Tollwut: Impfung für 20'000 Hunde

In der Schweiz ist die Tollwut ausgerottet, weltweit aber fordert sie noch immer Zehntausende Opfer pro Jahr. Meistens sind es Hunde, die die Menschen anstecken. Da hilft nur, die Tiere zu impfen. So wie es derzeit in Tschad geschieht, in einem Projekt mit Schweizer Beteiligung.

Ein Junge trägt seinen Jund auf den Schultern und hält das Impfzertifikat in die Kamera. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Frisch geimpft: Ein Junge aus Tschad zeigt stolz das Impfzertifikat seines Hundes. SRF

In N'Djaména, der Hauptstadt von Tschad, wimmelt es von Hunden, die frei herum streunen. Beissen sie einen Menschen, ist das für das Opfer lebensgefährlich. Noch Anfang 2012 zählten die Behörden etwa einen tollwütigen Hund pro Woche. Dann begannen sie mit einer grossen Impfkampagne: 18'000 Hunde wurden geimpft. Mit dabei waren auch Jakob Zinsstag und sein Team vom Schweizerischen Tropen- und Public Health Institut. Das Resultat der Kampagne: Diesen September wurde in N'Djaména kein einziger Tollwut-Fall mehr gezählt. Damit die Tollwut nicht aus ländlichen Gebieten wieder eingeschleppt wird, steht nun die zweite Impfrunde an.

SRF: Herr Zinsstag, Sie starten dieses Wochenende in Tschad die zweite Impfkampagne gegen Tollwut. Weshalb impfen Sie nur Hunde? Es gibt ja auch noch andere Tiere, die Tollwut übertragen können.

Jakob Zinsstag: Hunde sind das Hauptreservoir der Tollwut in afrikanischen, südamerikanischen und asiatischen Städten. Wenn wir die Übertragung im Hund unterbrechen, gibt es auch keine Tollwut beim Menschen mehr. In Europa und Osteuropa ist es hingegen der Fuchs, den man impfen muss. In Nordamerika wiederum sind es der Waschbär und das Stinktier. Auch Fledermäuse spielen eine Rolle, aber hauptsächlich bei der Tollwut der Rinder in Südamerika. Dort sterben zirka 1 Million Rinder pro Jahr durch blutsaugende Fledermäuse. Andernorts übertragen Fledermäuse die Tollwut nur sehr selten auf den Menschen.

Zusatzinhalt überspringen

Kampf gegen das Tollwut-Virus

Die Tollwut wird von Viren ausgelöst und verläuft ohne Impfung fast immer tödlich. Nach einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben jährlich 55'000 Menschen an Tollwut, vor allem in Asien und Afrika. Ausrotten lässt sich die Tollwut mit Impfkampagnen. Das ist bisher in etwa 30 Ländern gelungen, auch in der Schweiz.

Das heisst, es gibt auch in anderen Ländern ähnliche Impfkampagnen?

Ja, derzeit zum Beispiel auf den Philippinen und in Indonesien. Die lateinamerikanischen Länder hingegen haben die Tollwut bei Hunden durch eine konzertierte Massenimpfung praktisch schon ausgerottet

Weshalb ist die Impfung der Hunde so wichtig? Man kann Menschen, die gebissen werden, ja auch nach dem Biss noch gegen Tollwut behandeln.

Wenn wir nur die Menschen schützen, unterbrechen wir nie die Übertragung der Tollwut. Nur wenn wir die Träger-Tiere schützen, eliminieren wir die Krankheit und schützen auch den Menschen. Letztlich ist das kostengünstiger als immer nur die betroffenen Menschen zu behandeln. Das haben unsere mathematischen Modelle und ökonomischen Analysen gezeigt.

Wie viele Hunde wollen Sie diesmal impfen?

Wir schätzen die gesamte Hundepopulation in N'Djaména auf 25'500 Tiere. Wenn wir davon 20'000 impfen können, sind wir sehr zufrieden. Das könnte auch gelingen, denn wir arbeiten in langjähriger Partnerschaft mit tschadischen Forschungsinstituten und Behörden. Tschad trägt die Kosten für Personal und Logistik, wir übernehmen die Kosten für Impfstoff und Forschung.

Wie wurde eigentlich die Tollwut in der Schweiz ausgerottet?

Durch eine Massenimpfung der Füchse im Jahr 1996. Die Kampagne der Schweizerischen Tollwutzentrale fing in den frühen 80er Jahren an, als erste in Europa. Professor Steck und sein Team entwickelten einen oralen Impfstoff für Füchse. Ursprünglich versahen sie Hühnerköpfe mit dem Impfstoff. Und diese Köder wurden dann von Jägern und anderen Helfern verteilt, überall wo Füchse sich aufhielten. Auch Helikopter kamen zum Einsatz. Professor Steck starb tragischerweise bei einem Helikopter-Unglück. Doch sein Projekt war ein Erfolg.

In der Schweiz ist die Tollwut also Geschichte. In vielen Ländern aber sterben immer noch Tausende von Menschen pro Jahr an ihr. Warum geht es da nicht schneller vorwärts?

Oft fehlt der politische Wille und das Geld. Ausserdem sind die Behörden vielerorts einseitig darauf aus, den Menschen zu schützen. Dann denken Sie nicht daran, die Tiere zu impfen. Und schliesslich braucht es ein funktionierendes Überwachungssystem, in dem alle Tollwutfälle gründlich erfasst werden.

Von wissenschaftlicher Seite ist also alles klar, es hapert nur bei der Politik?

Zwei Kinder zeigen ihre Hunde einer Ärztin. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Grosser Andrang: Viele Menschen bringen ihre Hunde, um sie gegen Tollwut impfen zu lassen. SRF

Nicht ganz. Wir wissen zwar genug über die Biologie der Tollwut, um Kampagnen zur Ausrottung durchzuführen. Wir sollten aber noch mehr wissen darüber, wie wir die Kampagnen möglichst wirksam durchführen können. Damit die ganze Bevölkerung daran teilnimmt. Wir müssen 70 Prozent der Hunde mit einer Impfung erreichen. Dazu müssen wir wissen, wo und wie die Hunde leben, und welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen.

Wann werden Sie wissen, ob die Impfkampagne in Tschad ein Erfolg war?

Wir wissen jetzt schon, dass seit einem Monat in N'Djaména kein tollwütiger Hund mehr gesichtet worden ist. Von einem Erfolg sprechen wir, wenn das zwei Jahre lang so bleibt.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Sendung zu diesem Artikel