Wie gefährlich sind Online-Casinos?

Schweizer Casinos dürfen online gehen. So will es der Bundesrat, denn die Glücksspieler wandern ins Internet ab. Doch wie soll die gesetzlich vorgeschriebene Kontrolle von Problemspielern im Netz gelingen?

Aufnahme von Geldspielautomaten in der virtuellen Welt «Second Life». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Digitale Verführung: In der virtuellen Welt «Second Life» konnte man auch Geld verlieren. Spieler protestierten, als es 2007 untersagt wurde. Reuters

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Radiobeitrag zum Thema:

Wie fallen in Online-Casinos die Würfel? Wie weiss die Forschung über Spielsucht? Mehr über diese und andere Themen im Wissenschaftsmagazin am 31.5. um 12:40 Uhr auf Radio SRF 2 Kultur.

Die Glücksspielwiesen im Internet sind jung, aber schon zahlreich. Auf 3'500 Webseiten kann heute verweilen, wer um Geld spielen will. Im Gegensatz zu herkömmlichen Casinos sind Online-Spielbanken leicht zugänglich und rund um die Uhr verfügbar. Das boomende Angebot, der bequeme Zugang und die ständige Verfügbarkeit bringen es mit sich, dass potenziell mehr Menschen mit Online-Geldspielen in Kontakt kommen. Ob der virtuelle Glücksspielmarkt deshalb auch zwingend mehr Menschen zu Süchtigen macht, ist indes nicht klar.

Denn die Online-Glücksspielforschung ist eine junge Wissenschaft. Ende der 1990er Jahre tauchten erstmals Geldspiel-Angebote im Internet auf. 2005 erschienen die ersten seriösen wissenschaftlichen Studien. Zwar zeigte sich, dass mit dem wachsenden Angebot auch die Zahl der Spieler steigt. Doch bisher liess sich nicht eindeutig nachweisen, dass das Online-Gambling ein höheres Suchtrisiko birgt als traditionelle Casinos, Wettlokale oder Pokertische.

Zwiespältige Resultate aus der Forschung

Manche Studien sprechen dafür, andere dagegen. Während Prävalenz-Studien zeigen, dass der Anteil krankhafter Spieler online grösser ist als in traditionellen Spielbanken, kommen Spielsuchtforscher der renommierten Harvard Medical School um Howard J. Shaffer zum Schluss: Der Mythos, wonach Online-Gaming ein besonders grosses Suchtpotential hat, sei zumindest in Frage zu stellen.

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Wie zeigt sich Spielsucht?

Sie ähnelt Süchten nach Drogen. Krankhaftes Spielen zeigt Symptome wie steigende Einsätze, um denselben Kick zu erreichen, oder vergebliche Versuche, es zu reduzieren oder zu stoppen. Man denkt oft ans Spielen, lügt über die Häufigkeit oder versucht, Verluste mit erneutem Spiel auszugleichen. Daran können Beziehungen und Karrieren scheitern.

In grossen Langzeit-Studien haben die Online-Spielexperten aus den USA das Verhalten von Zehntausenden Gamblern aus bis zu 80 Ländern untersucht. (Die Rohdaten der Harvard-Studien sind offen zugänglich). Das Ergebnis: 95 Prozent der Online-Spieler spielten sehr moderat und setzten nur kleine Geldbeträge ein. 4 Prozent zeigten ein problematisches Spielverhalten.

1 Prozent der Gambler war jedoch eindeutig süchtig, was ungefähr den Zahlen aus der Schweiz entspricht: Fachleute gehen davon aus, dass hierzulande rund 0,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung spielsüchtig ist.

Dunkelziffern als Unsicherheitsfaktor

Dennoch kämpft die Online-Spielforschung mit einigen Unbekannten. So bleibt beispielsweise im Dunkeln, wie viele Spieler vordergründig zwar unauffällig erscheinen, in Tat und Wahrheit aber auf zahlreichen Plattformen unterwegs sind und deshalb in der Summe ebenfalls ein verlustreiches oder gar krankhaftes Spielverhalten haben.

Schweizer Casinos sind gesetzlich verpflichtet, gefährdete und süchtige Spieler zu identifizieren, anzusprechen und allenfalls sogar zu sperren. Diese Auflagen werden sie auch erfüllen müssen, sollten sie dereinst online gehen. Doch wie soll das gelingen, wenn Spieler in der Anonymität des Internets die Kontrolle über sich verlieren? Hier sieht kein Croupier, dass ein Spieler sich zunehmend kopflos verhält, panisch versucht, seine Verluste wieder wettzumachen oder seine äussere Erscheinung zu vernachlässigen beginnt.

Indizien aus den Online-Daten

Kein Problem, sagt Fachmann Jörg Häfeli von der Hochschule Luzern. «Der Spieler im Internet ist ein gläserner Kunde», sagt er. Denn hier lasse sich jede Handlung, jede Verhaltensänderung zurückverfolgen: Was der Spieler tut, wird vom Computer laufend protokolliert. Jeder Spieler hat also eine Online-Akte – oder auch mehrere, wenn er auf unterschiedlichen Computern oder mit verschiedenen Identitäten spielt.

Häfeli hat zusammen mit den Casinos Baden, Luzern und Bern ein Sozialkonzept zur Prävention von Spielsucht erarbeitet. Heute erforscht er Indikatoren für krankhaftes Spielen im Internet. Er hat zum Beispiel untersucht, ob sich Problemspieler im Kontakt mit dem Kundeservice identifizieren lassen.

Ein Mann steht erregt vor einem Monitor, der ein Pokerspiel zeigt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Von Unterhaltung zur Sucht: Wenn Spielen zum Problem wird, kann sich das an Online-Daten zeigen. Keystone

Wie sich zeigte, haben Menschen mit auffälligem Spielverhalten oft auch ein auffälliges Kommunikationsverhalten. Gefährdete Spieler melden sich deutlich öfter beim Kundendienst als der Durchschnitt. Sie meinen etwa, dass ihr Kontostand nicht stimmt; sie haben Zweifel am Spielergebnis, tätigen mehr Transaktionen, reaktivieren öfter einen zuvor geschlossenen Account oder melden sich, weil sie ihr Passwort vergessen haben. Anhand solcher Schlüsselsätze konnten die Luzerner Glücksspielexperten um Jörg Häfeli drei Viertel der gefährdeten Spieler identifizieren.

Das Risiko am Verhalten ablesen

Auch die Suchtforscher aus Harvard haben typische Risikomuster identifiziert, die sich schon in einem sehr frühen Stadium der Suchtentwicklung zeigen. Spieler, die viel und lange spielen und Verluste mit neuen Einsätzen wettzumachen versuchen, gehören zu den Risikokandidaten.

Weitere wichtige Anzeichen für einen Kontrollverlust sind: steigende Einsätze, zunehmende Einsatzfrequenz, wachsende Nettoverluste und intensives Spielen direkt nach der Registrierung. In einer britischen Umfrage zeigte sich zudem, dass sich pathologische Spieler für viel mehr unterschiedliche Arten von Spielen interessieren als weniger gefährdete.

Von Warnungen bis zu Spielsperren

Spielsucht hat viele negative Folgen. Online-Forscher versuchen daher, präventive Ansätze zu entwickeln: Je früher eine problematische Entwicklung erkannt wird, desto eher kann man Spieler vor den schwerwiegenden Folgen einer Abhängigkeit bewahren. Im Netz lassen sich Verhaltensänderungen schnell und präzis erkennen. Das bietet die Chance, entsprechend rasch Gegenmassnahmen zu ergreifen.

Die Ansätze reichen von Popups, die auf die Gefahren hinweisen, über zeitliche oder finanzielle Selbstlimitierung bis zur Sperre. Popup-Fenster mit Infos zu Beginn und direkten Fragen während des Spiels wie «Haben Sie mehr verspielt, als Sie wollten?», zeigen Wirkung – wenn auch nur eine geringe.

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Hilfe für Betroffene:

Hilfe für Betroffene:

Telefonische Auskunft erteilen Fachleute beim Service der Helpline, die von 16 Schweizer Kantonen betrieben wird. Die Nummer lautet: 0800 040 080. Ausserdem stellt die Webseite www.sos-spielsucht.ch Informationen und Hilfsangebote zur Verfügung.

Studien zur Selbstlimitierung zeigen, dass etwa 1 Prozent der Spieler die Möglichkeit nutzen, ihre Spielzeit oder ihre Einsätze zu beschränken. Diese Spieler spielten nach der Selbstlimitierung weniger häufig, setzten weniger ein, und beschränkten sich auf weniger unterschiedliche Spiele.

40‘000 harte Fälle in der Schweiz

Die radikalste Massnahme, die vollständige Spielsperre, wird meist von den Betroffenen selbst ergriffen und dies häufig. Allein in der Schweiz haben 40'000 Menschen eine Spielbanken-Sperre. Und erste Untersuchungen im Netz zeigen, dass die Möglichkeit zum Selbstausschluss online sogar häufiger vorkommt als in herkömmlichen Spielbanken.

Doch Limiten und Sperren können das Spielen zwar verhindern, nicht aber die Sucht heilen. Wer nachhaltig der Verlockung der rasant wachsenden Online-Spielwiesen widerstehen möchte, kommt um eine Therapie kaum herum.