Auf dem grossen Bildschirm flackert ein Kaminfeuer, die Lichter sind gedimmt. Manuel freut sich, als sein Date Mia May, eine Escort-Dame, ins Zimmer tritt.
Die Begrüssung wirkt vertraut, ein Kuss auf die Wange, ein lockeres «Läuft’s?». Ein Moment der Normalität in einem Alltag, in dem sein Körper immer weniger mitmacht.
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Bild 1 von 3. Escort Mia May stattet Manuel im Wohnheim einen Besuch ab. Intimität auf Bestellung, die er sechsmal im Jahr in Anspruch nehmen kann. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Mia May bringt als Geschenk einen Jahreskalender mit Bildern von ihr mit. «Für Manu» schreibt sie von Hand drauf. Inklusive Herzen. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. «Sie ist so offen», sagt Manuel über Mia. «Nicht nur ohne Kleider – auch im Herzen.». Bildquelle: SRF.
Manuel Weibel ist 33 Jahre alt und wurde mit Muskeldystrophie Duchenne geboren, einer genetisch bedingten Muskelerkrankung, die schon im Kindesalter zu fortschreitendem Muskelschwund führt. Heute fällt ihm selbst das Atmen schwer.
Dann bin ich einfach ins Internet und habe Mia gefunden. Es war eine gute Anzeige.
Er lebt in der Mathilde-Escher-Stiftung in Zürich, einer Institution für Menschen mit schweren Muskelerkrankungen. Dort gehört auch der Zugang zu Intimität zur Betreuung – ermöglicht durch Spendengelder, denn in der Schweiz wird Sexualbegleitung nicht öffentlich finanziert.
Für Manuel bedeutet Sexualität einerseits ein Stück Freiheit, andererseits einen Kampf gegen die Sterblichkeit. Sechsmal im Jahr kann er sich auf diese Reise begeben. Dieses Mal ist es wieder Mia. «Sexualtherapeutinnen habe ich schon auch angeschaut, aber die Auswahl ist begrenzt», sagt er. «Dann bin ich einfach ins Internet und habe Mia gefunden. Es war eine gute Anzeige.»
Die Stiftung orientiert sich an der Pflegetheorie von Nancy Roper. Das Modell versteht Pflege ganzheitlich – als Unterstützung all jener Lebensbereiche, die Menschen ausmachen. Dazu zählt auch, Beziehungen zu gestalten und sich als sexuelles Wesen wahrzunehmen. Für Manuel ist Intimität deshalb nicht etwas Zusätzliches, sondern Teil seiner Lebensqualität.
Nähe im Spannungsfeld von Strukturen
Die WHO definiert sexuelle Gesundheit als Zustand körperlichen, emotionalen und sozialen Wohlbefindens. Die Vereinigung Cerebral Schweiz betont, dass Intimität, Nähe und sinnliche Erfahrungen zu einem erfüllten Leben gehören – auch für Menschen, deren Körper Grenzen setzt.
Doch genau dieser Bereich bleibt in vielen Institutionen schwer zugänglich. Die Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik (2023) zeigt auf, dass intime Bedürfnisse oft nicht gelebt werden können – wegen Tabus, fehlender Privatsphäre oder mangelnder Strukturen. Rechtlich ist Selbstbestimmung garantiert, praktisch aber häufig eingeschränkt.
Die Mathilde-Escher-Stiftung blendet dieses Thema nicht aus. Sie schafft Bedingungen, unter denen Nähe möglich ist – so, wie es die Bewohnerinnen und Bewohner wünschen. Für Manuel ist das entscheidend. «Sie ist so offen», sagt er über Mia. «Nicht nur ohne Kleider – auch im Herzen.»
Ein genussvoller Moment fernab der Krankheit
Als Mia ihn an diesem Abend nach seinen Vorstellungen fragt, wünscht er sich: «Go with the flow.» Kein Plan, keine Erwartungen. Nur ein Augenblick, den er sich nehmen darf. Ein Augenblick, der zeigt, dass Intimität kein Randthema ist – sondern Teil eines Lebens, das trotz Krankheit weitergelebt wird.