch als harmlose Prügelei durchgeht, wird zum Mobbing, wenn immer wieder dasselbe Kind angegriffen wird. Colourbox

«Mobbing ist anders als normale Konflikte zwischen Kindern. Mobbing ist ein Machtmissbrauch und es handelt sich um Aggressionen, die immer wieder stattfinden», erzählt Dieter Wolke, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Warwick in England. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen. Dieter Wolke zeigt nun in einer neuen Studie: Kevin leidet womöglich auch als Erwachsener noch an den Spätfolgen des Mobbings.

Wenn es richtig ernst wird

In dieser gross angelegten Studie stützt sich Dieter Wolke auf Daten aus den USA. In der «Great Smoky Mountains Study», Link öffnet in einem neuen Fenster wurden 1420 Personen als 9- bis 13-jährige Kinder befragt, und später noch einmal, als Erwachsene im Alter zwischen 19 und 26 Jahren. Dabei zeigte sich, dass die Erwachsenen, die als Kinder gemobbt wurden, deutlich häufiger Probleme hatten als Erwachsene, die nie gemobbt wurden. Und zwar eine ganze Palette an sozialen und gesundheitlichen Problemen.

So zeigten diese Erwachsenen häufiger Mühe, eine Arbeitsstelle zu behalten, als die Vergleichsgruppe. Sie hatten auch mehr Schwierigkeiten, Freunde zu finden und diese zu behalten. Aber auch Auswirkungen auf die Gesundheit konnte die Studie feststellen: Menschen, die als Kinder gemobbt wurden, zeigen eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen und auch für chronische Krankheiten wie Diabetes.

Spätfolgen sind unabhängig vom Umfeld

Das Neue an der Studie ist, dass die Autoren schon Daten über die Kinder hatten, bevor diese gemobbt wurden. Informationen über Familienverhältnisse und Gesundheit wurden anhand intensiver persönlicher Befragungen evaluiert. Dadurch war es möglich, die Effekte von bereits vorhandenen sozialen oder gesundheitlichen Problemen herauszurechnen. Das Resultat war immer noch signifikant: Als Kind gemobbte Erwachsene zeigten mehr Schwierigkeiten im Leben, als nicht gemobbte, egal in welchem Umfeld sie aufwuchsen.

Video
Mobbing im Internet: Eine Schülerin über ihre Leidensgeschichte
Aus SRF mySchool vom 23.04.2013.
abspielen

Das Problem ist allerdings sehr komplex und zudem wurde die Untersuchung nicht in Europa durchgeführt. Studienautor Dieter Wolke ist allerdings überzeugt, dass die Daten seiner Studie durchaus auf europäische Verhältnisse übertragbar sind: «Wir arbeiten zurzeit an einer grossen Studie in England, mit 14'000 Kindern, deren Entwicklung wir schon seit 18 Jahren verfolgen. Und die Resultate zeigen alle in die gleiche Richtung wie die aktuelle Studie.»

Früherkennung ist wichtig

Die Indizien scheinen sich also zu verdichten, dass Mobbing in der Schule bis ins Erwachsenenalter hineinwirken kann. Dies zeigt die Wichtigkeit der Prävention in den Schulen. Tatsächlich läuft sie bereits vielerorts und ist erstaunlicherweise recht einfach in ihrer Anwendung. Vor allem werden Lehrpersonen schon in ihrer Ausbildung für das Thema sensibilisiert, denn sie spielen eine wichtige Rolle in der Früherkennung. Wenn nämlich Mobbing im Beisein einer Lehrperson stattfinden kann, weil die nicht realisiert, was geschieht, dann erhält das Mobbing eine Legitimierung. In der Folge wird es noch schlimmer für die Betroffenen. Die Lehrperson muss also unterscheiden können zwischen einer normalen Rauferei, die nicht unterbunden werden muss, und dem systematischen «fertig machen» einer Einzelperson.

Ist das Mobbing bereits in vollem Gang, lässt es sich durch eine Intervention einer externen Fachperson relativ simpel lösen. Der sogenannte «No Blame Approach» schafft es in rund fünf Sitzungen, verteilt über mehrere Wochen, dass in einer Klasse wieder Ruhe einkehrt. Für das Mobbing-Opfer wird eine «Helfergruppe» innerhalb der Klasse gebildet. Diese Gruppe unterstützt das gemobbte Kind, indem sie ihm beispielsweise bei den Hausaufgaben hilft, oder es auf dem Schulweg begleitet. Gleichzeitig schützt die Helfergruppe das Opfer so vor weiteren Angriffen. Die Wirksamkeit dieser eigentlich recht einfachen Methode, ist sehr gross. Dies zeigt zumindest eine Evaluation von 220 Fällen, Link öffnet in einem neuen Fenster, bei der eine Erfolgsquote von fast 90 Prozent gefunden wurde. Auch direkt involvierte Fachleute von der Pädagogischen Hochschule Zürich bestätigen die guten Erfolgsaussichten.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Brigitte Berger , Strengelbach
    Diesen Leidensweg kenne ich nur zu gut. Selbst erlebt als Kind und noch einmal durchgelebt als eines meiner Kinder gemobbt wurde. Dieser Artikel bestätigt mich einmal mehr, wie achtsam man sein muss im Umgang mit Kindern und sich selbst!
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Hans Knecht , Torny
    Mobbing ist etwas hässlichen das echtes Teamwork und den Zusammenhalt einer Gruppe von innen zerstört. Interessant dabei ist auch die Ursachenforschung. Was denken/fühlen die Kinder sich dabei, in der Regel die beliebtesten Personen einen Gruppe, wenn sie beginnen Mitmenschen zu mobben?
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Hans Knecht , Torny
    Es gibt m.E. weitere Effenkte wenn die Autoritätsperson nicht einschreitet. So zum Beispiel wird durch die Passivität Mobbing als Mittel um seinen Willen durchzusetzen legitimiert. In der Folge geht dann in der Berufswelt jeder "Intrigant" hin und bedient sich dem Mobbing um z.B. Arbeitskollegen die der Karriere in Weg sind wegzumobben, oder um das eigene Königreich abzusichern, oder um immer die interessanten Arbeiten für sich zu ergattern und Konkurrenz aus dem Weg zu schieben, usw.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten