Was die ersten Speere über die Evolution des Menschen verraten

Unsere Vorfahren waren geschickte Werkzeugmacher – schon viel früher als bisher angenommen. Bereits vor einer halben Million Jahren bauten sie raffinierte Speere. Die neuen Werkzeuge verraten einiges über die Evolution des Menschen.

Mit Werkzeugen haben die Vorfahren des modernen Menschen seit Urzeiten hantiert. Vermutlich haben schon die ersten Hominiden vor rund 6 Millionen Jahren Steine benutzt, um Nüsse zu knacken – wie das ja auch von Menschenaffen bekannt ist.

Funde belegen, dass die ersten Vertreter der Gattung Homo vor rund zweieinhalb Millionen Jahren mit einfachsten Mitteln Werkzeuge hergestellt haben. Sie hauten sich Steine zurecht, um damit harte Nahrung wie Nüsse zu öffnen, Fleischkadaver zuzuschneiden und auch, um Tiere zu töten. Rund 1 bis 2 Millionen Jahre lang schlugen sich die Ur- und Frühmenschen in Afrika mit solch einfach zugehauenen Steinen und zugespitzten Holzstücken durchs Leben.

Erste zusammengesetzte Werkzeuge

Dann – vor einer halben Million Jahren – entwickelten die frühen Werkzeugmacher ihr Geschick einen grossen Schritt weiter: Zu jener Zeit begannen die Frühmenschen nämlich, kompliziertere, zusammengesetzte, Werkzeuge herzustellen. Das zeigen neu analysierte Funde aus Südafrika, die kürzlich im US-Fachmagazin «Science» erschienen sind. Nahe der südafrikanischen Stadt Kathu wurden steinerne Speerspitzen in einer 500‘000-jährigen Erdschicht gefunden.

Ursprünglich mussten diese spitzen Steine an Holzstäben gesteckt haben. Zwar sind die heute verfallen, doch ihre Form ist in langen, runden Vertiefungen in den Steinen immer noch deutlich zu erkennen. Dass die Steine einst Speerspitzen waren, sahen die kanadische Paläoanthropologin Jayne Wilkins und ihre Kollegen von der Universität in Toronto auch an den für solche Wurfgeschosse typischen Abnutzungsspuren an den Spitzen.

Speere flogen viel früher, als gedacht

Vor 500‘000 Jahren also flogen in Südafrika die ersten raffinierten Speere durch die Luft – und brachten so manche Antilope, vielleicht auch Giraffen und Nilpferde, zur Strecke. Die Menschen bekamen nun öfter Fleisch zu essen als bisher. «Diese nahrhaftere Kost hat die menschliche Evolution beschleunigt», sagt Wilkins «und zwar viel früher, als lange angenommen». Die bisherigen Funde liessen nämlich annehmen, dass solche Werkzeuge erst vor 300‘000 Jahren entwickelt wurden.

Steinspitzen am Holzspeer befestigt Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mit Sehnen und Leim wurden die Steinspitzen an den Holzspeeren befestigt. Jayne Wilkins

Sollte sich die neue, frühere Datierung durch weitere Funde bestätigen, so wäre sie bedeutsam. Denn sie besagt, dass der Mensch fast  doppelt so früh wie bislang angenommen die Fähigkeit zu komplexem Denken und Handeln entwickelt hat. Jayne Wilkins erklärt diese Fähigkeit so: «Die frühgeschichtlichen Speerkonstrukteure verwendeten unterschiedliche Materialien, nicht nur Holz und Steine, sondern – als Befestigungsmittel – auch Sehen und Leim; sie arbeiteten in mehreren Schritten und wendeten dafür viel mehr Zeit auf, als sie das beim Herstellen einfacher Faustkeile oder Holzspeere getan hatten».

Die technische Innovation passte zur Entwicklung des frühmenschlichen Gehirns. Das Gehirn der Frühmenschen habe sich nämlich kurz zuvor, im Zeitraum von 500‘000 bis 600‘000 Jahren, deutlich vergrössert, so Jayne Wilkins, was  an den Fossilien gut zu erkennen sei. Das grössere Gehirn für raffiniertere Werkzeuge hatte der sogenannten Homo Heidelbergensis genutzt. Er gilt als Vorfahre des Neandertalers und Homo sapiens, die seine Technik später weiter verfeinerten.