Alex ist um die 50. Seinen richtigen Namen möchte der Familienvater nicht nennen. Denn vor knapp zwei Jahren hat eine Kaskade von Stressfaktoren dazu geführt, dass er seinen Führerausweis abgeben musste: ein Streitgespräch am Telefon mit der Ex-Partnerin, eine zeitraubende Strassenumleitung und ein Schleicher vor ihm auf einer 80er-Strecke ausserorts. «Der Zeitdruck und die nervenaufreibende Diskussion sind sicher die Hauptfaktoren, dass es zu dieser unkontrollierten Reaktion gekommen ist», beschreibt Alex sein Tun von damals.
Er drückt aufs Gaspedal, überholt und wird mit 145 km/h geblitzt – mehr als 60 Kilometer pro Stunde zu viel zeigt sein Tacho an. «Mir war sicher nicht zu 100 Prozent klar, was ich da gerade mache», erklärt Alex. «In so einem Moment sind die Gefühle verschwommen, man verliert die Kontrolle, und dann muss das raus.» Der Aussetzer auf der Strasse kostet ihn sein Billett, und er muss in die Verkehrstherapie.
Verkehrstherapie lehrt Umgang mit Kontrollverlust durch Stress
«Die meisten Personen, die zu mir in die Verkehrstherapie müssen, sind jung und männlich», sagt Charlotte Wunsch. Sie ist Verkehrstherapeutin mit einem Büro in Baden und Zürich.
Aufgrund ihrer Erfahrung ist Charlotte Wunsch davon überzeugt, dass Männer mehr Mühe im Umgang mit Gefühlen und Emotionen haben. Dadurch liessen sie sich wahrscheinlich auch schneller provozieren – bis hin zu Schlägereien im Strassenverkehr. Stress am Steuer sei bei ihr in etwa der Hälfte der Fälle ein Thema. «Stress ist ein Gefühl und Gefühle generell sind immer ein Grund, warum Fehler passieren können», ist die Verkehrstherapeutin überzeugt.
Was wird in einer Verkehrstherapie eigentlich gemacht? Mit Klienten wie Alex schaut Wunsch vor allem das Gefahrenbewusstsein an. Zum Beispiel im Kontext der eigenen Reaktionszeit oder auch des Bremswegs.
Stress am Steuer – was nun?
Auch das Thema Zeitmanagement und die Art und Weise, wie sich jemand im Verkehr verhält, sind wichtig. «Über mich habe ich gelernt, dass, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen, die die Gemütslage verändern und Stress auslösen, es dann nicht viel braucht und ich die Nerven verliere», reflektiert Verkehrsdelinquent Alex. Aus der Verkehrstherapie nimmt er mit, dass er in einer ähnlichen Situation sein Auto parkieren, den Motor abstellen und ausser Sichtweite vom Auto einen kurzen Spaziergang machen würde.
Wie Lenkerinnen und Lenker aufkommenden Stress im Fahrzeug reduzieren können, ist aber sehr individuell. Atemtechniken haben Einfluss aufs Nervensystem und können gut helfen, weiss die eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin Charlotte Wunsch. Aber auch Musik oder ein Hörbuch hören, ein Gespräch führen oder laut von 100 rückwärts zählen könnten helfen.
«Das Wichtigste ist, dass man den Fokus von dem, was einen nervt, wegnimmt und sich auf etwas ganz anderes konzentriert», erklärt Charlotte Wunsch. Und je früher man dies in der jeweiligen Situation tue, desto eher liessen sich die aufkommenden Gefühle wieder in den Griff bekommen.
Alex hatte nach der Verkehrstherapie ein positives verkehrspsychologisches Gutachten und darf deshalb nach zwei Jahren ohne Führerausweis wieder ans Steuer.
Täglich auf der Strasse – Traumjob oder Albtraum?
Anja Leuzinger ist seit 15 Jahren Berufschauffeurin. Seit 10 Jahren lenkt sie auch 40-Tönner. Sie und ihr Mann Christian liefern mit den beiden eigenen Lastwagen Waren an Privat- und Firmenkunden aus – häufig im Auftrag eines grossen Schweizer Transportunternehmens. Es gehört zum Alltag der 40-Jährigen, an bis zu 20 Kunden ausliefern zu müssen und dabei pro Tag um die 300 Kilometer zurückzulegen.
An den zunehmenden Dichtestress auf den Strassen und die immer häufigeren Staus hat sich Anja Leuzinger längst gewöhnt. Es sind eher potenziell gefährliche Situationen, die bei ihr noch Stress auslösen: «Vor allem die Baustellenverengungen auf Autobahnen mit den vielen Bodenwellen und Rillen an den Seiten sind ein Problem», erklärt die Berufschauffeurin, «da ist es schwierig, den Auflieger oder Anhänger ruhig zu halten, da braucht es dreifache Konzentration». Ein generelles Überholverbot in Baustellen wäre deshalb ganz in ihrem Sinn.
Ein Bein im Grab, das andere im Knast
13 Stunden darf die Schicht von Anja dauern. Dabei muss sie sich an diverse Vorschriften und Regeln zur Arbeits-, Lenk- und Ruhezeit halten. Nach viereinhalb Stunden Lenkzeit muss die Lkw-Fahrerin eine Pause einlegen – egal, ob sie müde ist oder nicht und egal, ob Kunden warten.
«Mit einem Bein stehen wir im Grab und mit dem anderen im Knast», beschreibt die Lkw-Fahrerin ihr Gefühl hinter dem Steuer. «Von uns wird Perfektion verlangt, und wenn wir jemanden, der noch rasch vor oder hinter dem Lastwagen im toten Winkel vorbeihuscht, übersehen, sind wir schuld.» Deshalb ihr inständiger Wunsch: «Bitte, tut das nicht!»
Stressfaktor Kundschaft
Stressig ist für Anja Leuzinger häufig auch das Auffinden der Kundschaft und die Situation vor Ort. «Es kann sein, dass sie einen eigenen Hubstapler zum Abladen der Ware haben», erklärt die Berufschauffeurin, «oder aber ich habe Pech und muss selbst mit eigenem Stapler, Hebebühne und Leiter werkeln.» Sie sei verpflichtet, die Ware bis zur Bordsteinkante oder an eine Rampe zu liefern. Fehlt von der Kundschaft jede Spur, macht sie als Beweis für die Lieferung ein Foto der abgelieferten Ware vor Ort.
«Ich stresse nicht, ich mache vorwärts», beschreibt Anja ihre Devise, «ich musste die bittere Erfahrung machen, dass immer dann, wenn ich gestresst habe, ein Unfall passiert ist». Vor Jahren geriet sie in der Eile mit ihrer Hand in einen Betonmischer: «Ich kann von Glück reden, dass die Hand noch dran ist.»
Stressmanagement
Wer Personen oder Güter auf der Strasse transportiert, ist verpflichtet, Weiterbildungskurse zu besuchen. Erst kürzlich hat Anja Leuzinger den Kurs «Grundlagen der Selbstständigkeit» mit dem Modul «Stressmanagement» besucht.
Ihr ist durchaus bewusst, dass zu viel Stress krankmachen und schlimmstenfalls zu Arbeitsausfällen führen kann. Man müsse es sich aber immer wieder bewusst machen. «Mir hilft in stressigen Situationen ein Gespräch mit meinem Mann», weiss Anja Leuzinger, «aber auch meine drei Hunde, die im Lastwagen entsprechend gesichert mitfahren, beruhigen mich.» Sobald sie zu unruhig sei, würde sich die Stimmung auf ihre Shelties, eine Art Mini-Collie, übertragen.
Der Stress auf den Strassen ist vielfältig und nimmt zu, das Problem wird also grösser.
Und leider würde ihr auch das Rauchen helfen, Dampf abzulassen – ein Laster, das sie gerne aufgeben würde. Sandro Burger, Geschäftsführer von «Sandro Burger Transport- und Logistikberatungen» und Kursleiter, sagt dazu, dass es das Kursangebot brauche: «Der Stress auf den Strassen ist vielfältig und nimmt zu, das Problem wird also grösser, aber das Thema wird von den Berufschauffeuren leider nach wie vor unterschätzt.» Das Bewusstmachen sei entscheidend, und Massnahmen zur Förderung der Work-Life-Balance umso wichtiger.
An einem Freitag Ware nach Italien zu liefern, das Wochenende dann dort am Meer verbringen zu können und erst montags mit neuer Ware wieder zurück in die Schweiz zu fahren: Solche Fahrten sind die Rosinen, die Anja Leuzinger und ihr Mann am liebsten picken würden.
Trotz aller Stressfaktoren kann sich Anja keinen schöneren Beruf vorstellen. «Für mich ist es pure Leidenschaft. Ich liebe die Grösse, diese Kraft und dass ich das alles kontrolliere», schwärmt die gebürtige Bündnerin. «Ich habe Aussicht, komme herum und fühle mich trotz vieler Einschränkungen frei.»