Sammlungen in Gefahr

Ein Bericht der Universität Basel zeigt, dass die wissenschaftlichen Sammlungen teils in einem problematischen Zustand sind – und Verantwortlichkeiten häufig nicht geklärt. «Einstein» wollte mit einer Umfrage erfahren, wie die Situation an anderen grossen Hochschulen in der Deutschschweiz ist.

Fasziniert betrachtet ein Besucher die «Nass»-Sammlung des Berliner Museums für Naturkunde. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Millionenwert für die Öffentlichkeit: Fasziniert betrachtet ein Besucher die «Nass»-Sammlung des Berliner Museums für Naturkunde. Reuters

In der Schweiz gibt es hunderte wissenschaftlicher Sammlungen. Sie gehören zum kulturellen Erbe und sind im Schweizerischen Kulturgüterschutz-Gesetz aufgeführt. Die grösste Bedeutung haben sie heute für die Forschung.

Diese Fisch-Exponate überdauern in Alkohol Jahrzehnte – für die Forschung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eingelegt: Diese Fisch-Präparate der Berliner Sammlung überdauern in Alkohol Jahrzehnte. Reuters

Ein Beispiel: Nur dank der DNA-Analysen einer historischen Fisch-Sammlung konnten Wissenschaftler der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs, vor zwei Jahren in einer weltweit beachteten Studie nachweisen, wie viele Arten in Schweizer Seen bereits ausgestorben sind. Eine Sammlung notabene, welche die Forscher zuvor aus einem Abfall-Container gerettet hatten.

Der Wert von wissenschaftlichen Sammlungen müsste also unbestritten sein. Das SRF-Wissensmagazin «Einstein» wollte darum mit einer nicht-repräsentativen Umfrage von den Universitäten Bern, Basel, Zürich und der ETH Zürich wissen, wie sie ihre Verantwortung für die Sammlungen wahrnehmen.

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Details zur Umfrage

Anfang Januar 2014 hat «Einstein» den Universitäten Bern, Basel, Zürich und der ETH Zürich einen Fragebogen zugestellt. Er enthielt 9 Fragen zur personellen Verantwortung für wissenschaftliche Sammlungen sowie zu Richtlinien und Budgets. Ausführlich antworteten ETH Zürich und Universität Bern; kurz gefasst hat sich die Universität Zürich.

Die Antworten sind ernüchternd: Die angefragten Hochschulen haben laut der Umfrage

  • keine institutsübergreifenden Richtlinien für den Umgang mit wissenschaftlichen Sammlungen.
  • keinen Gesamtüberblick über die Mittel, die sie für ihre Sammlungen einsetzen. Es fehlen Budgets für Sammlungen; die Kosten werden über allgemeine Betriebskredite abgerechnet.

Die Probleme liegen in der Geschichte der Sammlungen begründet, deren Hochblüte das ausgehende 19. Jahrhundert war. Meist als universitäre Lehrsammlungen aufgebaut, stieg mit der Möglichkeit von Gen-Analysen auch das Interesse der Forscher stark: Gerade in der hochaktuellen Biodiversitäts-Forschung sind viele Sammlungen als Referenz-Genpool mittlerweile unverzichtbar.

«  Die Institute haben häufig weder Geld, Platz noch Zeit »

Flavio Häner
Fachmann für Sammlungen

Die Sammlungen sind heute im besten Fall im Besitz von universitären Museen, zu deren Kerngeschäft die Betreuung und die Pflege von Präparaten und Objekten gehört. Oft aber liegt die Verantwortung bei einzelnen Instituten oder Professoren. Der Historiker Flavio Häner befasst sich seit Jahren mit Sammlungen und weiss: «Die Institute haben häufig weder Geld, Platz noch Zeit und die Professoren oft kein Interesse, sich um ihre Sammlungen zu kümmern. Besonders wenn diese ihre aktuelle Forschung nicht tangieren.»

Die Folgen sind laut Häner gravierend: «Sammlungen werden oft stark vernachlässigt oder gar entsorgt und sind so für künftige Forschergenerationen für immer verloren.»

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Was gilt als Sammlung?

Was gilt als Sammlung?

Als wissenschaftliche Sammlungen werden biologische, geologische oder ethnologische Objekt-Sammlungen bezeichnet, nicht aber Bibliotheken oder Archive. In der Schweiz lagern Millionen von Objekten von unschätzbarem Wert. Das Naturhistorische Museum London hat geschätzt, was die Beschaffung seiner Sammlungen heute kosten würde: 45 Milliarden Euro.

Sammlungs-Berichte in Zürich und Basel

Die ETH Zürich lässt zurzeit einen Bericht über die aktuelle Situation und künftige Strategien erstellen. Einen Bericht zu den Sammlungen hat die Universität Basel bereits publiziert.

Verfasser ist des Basler Berichts ist der Sammlungs-Experte Flavio Häner. «Viele Sammlungs-Objekte der Uni Basel sind nicht ausreichend dokumentiert», sagt er, «ihre Konservierung ist nicht gewährleistet und die Verantwortung für die Objekte ist nicht klar definiert.»

Geldmangel als Gefahr für Sammlungen

Wenn Basel als erste Hochschule solch schwerwiegende Mängel eingesteht, wie gross ist der Handlungsbedarf bei anderen Schweizer Hochschulen? Historiker Flavio Häner macht sich keine Illusionen: «An einer Fachtagung im letzten Herbst hat sich gezeigt, dass Schweizer Hochschulen zu wenig Mittel für den Erhalt ihrer Sammlungen einsetzen.»

Das Ausland als Vorbild?

Häner fordert darum ein nationales Gremium, das künftig die Verantwortung für die wissenschaftlichen Sammlungen übernimmt, so wie die Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen in Deutschland. Für den Sammlungsexperten ist klar: Es muss Aufgabe des Bundes sein, dieses kulturelle Erbe auch für künftige Forschergenerationen zu erhalten.

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