Pornografie! Als ich hörte, dass wir darüber eine «Puls»-Sendung mit mir als Host machen würden, sträubte sich alles in mir. Dem Reizthema gehe ich lieber aus dem Weg – und bin eigentlich davon ausgegangen, dass es den meisten anderen auch so geht.
Doch die nackten Zahlen zeigen ein anderes Bild: Laut Umfragen in der DACH-Region konsumieren rund 90 Prozent der Männer und über die Hälfte aller Frauen in Deutschland, Österreich und der Schweiz Pornografie. In der Schweiz generieren grosse Porno-Plattformen mehr Klicks als grosse Medienhäuser oder die SBB.
So viele Klicks, aber niemand redet darüber. Während der Dreharbeiten zur Sendung wird mir klar: Genau dieses Schweigen ist Teil des Problems.
Früher Kontakt – oft ungefragt
Mein erster Dreh führt mich in eine Schule. Zwei Jugendliche erzählen offen von ihren ersten Begegnungen mit Pornografie, schon im Grundschulalter. Ein Mädchen erhielt mit sieben Jahren über Snapchat ein Nacktbild von einem erwachsenen Mann. Ein Junge sah mit fünf ein Pornovideo. Eine ältere Schülerin zeigte es ihm.
Was mich besonders trifft: Die Kinder haben nicht danach gesucht. Die Inhalte kamen zu ihnen. Als Mutter erschüttert mich das.
Pornografie ist jederzeit verfügbar – auch für Kinder und Jugendliche. Gerade deshalb wäre ein offener Umgang wichtig. Doch oft passiert das Gegenteil: Das Thema bleibt tabu.
Was Eltern tun können
Doch wie spricht man mit Kindern darüber? Die Sexologin und Paartherapeutin Ursina Donatsch rät, das Thema früh und altersgerecht anzusprechen.
Kinder sollten früh wissen, dass sie online auf Nacktheit oder sexuelle Inhalte stossen können. Denn je älter sie werden, desto schwieriger werden solche Gespräche. Laut Donatsch orientieren sich Kinder in jungen Jahren stärker an ihren Eltern als später in der Pubertät. Diese Phase sollten Eltern nutzen. Wann genau solche Gespräche stattfinden sollen, hängt vom jeweiligen Kind ab – Eltern kennen dessen Entwicklung meist am besten.
Ich merke, dass mich nur schon die Vorstellung verunsichert, in Zukunft mit meinem Sohn darüber sprechen zu müssen. Wie soll ich das bloss angehen?
Direkte Fragen können Kinder überfordern. Oft reicht es, das Thema beiläufig in den Raum zu stellen.
Ursina Donatsch empfiehlt, nicht das eine «grosse» Aufklärungsgespräch zu planen. Stattdessen rät sie dazu, das Thema frühzeitig und immer wieder in kleinen Gesprächseinheiten anzusprechen. Direkte Fragen an die Kinder können überfordern. «Oft reicht es, das Thema beiläufig in den Raum zu stellen.»
Ein möglicher Einstieg könnte sein: «Ich habe in einem Artikel gelesen, dass Kinder im Internet manchmal nackte Menschen oder sexuelle Inhalte sehen können.» Dann könne man beobachten, wie das Kind reagiert, ohne Druck aufzubauen.
Ich merke, wie sich meine Haltung während den Dreharbeiten verändert. Wegschauen ist für mich keine Option mehr.
Kinder sich mitteilen lassen
Wenn das Kind das Gespräch mit Eltern sucht und von den eigenen Eindrücken erzählt, sei vor allem wichtig: Alle Reaktionen sind erlaubt. Das Kind darf Ekel, Scham, aber auch Neugier empfinden. Eltern sollten Pornografie weder beschönigen noch verteufeln – denn Pornografie ist schlicht eine Realität.
Entscheidend sei, dass sich die Kinder mitteilen können. Mit dem Ziel, sie im Umgang mit Pornografie oder sexualisierten Inhalten zu begleiten – und sie nicht damit allein zu lassen.
Auch Patrick Kolöffel, Sexualpädagoge von der Berner Gesundheit kennt die Herausforderung von Pornokonsum in jungen Jahren. Er macht seit 17 Jahren Aufklärungsarbeit an Schulen vom Kanton Bern.
Und er kennt Eltern, die sich solche Gespräche nicht vorstellen können oder sie schlicht nicht wollen. Das sei o. k., meint er und hat auch für sie einen Tipp: Wenn sie nicht selbst darüber sprechen wollen, könnte vielleicht jemand in ihrem Umfeld diese Aufgabe übernehmen. Vielleicht gibt es einen Götti, eine Tante oder auch eine Fachperson, die das Thema aufnehmen kann.
Das erste Mal Sex ausprobieren und dabei einen Porno nachstellen wollen, ist eine schlechte Idee.
Patrick Kolöffel stellt klar, dass die Aufklärung über Pornos eine wichtige Erziehungsaufgabe ist: Wenn Jugendliche nicht begleitet sind oder Sexualität als Thema in ihrem Umfeld tabuisiert wird, kann es problematisch werden. Ist Pornografie der Hauptzugang zur Thematik, so können sie eine verzerrte Wahrnehmung von echter Sexualität erhalten.
In seinen Workshops erklärt er den Schülerinnen und Schülern, dass es eine schlechte Idee sei, Pornos zu schauen und das bei den ersten eigenen Erfahrungen mit Sex nachzuspielen. Pornografie und echte Sexualität seien nicht das Gleiche.
Pornosucht bei Erwachsenen
Die frühen Erfahrungen im Jugendalter können auch Folgen im Erwachsenenalter haben. Für die allermeisten bleibt Pornografie bedenkenlos. Doch rund vier Prozent entwickeln eine problematische Nutzung.
Ich treffe zwei Männer, die anonym von ihrer Sucht erzählen. Beide berichten, wie sie zunehmend die Kontrolle verloren haben und sich isolierten.
Pornografie habe ihr Frauenbild geprägt, sagen sie. «Alles, was ich zu wissen glaubte, kam aus Pornos. Ein toxisches Bild.»
Beide dachten, eine Beziehung würde das Problem lösen. Doch das entpuppte sich als Irrglaube. «Pornografie hat wenig mit echter Sexualität zu tun», sagt einer. «Es ging mir um Betäubung.»
Der Umgang damit ist unterschiedlich: Einer spricht offen mit seiner Partnerin, der andere sucht Hilfe in Therapie.
Pornos und Partnerschaft
Genau hier setzt Ursina Donatsch in ihrem Buch «Pornos und Partnerschaft» an. Sie zeigt: Pornografie ist in vielen Beziehungen ein Tabu – und genau das kann zu Konflikten führen.
Heimlicher Konsum wird oft als Vertrauensbruch erlebt. Entscheidend sei deshalb, offen darüber zu sprechen. Pornografie müsse nicht grundsätzlich schädlich sein – problematisch werde es vor allem dann, wenn der Konsum ausser Kontrolle gerät oder reale Intimität verdrängt.
Ob in Beziehungen, bei problematischem Konsum oder in der Aufklärung von Kindern: Das eigentliche Problem ist das Schweigen. Erst wenn wir über Pornografie sprechen, lassen sich Missverständnisse, Konflikte und Risiken einordnen.
Deshalb bin ich heute auch froh, dass ich mich durch meine Arbeit gewissermassen gezwungen sah, mich intensiv mit dem Thema Pornografie auseinanderzusetzen. Freiwillig hätte ich mir diese Aufgabe wohl kaum ausgesucht.
Am meisten bleibt mir, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche zu begleiten, wenn sie auf pornografische oder sexualisierte Inhalte stossen.
Rückblickend hat sich diese Auseinandersetzung jedoch klar gelohnt. Ohne unsere Recherche- und Dreharbeiten hätte ich nie so viel über Pornografie, deren Wirkung und vor allem über einen verantwortungsvollen Umgang damit gelernt.
Am meisten bleibt mir, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche zu begleiten, wenn sie auf pornografische oder sexualisierte Inhalte stossen. Das werde ich bei meinem Kind versuchen.
Mitarbeit: Daniel Forrer